Michael Vesper hat abgenommen. Er wollte zu den Olympischen Sommerspielen, bei denen er zum zweiten Mal als Chef de Mission der deutschen Mannschaft amtiert, eine gute Figur machen. Schließlich präsentiert er sich täglich in Trikot und Jogginghose. Manche finden das unpassend für einen 60-Jährigen.
Im Moment ist er vor allem als Krisenmanager gefragt. Sein beherztes Eingreifen in der Neonazi-Affäre um die Ruderin Nadja Drygalla hat ihm eine Menge Respekt eingebracht. Andere wieder sehen darin den Versuch, schwierige Sachverhalte schnell abzubügeln.
Michael Vesper kann es keinem recht machen. In der Endphase seiner beruflichen Karriere gibt er den personifizierten Widerspruch. Ein Grüner, der sich 2006 mit einem fürstlichen Gehalt auf den Posten des Generalsekretärs des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hieven ließ, weit über dem, was er einst als Bau- und Sportminister in Nordrhein-Westfalen verdiente.
Ein Grüner, der als DOSB-General mit dem Unions-geführten Bundesinnenministerium paktiert - und mit dem DOSB-Präsidenten, Industrielobbyisten und FDP-Mitglied Thomas Bach. Ein Grüner, der seine Ideale verrät, wie einige alte Weggefährten monieren. Der für Intransparenz und Kungeleien steht und gerichtlich dafür eintritt, dass die Verträge zwischen DOSB und Sportfachverbänden, die die Verwendung von gut 200 Mio. Euro jährlich aus Steuermitteln regeln, nicht öffentlich werden. Ein Grüner, der familiär gut vernetzt ist: Seine Frau Ferdos Forudastan wurde kürzlich Sprecherin des Bundespräsidenten Joachim Gauck, der auch schon in London vorbeischaute.
Vesper ist Realo, er hat in mehreren NRW-Regierungen hinter den Kulissen zwischen SPD und Grünen vermittelt. Für ihn war die Partei, ähnlich wie für Joschka Fischer und Weggefährten, eine Karriereleiter. Im vergangenen Jahrtausend sei er Gründungsmitglied der Grünen gewesen, behaupten Geschichtsschreiber.
Vor vier Jahren verteidigte er die chinesischen Propagandaspiele in Peking bis aufs Messer und verordnete seinen Sportlern vorher quasi einen Maulkorb. Zu politischen Fragen, wie denen der Menschrechte, durften sie sich nicht äußern.
Vesper stammt aus einem katholischen Elternhaus. Sein Vater saß für die CDU im Düsseldorfer Stadtrat. Sein Bruder Stefan ist seit Langem Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. In traditionell konservativ geprägten Sportorganisationen ist so etwas von Nutzen.
Vesper kann sogar von seiner Promotion zehren, die er 1982 zum Thema "Überleben in Namibia, Homelands und kapitalistisches Weltsystem" ablegte. In Namibia fördern Deutschland und der DOSB zahlreiche Sport-Entwicklungshilfeprojekte. Namibia hat ein IOC-Mitglied, Frankie Fredericks, der mit einer Berlinerin verheiratet ist. Die Stimme von Fredericks ist wichtig, wenn Vespers Boss Bach im kommenden Jahr Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden will.
Alles ist politisch im Business mit den olympischen Ringen - und deshalb ist Vesper, auf seine Art, sehr erfolgreich. Er war Außenseiter im Sport. Er hat sich durchgesetzt und den DOSB mit harter Hand in ein zentralistisches Organ verwandelt. Er würde gern feine Geschichten über sich lesen, vom Macher mit den grünen Idealen. Wortgewandt versucht er, Journalisten beim Wein von sich zu überzeugen. Raffiniert benutzt er die Medien. Doch den Grundwiderspruch seines Lebens kann er nicht auflösen.