Winkend verließ sie den Centre-Court, enttäuscht, aber zuversichtlich, im Kreis der Besten weiter eine Rolle zu spielen. Deutschlands stärkste Tennisspielerin der vergangenen zwölf Monate verabschiedete sich am Donnerstag mit einer Niederlage im Viertelfinale gegen Viktoria Asarenka (4:6, 5:7) vom olympischen Tennisturnier. Ein Sieg hätte Angelique Kerber noch gefehlt, um in der Nähe der Medaillen zu landen, aber das ließ die Erste der Weltrangliste aus Weißrussland einfach nicht zu.
Am Abend zuvor hatte Kerber im Mixed an der Seite von Philipp Petzschner gegen Asarenka und Partner Max Mirny verloren, um 12 Uhr mittags kehrte sie am Donnerstag auf den Centre-Court zurück, den sie genau vier Wochen zuvor nach dem Halbfinale der All England Championships verlassen hatte. Und obwohl sie hinterher sagte, körperlich sei alles in Ordnung gewesen, steckten ihr die Anstrengungen von insgesamt sieben Spielen in fünf Tagen in Einzel, Doppel und Mixed in den Knochen.
Aber selbst nach einem Waldspaziergang wäre die Sache gegen Asarenka nicht viel leichter gewesen, denn die Weißrussin präsentierte sich nach eher mittelprächtigen Auftritten zum ersten Mal bei diesem Turnier in bester Form. Aus allen Lagen schoss sie harte, schnelle, flache Bälle übers Netz, und in den ersten zehn Minuten sah es so aus, als sei Angelique Kerber damit überfordert. Doch - und das gehört zu den größten Errungenschaften in letzter Zeit - wie so oft befreite sie sich, holte den Rückstand auf und glich zum 4:4 aus. Obwohl sie den Satz verlor, spielten die beiden in dieser Phase auf Augenhöhe. Alles schien möglich zu sein.
Das gleiche Bild im zweiten Satz - schneller Rückstand, Ausgleich zum 3:3. Aber Asarenka öffnete das Tor zur Festung ihres Spiels nie mehr als ein paar Zentimeter. "In den wichtigen Momenten war sie einfach besser als ich", gab Kerber später zu, "das muss ich akzeptieren." Am Ende sah es so aus, als könne sie sich beim Glück bedienen, um die Dinge vielleicht noch zu wenden; die ersten beiden Matchbälle wehrte sie mit Netzrollern ab. Beim dritten verwöhnte sie sich und das Publikum noch einmal mit einem Vorhandschuss, doch dann schnappte sich Asarenka verdientermaßen den Sieg.
Mehr zu: Angelique Kerber, Olympia, Serena Williams
Tennisspieler sind daran gewöhnt, wie Nomaden von einem Ort zum anderen zu ziehen, von einem Turnier zum nächsten, und nach der Rückkehr auf den Rasen Wimbledons wird sie nun mit der Karawane nach Nordamerika weiterziehen. Zunächst nach Montreal und Cincinnati und dann nach New York zum letzten der vier Grand-Slam-Turniere 2012, den US Open. "Ich freu mich auf New York, wo alles begonnen hat", sagt Kerber, "wo es boom gemacht hat." Vor einem Jahr hatte sie völlig überraschend das Halbfinale der US Open erreicht, und man kehrt bekanntlich gern an Orte zurück, die mit besonderen Ereignissen in Verbindung stehen.
In Wimbledon werden derweil die anderen um Medaillen spielen, auch Asarenka. Doch die wird im Halbfinale an diesem Freitag gegen Serena Williams alle Hände voll zu tun haben. Williams ist einschüchternd gut in Form. Sie behauptet, bisher in jedem olympischen Spiel besser in Form gewesen zu sein als in Wimbledon, wo sie bekanntlich vor einem Monat den Titel gewann. Eine Goldmedaille im Einzel fehlt ihr noch, aber im Hause Williams werden manche Dinge ja anders betrachtet. Bei der Frage, ob sie lieber das erste Gold im Einzel oder das dritte im Doppel mit Schwester Venus gewinnen würde, zögert sie keinen Moment und sagt: "Einzel wäre toll, aber wenn ich wählen müsste - dann Doppel."