Der Rundenlauf ist eine amerikanische Domäne. Die US-Boys beherrschen die 400-Meter-Strecke so sehr wie im olympischen Sport sonst nur die Chinesen das Tischtennis oder die deutschen Frauen das Rennrodeln. Amerikaner gewannen von 1896 bis 2008 mehr als die Hälfte aller Medaillen, stellten 20 von 27 Olympiasiegern, schafften zuletzt 2004 in Athen und 2008 in Peking den Sweep - durften also zu dritt zur Siegerehrung. Nur zweimal gingen sie leer aus, als die Medaillen verteilt wurden: 1908 in London ließen sie, nachdem einer ihrer Landsleute disqualifiziert worden war, den Briten Wyndham Halswelle allein das Finale laufen. 1980 in Moskau boykottierten die USA die sowjetischen Propagandaspiele.
Am Montag in London war alles ganz anders.
Drei Amerikaner waren angetreten, keiner schaffte es ins Finale. Das hat es noch nie gegeben. Der Weltjahresbeste und Olympiasieger von 2008 LaShawn Merritt schied im Halbfinale aus. Merritt war bis zum vergangenen Jahr 21 Monate gesperrt, nachdem er wegen einer Penisvergrößerung positiv getestet worden war.
Ohne die Amerikaner war es ein buntes, juveniles Feld, ein wahrhaft olympisches. Fünf Läufer aus der Karibik, ein Australier sowie die belgischen Zwillinge Jonathan und Kevin Borlée. Es wurde ein spektakulärer Lauf. Kirani James, 19, von der Karibikinsel Grenada, stürmte unaufhaltsam voran und gewann mit mehr als einer halben Sekunde Vorsprung. "Ich danke Gott", sagte James, "er hat mir die Kraft gegeben, mein Land stolz und glücklich zu machen." Grenada ist das 143. Land, das in der Geschichte der Spiele eine Medaille gewann. In London haben sich zuvor Guatemala und Zypern in die Liste eingetragen. Mit nur 109.000 Einwohnern ist Grenada nun das kleinste Land unter allen Medaillennationen.
Kirani James steht mit seinen 43,94 Sekunden nun auf Rang acht der ewigen Weltbestenliste. Vor ihm waren nur US-Amerikaner unter 44 Sekunden geblieben, natürlich. James, um den sich ein Dutzend US-Colleges gerissen hatten, lebt und trainiert seit drei Jahren in Alabama (USA).
Die 400 Meter sind eine mörderische Strecke, auf der die Sportler schnell verbrennen können. Junge Wunderläufer hat es immer wieder gegeben. Manche kamen, holten Goldmedaillen, liefen Rekorde - und verschwanden wieder. Manche trainierten unter Dopingtrainern und waren selbst in Affären verstrickt. Kirani James ist nun der jüngste Olympiasieger von allen. Aber nicht einmal der jüngste im jüngsten Finale aller Zeiten: Luguelin Santos, Jugendolympiasieger 2010 aus der Dominikanischen Republik, der Zweiter wurde, ist noch zwei Monate jünger. Der Australier Solomon Steven, Achter in London, ist gerade 19 geworden. Bronzemedaillengewinner Lalonde Gordon (Trinidad) auch erst 24.
James tauschte im Halbfinale mit dem südafrikanischen Prothesenläufer Oscar Pistorius die Startnummern. "Es war mir eine Ehre, gegen ihn zu laufen", sagte James. "Oscar inspiriert uns alle, unabhängig davon, ob wir gehandicapt sind oder nicht."
Die Leistungsentwicklung von James ist bestens dokumentiert. Er ist mit ähnlichem Talent gesegnet wie Usain Bolt. Seit 2007 hat er bei internationalen Meisterschaften 14 Goldmedaillen gewonnen. London ist die vorläufige Krönung einer Traumkarriere. Natürlich hat auch er gesagt, was fast alle karibischen Läufer sagen: "Zu Hause tanzen die Menschen jetzt auf der Straße."