FTD.de » Sport » Olympia » Geschichte » Von der Wall Street in den Rennsattel
30. Olympische Spiele London 2012
Merken   Drucken   15.07.2012, 18:09 Schriftgröße: AAA

Olympia 2012: Von der Wall Street in den Rennsattel

Früher arbeitete Evelyn Stevens als Analystin. Ihr erstes Hobbyrennen fuhr sie 2008 im New Yorker Central Park. Heute fährt sie Straßenrennen und tritt in London für Gold in die Pedalen.
von Tim Farin, Köln

Gern denkt Evelyn Stevens zurück an die Olympischen Spiele von Peking. Sie arbeitete damals im Finanzsektor und sehnte sich nach Ablenkung: "Die Stimmung in New York, speziell an der Wall Street, war miserabel, es gab so viel negativen Stress", sagt die 29-Jährige über den Sommer 2008. Sie saß vor dem Fernseher und tauchte ein: "Diese Geschichten über die Menschen, die den Sport so speziell machen, haben mich begeistert."

Vier Jahre später ist Stevens selbst eine dieser Geschichten. Das ist umso erstaunlicher, weil sie sich damals nicht einmal erträumt hätte, in London als Aktive dabei zu sein. Am 29. Juli startet Stevens für die USA im olympischen Straßenradrennen der Frauen, und die Experten trauen ihr eine Medaille zu. Der Witz: Erst im Olympia-Sommer 2008 absolvierte Stevens überhaupt ihr erstes Hobby-Rennen im New Yorker Central Park. Davor hatte sie mit dem Radsport nichts zu tun, war höchstens gelegentlich gejoggt. Wie so viele lebte sie für den Job.

Zwei Wochen vor den Spielen London rüstet auf für Olympia

Nach einem Bachelor-Studium am Elitecollege Dartmouth arbeitete Stevens zwei Jahre als Analystin bei Lehman Brothers in New York. Noch vor dem Aus des Investmentbanking-Riesen wechselte sie Mitte 2007 zum kleinen Investmentfonds Gleacher Mezzanine. "Bei Lehman war die Arbeit extrem hart, allein die Zeiten, die Intensität", sagt Stevens. Bei ihrem neuen Arbeitgeber war sie dafür zuständig, Informationen über potenzielle Investments zusammenzutragen, zu analysieren, Empfehlungen auszusprechen. Ein Leben für die Zahlen, das sich hinter den Glasfassaden Manhattans abspielte. Bis Stevens mit dem Rad die Flucht antrat.

Gilt als womöglich größtes Talent aller Zeiten: ...   Gilt als womöglich größtes Talent aller Zeiten: Ex-Wall-Street-Bankerin Evelyn Stevens auf ihrer Rennmaschine

"Ich war schon auf dem besten Weg in die Business-School", erinnert sie sich drei Jahre später am Rande des größten Etappenrennens der Frauen, dem italienischen GiroDonne. "Aber ich habe den Sinn nicht gesehen, also habe ich eine neue Idee verfolgt." Inspiriert hatten sie die Hobbyrennen mit dem Rad, das sie sich aus einer Lust gekauft hatte: "Ich spürte, dass ich das Abenteuer verfolgen musste", erinnert sich Stevens. Sie sitzt an einem heißen Juliabend auf einem Plastikstuhl vor einem schmucklosen Hotel im Industriegebiet der norditalienischen Stadt Sassuolo, sie redet schnell und voller Begeisterung, ist offen und auskunftsfreudig. Eine, wie es sie im Frauenradsport selten gibt - eine, die das Zeug hat zum Medienstar.

In den USA ist sie auf dem besten Wege dahin, selbst für die an unorthodoxe Karrieren gewöhnten Amerikaner ist der Bruch in Stevens‘ Lebenslauf etwas Besonderes: Sie schmiss ohne Rücksicht auf Sicherheiten im Sommer 2009 ihren Job bei Gleacher, setzte alles auf die Karte Radsport, hatte aber weder Profivertrag noch Siege vorzuweisen. Doch das änderte sich kurz nach ihrem Ausstieg aus dem Finanzsektor, als die seinerzeit noch selbst in der Szene völlig Unbekannte ihre ersten Profirennen gewann. "Ich habe nicht geschaut, wer mitfuhr und wer favorisiert war. Ich wollte einfach siegen", sagt Stevens.

Wegen des Geldes hat sie den Beruf nicht gewechselt: Profiradsportlerinnen verdienen nur einen Bruchteil dessen, was die Männer kassieren, kein Vergleich zum Finanzbereich. Stevens sieht das entspannt: "Ich habe Wohnungen, Kleidung, Essen, die besten Fahrräder - und ich sehe viel von der Welt." Früher, als sie noch im Büro arbeitete, sei kaum ein Kurzurlaub drin gewesen.

Als nächstes steht für sie London auf dem Reiseplan. Glaubt sie an eine Medaille? Obwohl sie in diesem Jahr prominente Erfolge gefeiert hat, bleibt sie vorsichtig. "Mein Ziel ist, gut vorbereitet mein bestmögliches Rennen zu fahren. Aber es gibt ja immer noch 2016." Entscheidender sei für sie sogar etwas anders. Ihre Chance, Menschen auf neue Gedanken zu bringen: "Ich fände es toll, wenn Leute von mir hören und dann etwas ausprobieren, was sie sich bislang nicht getraut haben."

  • Aus der FTD vom 16.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
Die Ergebnisse
der 1. Bundesliga
Hamburger SV-1899 Hoffenheim2:0(1:0)
Borussia Dortmund-VfL Wolfsburg2:3(1:2)
VfB Stuttgart-FC Schalke 043:1(2:1)
1. FC Nürnberg-Fortuna Düsseldorf2:0(1:0)
SC Freiburg-SpVgg Greuther Fürth1:0(1:0)
FC Augsburg-Bayern München0:2(0:1)
Eintracht Frankfurt-Werder Bremen4:1(0:0)
Bor. Mönchengladbach-FSV Mainz 05-:-
Hannover 96-Bayer Leverkusen-:-
zum Live-Ticker >>
LONDON

mehr London

WIRTSCHAFT

mehr Wirtschaft

GESCHICHTE

mehr Geschichte

© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler