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30. Olympische Spiele London 2012
Merken   Drucken   08.08.2012, 15:45 Schriftgröße: AAA

Olympia 2012: Diskuswerfer am Ziel seines Lebens

Er fühlte sich von den Kampfrichtern provoziert, dann legte er im letzten Versuch den Wurf seines Lebens hin. Robert Harting ist das Paradebeispiel für einen mündigen Athleten und ein Aushängeschild der deutschen Leichtathletik.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Robert Ghement
Er fühlte sich von den Kampfrichtern provoziert, dann legte er im letzten Versuch den Wurf seines Lebens hin. Robert Harting ist das Paradebeispiel für einen mündigen Athleten und ein Aushängeschild der deutschen Leichtathletik.
von Jens Weinreich, London

Glück im Unglück hatte Robert Harting. Als er am Mittwochmorgen nach langer Nacht per Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte, er sei bestohlen worden, sorgten sich seine Follower sofort um die Goldmedaille. Doch die hatte Harting, der am Dienstagabend Olympiasieger im Diskuswerfen geworden war, noch gar nicht erhalten. Die Siegerehrung fand erst am Mittwoch statt. Zu diesem Zeitpunkt war Harting schon im Besitz einer neuen Akkreditierung, nachdem man ihm mitten in der Nacht den Zugang zum Olympischen Dorf verweigert hatte. Da half auch sein Hinweis nicht, dass er Olympiasieger sei. Streng sind die Sitten.

Ob Harting wirklich bestohlen wurde, oder im alkoholgeschwängerten Feier-Trubel mit mehreren Dutzend Freunden auf der MS Deutschland nur die Übersicht verloren hatte, ist ziemlich egal. Denn am Ende einer ohnehin turbulenten Saison mit allerlei Malaisen ist in jeder Beziehung alles gut gegangen für Robert Harting, 27, geboren in Cottbus, wohnhaft in Berlin. Er hat innerhalb eines Jahres drei Mal Gold gewonnen: bei der WM in Daegu (Südkorea), bei der EM in Helsinki und nun in London. Das hat noch kein Diskuswerfer geschafft, schon allein deshalb, weil diese Wettbewerbe noch nie in so kurzer Zeit stattgefunden haben. Harting ist seit zwei Jahren ungeschlagen. Er ist, vorerst, am Ziel seines Lebens.

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Seine Startnummer hat er nicht gegessen. Diesmal nicht, anders als bei der Weltmeisterschaft vor drei Jahren in Berlin. Er riss sich das Trikot vom Leibe, das schon. Dann holte er sich den ersten Kuss und die deutsche Fahne von seiner Mutter auf der Tribüne, genoss seine Ehrenrunde, brüllte immer wieder vor Freude - und legte mit bäriger Eleganz einen Hürdensprint ein. Denn auf der Geraden waren schon die Hindernisse für das Sprintfinale der Frauen aufgebaut. "Ich wollte doch der Sally Pearson mal zeigen, wie das geht", sagte Harting. Pearson, die Australierin gewann wenig später den Wettbewerb.

Nun gehen die Bilder vom hürdenlaufenden Diskus-Recken um die Welt. Es war, präzise betrachtet, auch Hartings kleine Rache an den Kampfrichtern, die ihn in den ersten drei Versuchen extrem geärgert hatten. Zweimal ließen sie ihn bei 800-m-Halbfinals der Männer werfen, obwohl er um eine Pause gebeten hatte, wie das eigentlich auch üblich ist.Wegen des Lärms konnte er sich nicht richtig konzentrieren "und nicht denken". Er habe "nicht mal die Schreie gehört", mit denen er sich motiviert. Beim dritten Versuch hat ihn der Kampfrichter aufgefordert, sein Handtuch weiter vom Wurfring entfernt abzulegen, auch das störte. "Da sind dann drei Würfe weg, drei Würfe in einem olympischen Finale! Einfach weg!"

Er hat es dennoch gepackt und jene 68,18 Meter, die der Iraner Ehsan Hadadi im ersten Versuch verlegte, im fünften Durchgang übertroffen. "Meine Beine waren schwer. Da musste ich es eben mit den Armen machen", sagte Harting. "Sieben PS sind da drin. Es hat gereicht." 68,27 Meter. Zwei Minuten banges Warten. Einmal noch durfte Hadadi in den Käfig. "Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, nichts mehr tun zu können", sagte Harting. Dann war es erledigt. Und bald rächte er sich an den Kampfrichtern, die ihm den Hürdensprint verweigern wollten. "Sie haben mich provoziert, also ich bin gelaufen."

Also haben sie ihn provoziert - und er hat gewonnen. Das nennt man wohl: Energien positiv umsetzen. Hartingbraucht diese Art von Herausforderungen, die er sich auch selbst geschafft hat, um sich daran abzuarbeiten. Harting braucht immer Reibung. Er hat sich oft lautstark geäußert, hat Dopingopfer kritisiert, hat stets über die angeblich finanzielle Unterstützung und den angeblich mangelnden Respekt für Leistungssportler gejammert. Doch Harting war nie ein dumpfer Eisenstemmer, als der er manchmal beschrieben wurde. Seine Welt war nie nur eine Scheibe, wie etwa für Lars Riedel, den fünfmaligen Weltmeister und Olympiasieger von 1996, der sich allein auf das Diskuswerfen konzentrierte und nicht mal darüber richtig erzählen konnte.

Harting ist anders. Ein Straßenkämpfer mit künstlerischen Fähigkeiten. Er malt. Harting trainiert wie ein Profi, Harting studiert an der Universität der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, Harting baut sich eine Fabriketage aus, Harting absolviert in Kürze den nächsten Bundeswehr-Lehrgang. Robert Harting ist, obgleich im Osten sozialisiert und von Werner Goldmann betreut, einem Trainer, über dessen Doping-Vergangenheit lange erbittert öffentlich debattiert wurde, ein Paradebeispiel für einen mündigen Athleten. Unbequem, offen, kritisch, ehrgeizig, eloquent. Es ist kein Zufall, dass der Soziologieprofessor Eike Emrich, der von 2004 bis 2009 als Vizepräsident des Leichtathletikverbandes für eine neue Struktur und neue Leitbilder kämpfte, sich immer gut verstand mit Harting. Das lag gewiss nicht an den ähnlichen Körpermaßen der beiden, sondern daran, dass sie sich im kritischen Dialog, im Streit einander annäherten und schätzen lernten.

Klar, da gab es die Geschichten von Disko-Raufereien in seiner Jugend. Doch hinter der rauen, harten Schale verbarg sich schon immer ein weicher Kern. "Ich habe mich sehr verändert", sagte Harting, "wegen der Schmerzen." Die langen Jahre als Leistungssportler fordern ihren Tribut, so ist es übrigens schon Hartings Vater ergangen, der ebenfalls Diskuswerfer war. "Aber ich will dem heute keinen Raum geben", sagte Harting. Knie und Rücken bereiteten auch in diesem Jahr Probleme. In London war das aber eher eine mentale Sache. "Man konnte richtig hören, wie der Zweifel vom Zeh immer höher rutschte", beschrieb es Harting, "zum Knie bis zur Hüfte".

Der Zweifel hat es ihm nicht leicht gemacht. Sätze wie diese zeichnen Robert Harting aus. Fast schon Sätze mit philosophischer Tiefe. "Ich hatte da nichts im Griff, aber das Beißen und Kämpfen hat sich gelohnt", sagte er nach dem Wettkampf seines Lebens. "Obwohl man ja immer Gefahr läuft, nicht belohnt zu werden." Das mit der Belohnung wird er dieser Tage gewiss weiter diskutieren. Anerkennung und Lohn, darum geht es ihm ja immer. "Ich habe meine Arbeit getan", sagte er in den Katakomben des Olympiastadions nicht nur einmal. "Den Rest müsst ihr machen."

  • Aus der FTD vom 09.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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1. FC Nürnberg-Fortuna Düsseldorf2:0(1:0)
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