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30. Olympische Spiele London 2012
Merken   Drucken   25.07.2012, 14:32 Schriftgröße: AAA

Olympia 2012: Trubel um die Schweigeminute

Die Hinterbliebenen der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 fordern eine Schweigeminute bei der Eröffnungsfeier in London. Das IOC weigert sich. Der Grund könnten wirtschaftliche Interessen sein.
von Grit Hartmann und Jens Weinreich, London

"Unsere finanziellen Reserven", sagte Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dieser Tage in London, "sind auf 558 Mio. Dollar  angewachsen." Als Rogge 2001 antrat, waren es nur 105 Mio. Ein schöner Erfolg. Moralische Fragen aber umschifft er gern. Warum das IOC auf der Eröffnungsfeier der Sommerspiele am Freitag in London keine Schweigeminute für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 durchführen will, wurde bisher nicht überzeugend begründet.

Das Thema wird weltweit diskutiert. Überraschend hat Rogge am Montag im Athletendorf eine Schweigeminute zum Gedenken an die elf Israelis abgehalten, die bei den Spielen in München vor 40 Jahren von palästinensischen Terroristen ermordet wurden. Eine "spontane Aktion" sei das gewesen, sagte der Belgier. Die Kontroverse hat das kaum befriedet. "Wir haben um eine Schweigeminute bei der Eröffnungszeremonie gebeten", kommentierte Ankie Spitzer, die Frau des 1972 ermordeten Fechttrainers André Spitzer, "nicht darum, dass jemand etwas vor ein paar Dutzend Menschen murmelt."

Ankie Spitzer hat mit anderen Hinterbliebenen mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt für diese 60 Sekunden auf der Eröffnungsfeier vor einem TV-Publikum von rund vier Milliarden Menschen. Spitzenpolitiker aus aller Welt, etwa US-Präsident Barack Obama und Außenminister Guido Westerwelle, schlossen sich dem Begehr an. Bewirkt hat es nichts. Offiziell hält das IOC die Eröffnungsfeier für "keinen geeigneten Anlass für ein Gedenken an diese tragische Tat". Im Frühjahr, bei einem Treffen mit Spitzer, war Rogge deutlicher. Ihm seien "die Hände gebunden", zitierte die Witwe aus dem Gespräch - und zwar wegen der arabischen und muslimischen IOC-Mitglieder (wohl 17) und Staaten (46). "Nein", hat Spitzer zu Rogge gesagt: "Die Hände meines Mannes waren gebunden. Ihre sind es nicht."

Thomas Bach ist Vizepräsident des Internationalen Olympischen ...   Thomas Bach ist Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC)

Insofern war es irritierend, dass Thomas Bach, IOC-Vize und DOSB-Präsident, die arabischen IOC-Mitglieder erneut ins Spiel brachte. Ein "Boykott der arabischen Staaten könnte eine Auswirkung sein", sagte Bach der Deutschen Welle. Kurz darauf ruderte er zurück. Das sei nicht richtig, behauptete Bach nun und sagte der FTD: "Ich habe mich im Gegensatz davon distanziert." Bach verwies auf Rogges Aktion und nannte sie "eine würdige Form".

Im September 2013 wird Rogges Nachfolger gewählt. Bach galt bisher als aussichtsreichster Kandidat, auch wenn derzeit das Momentum für einen Nichteuropäer spricht. Es sieht doch sehr danach aus, als ob der Deutsche mit der Boykottwarnung seinen Wahlkampf gestartet hat, wie man es von ihm erwartet hat - mit einer Finte und als kühl berechnender Netzwerker. Denn Bach zählt auf das Stimmenpaket aus dem arabischen Raum. Zu den Golfmonarchen hat der Wirtschaftslobbyist auch geschäftlich enge Beziehungen. Die Tauberbischofsheimer Weinig AG, deren Aufsichtsrat Bach vorsitzt, ist in der Hand kuwaitischer Investoren. Eines der mächtigsten und skandalumwitterten IOC-Mitglieder ist Scheich al-Sabah aus Kuwait, einst Opec -Präsident, Energieminister - und gerade Mitglied im IOC-Exekutivkomitee geworden.

Eine Verquickung beruflicher Interessen mit dem IOC-Ehrenamt weist Bach stets von sich. Doch es stellen sich immer neue Fragen. Denn Bach ist auch Präsident der Ghorfa, der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie. Sie untersteht der Generalunion der arabischen Handelskammern. Auch deshalb sind seine Äußerungen zur Schweigeminute problematisch. Israel -Kritik gehört bei Ghorfa-Veranstaltungen zum Standard.

Bachs Ghorfa profitiert seit Langem von einer israelfeindlichen Maßnahme - von der sogenannten Vorablegalisierung deutscher Exporte in die Golfstaaten. Weil angeblich erst dann das Geschäft läuft, lassen Unternehmen bei der Ghorfa ("Ihre Brücke in den arabischen Raum") ihre Papiere abstempeln. Der Stempel bestätigt, dass die Lieferanten keine Unternehmenstöchter in Israel haben und kein Teilchen ihres Produkts aus Israel stammt. Ghorfa-Generalsekretär Abdulasis al-Michlafi teilt auf Anfrage mit, was die Stempelei, offiziell "Legalisierungsservice", für 20 Länder einbringt: mehr als 900.000 Euro im vergangenen Jahr, knapp 42 Prozent der Einnahmen des Vereins.

Als Service wird das - vor fast 40 Jahren als Instrument im Handelsboykott der Arabischen Liga gegen Israel etabliert - nur noch selten bezeichnet. Eher als Abzocke. Der in Berlin ansässige Nah- und Mittelostverein, der im Gegensatz zur Ghorfa auch Israel zu seinen Mitgliedern zählt, schreibt in einem Offenen Brief, die Ghorfa habe für das Vorgehen "keinerlei Grundlage oder Berechtigung". Mit Bachs olympischem Dasein scheinen solche Geschäfte ohnehin nicht vereinbar. Vor allem, wenn er sich gleichzeitig als Gegner der Schweigeminute outet.

  • Aus der FTD vom 26.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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