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30. Olympische Spiele London 2012
Merken   Drucken   26.07.2012, 18:45 Schriftgröße: AAA

Affären im olympischen Dorf: "Die Leute haben draußen Sex"

Seit Jahrzehnten wird über das nächtliche Treiben im olympischen Dorf getuschelt. Jetzt packen Sportler wie die US-Torfrau Hope Solo aus.
© Bild: 2012 Getty Images/Bennett Raglin
Seit Jahrzehnten wird über das nächtliche Treiben im olympischen Dorf getuschelt. Jetzt packen Sportler wie die US-Torfrau Hope Solo aus.
von Erik Eggers, London

Als Ryan Lochte 2008 zu den Olympischen Spielen nach Peking reiste, war er liiert. "Ein großer Fehler", sagt der amerikanische Rückenschwimmer, der in China dreimal mit Gold dekoriert wurde. Diesmal, in London, ist alles anders. "Jetzt bin ich Single. Deswegen sollte London wirklich gut werden. Ich bin sehr aufgeregt." Im olympischen Dorf, wo die rund 10.000 Athleten wohnen, gebe es schließlich sehr viel Sex. Etwa 70 bis 75 Prozent der Sportler, schätzt Lochte, würden sich nicht nur um den Sport kümmern bei den Olympischen Spielen. "Hey, manchmal musst du tun, was zu tun ist", sagt er.

London 2012 Eine Stadt im Olympia-Fieber

Lochte ist nicht der einzige prominente Sportler, der dem Magazin des US-Sportsenders ESPN nun anvertraut hat, was läuft in dieser Athletenenklave, in der Tausende junger Menschen mit gut trainiertem Körper fern der Heimat leben, wo es fast riecht nach Testosteron und wo nun in London 150.000 Kondome verteilt werden sollen. Für Fußballtorhüterin Hope Solo, die 2008 mit der US-Mannschaft in Peking olympisches Gold gewann, ist das olympische Dorf ein Sündenpfuhl, die moderne Ausgabe von Sodom und Gomorrha. "Ich habe Leute gesehen, die draußen Sex hatten. Auf dem Gras, zwischen den Gebäuden, die Leute waren schmutzig und verdorben." Solo selbst berichtet von einer wüsten Party nach ihrem Olympiasieg, mit dabei sei auch der Schauspieler Vince Vaughn gewesen, wie immer der Zutritt bekommen hat. Und sie selbst sei, nun ja, ebenfalls mit einer Berühmtheit auf dem Zimmer gewesen. Den Namen verrät sie nicht: "Das bleibt mein olympisches Geheimnis."

Für die Fußballerin ist sexuelle Libertinage im olympischen Dorf fast logisch. "Athleten sind Extremisten", erklärt sie. Wenn Sportler trainieren, dann legten sie alle ihre Kraft auf das Training. Und wenn sie nach all den Qualen und abstinenten Phasen nach dem Wettkampf einen trinken gehen, sagt sie, "dann werden es 20 Drinks". Hinzu komme die Einmaligkeit. Viele Sportler hätten nur einmal die Möglichkeit, an Olympischen Spielen teilzunehmen. "Da will jeder an seinen Erinnerungen bauen, ob nun beim Sex oder bei der Party."

Hinzu kommt, dass es weltweit wohl keinen anderen Ort gibt, an dem sich so viele trainierte und wohlproportionierte Körper versammeln und begutachten. Schon vor diesem Hintergrund ranken sich viele Legenden um angeblich besonders wilde Sportlerinnen und Sportler. Wenn Sportler in diesem Zusammenhang tuscheln, dann über blonde Skandinavierinnen, Beachvolleyballerinnen und Wasserballer. Auch die Kunstspringer lägen weit vorne in diesem Festival der am besten geformten Körper, heißt es.

Einer der berühmtesten Springer der olympischen Geschichte, Greg Louganis, hat davon berichtet, dass die Liebe zu anderen Körpern auch ideologische Schranken überwand. 1976 in Montreal, bei seinen ersten Spielen, sei er auf den Partys der sowjetischen Springer gelandet. Ihn habe die sexuelle Freiheit, die diese Sportler bei Kaviar, Wodka und Champagner an den Tag gelegt hätten, wie ein Blitz getroffen - zumal er damals erst 16 Jahre alt war und sich "erst langsam selbst entdeckte". Louganis, der 1984 und 1988 viermal Gold holte, avancierte später zu einem Idol der US-Homosexuellenbewegung.

Freilich scheint es Sportarten zu geben, die benachteiligt sind. "Wenn man die gesamten Spiele eine Partie nach der anderen vor der Brust hat und das Finale am letzten Sonntag ansteht, bleibt wenig Zeit für andere Dinge", berichtet der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan, Olympiateilnehmer 1996, 2000 und 2004. Sein damaliger Kollege Frank von Behren sagt über Sex und Spiele gar: "Das ist ein Mythos, zumindest bei uns." Na ja. Die Liaison von Handballstar Stefan Kretzschmar mit Franziska van Almsick begann bekanntlich bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney.

Dass die Olympioniken fernab der Heimat auf erotische Ideen kommen, ist so alt wie die modernen Spiele. Schon in Athen 1896 hoben die Berichterstatter die Straßenprostitution unter der Akropolis hervor. 1900 in Paris lobte der deutsche Springer Kurt Doerry die galanten Franzosen, die es verstanden hätten, nicht nur gutes Essen und guten Wein, sondern auch erotische Genüsse vorzusetzen.

Und über 1936 in Berlin berichtet der Sportmediziner Martin Brustmann, die Nationalsozialisten hätten den Sportlern freien Zugang zu Bordellen gewährt: "Dr. Goebbels und Reinhard Heydrich sorgten dafür, dass die sonst streng kontrollierten Maisons de Rendezvous gut besetzt und zugänglich waren, ohne polizeiliche Kontrolle!" Der Maschendrahtzaun um das olympische Dorf habe kein Hindernis dargestellt für die Männer. Die Sportlerinnen wohnten separat.

Diese geschlechtliche Trennung gibt es heute nicht mehr. Allein die australischen Funktionäre haben beschlossen, dass das Ehepaar Russell und Lauryn Mark, zwei Sportschützen, nicht in einem Zimmer wohnen dürfen. Aber auch sie dürften Wege finden, zueinanderzukommen.

  • Aus der FTD vom 27.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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