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30. Olympische Spiele London 2012
Merken   Drucken   04.08.2012, 14:00 Schriftgröße: AAA

Olympia: Die Hungerspiele von 1948

Drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg richtet das geschundene London Olympische Spiele aus und begründet einen Mythos: Mit den "Austerity Games" zeigen die Briten der Welt, wie man aus Trümmern aufersteht.
von Louise Brown, London

Ohne Craven-A-Zigaretten wäre die kriegsmüde Jugend der Welt nicht nach London gekommen. Auch nicht ohne Guinness. 1948 lag die Welt in Trümmern, und so gern das erschöpfte Empire ein Zeichen der Hoffnung setzen wollte: Für die Olympischen Sommerspiele 1948 war einfach kein Geld da. Einen lächerlichen Etat von 732.000 Pfund kratzte das Londoner Organisationskomitee mithilfe seiner Hauptsponsoren zusammen - für Spiele in einer Stadt, die von Bombenangriffen gezeichnet war und deren Bewohner ein klägliches Dasein mit Lebensmittelkarten und Brennstoffzuteilungen fristeten.

Eine Gedenktafel im Wembely Stadion in London zeigt die ...   Eine Gedenktafel im Wembely Stadion in London zeigt die Medaillengewinner der 1948er Spiele

"Austerity Games", "Spiele der Entbehrung", nannten die Briten selbstironisch ihr Meisterwerk der Mangelwirtschaft - für viele Briten heute einer der stolzesten Momente der Nachkriegszeit, von dem Londoner noch immer voller Ehrfurcht sprechen. Dass die britische Hauptstadt die Spiele überhaupt ausrichten würde, war nicht selbstverständlich. Zwar hatte der Krieg London um die Sommerspiele von 1944 gebracht, die der Metropole zugesprochen worden waren. Doch jetzt waren die Menschen müde und unterernährt, ein Viertel des Volksvermögens vernichtet und der Staat schon mit dem Wiederaufbau der zerbombten Wohnungen überfordert - an neue Sportstätten war gar nicht zu denken.

Und doch war Großbritannien das einzige Land, das ein weltweites Sportereignis ausrichten konnte. Die USA schieden aus - drei Jahre nach dem Krieg gab es nicht genug Schiffe und Flugzeuge, um die Sportler aus aller Welt auf den fernen Kontinent zu bringen. Und London hatte auch nach sechs Jahren Krieg etwas, das anderen Städten fehlte: eine gut funktionierende Verwaltung. Tatsächlich sollte es ihr gelingen, die Spiele mit einem Etat auszurichten, der - auf heutige Kaufkraft umgerechnet - etwa 0,2 Prozent der 10 Mrd. Pfund  beträgt, die die Spiele von 2012 kosten sollen.

Ein Erfolg, den die Briten ihrem pragmatischen Motto "Make do and mend" verdankten: reparieren und sich mit dem begnügen, was da ist. Die alten Sportstätten wurden instand gesetzt, eine Luftabwehrbasis zur Rennradbahn umgebaut, nur die Straße zum Wembley-Stadion wurde neu gebaut. Von deutschen Kriegsgefangenen - der einzige deutsche Beitrag zu den Spielen, wie Japan war der geschlagene Feind von den Spielen ausgeschlossen.

Das kleine Organisationskomitee bezog Quartier in einem katholischen Gemeindesaal, wo das Herz der Operation stand: Drei Kreidetafeln mit den Titeln "Today", "Tomorrow" und "The Day after Tomorrow". Die Olympia-Macher setzten auf eine Mischung aus Sponsoring, Solidarität und Barmherzigkeit. 250 Pfund nahm das Komitee von Geschäftsleuten, die das olympische Logo in einem Schaufenster oder in ihren Anzeigen nutzen wollten. Der Besitzer des Wembley-Stadions verlieh das Stadion an die Regierung für 85.000 Pfund, wartete mit seiner Rechnung aber freundlicherweise, bis die Spiele vorbei waren. Das englische Versorgungsministerium lieferte Betten und Matratzen. Kanada schickte Holz für den Boden des Baseballfeldes, die Schweiz Turngeräte.

Die Briten selbst waren skeptisch. Die Tageszeitung "Evening Standard" sprach vielen Bürgern aus der Seele, als sie sich über "ein ganzes Jahr teurer Vorbereitungen für den Empfang einer Armee von ausländischen Athleten" echauffierte. "Die Vorstellung, in jenen Tagen Zeit und Geld in etwas Belangloses wie Rennen und Springen zu investieren, war für viele unverständlich", sagt die Historikern Janie Hampton. Entsprechend verhalten war der Empfang, den die Stadt den Athleten bescherte. Ein paar müde Flaggen am Piccadilly Circus begrüßten die Gäste, am Stadion in der Harrow Road verkündete ein Schild: "Willkommen zu den Olympischen Spielen. Diese Straße ist eine Gefahrenzone."

Der italienische Sportler Ottavio Missoni erhielt dieses Diplom ...   Der italienische Sportler Ottavio Missoni erhielt dieses Diplom für seine Teilnahme an den Olympischen Spielen 1948

Und dann strömten am 29. Juli 1948 doch 80.000 Menschen ins Wembley-Stadion, um die erste Nachkriegsolympiade zu eröffnen. Die Veranstalter hatten sich redlich um eine würdige Zeremonie bemüht, 7000 Tauben ließen sie fliegen, 4000 Sportler aus 59 Nationen marschierten ein zur Musik der Grenadier Guards in ihren Bärenfellmützen - deren Instrumente in der Hitze allesamt verstimmt waren.

"Einfach, aber ernsthaft" sei die Zeremonie gewesen, erinnert sich der Rennradfahrer und zweifache Medaillengewinner Tommy Goodwin. Wer genau hinsah, konnte schon am ersten Tag sehen, wie sehr die Gastgeber improvisierten. Die wenigen britischen Flaggen im Stadion waren ausgefranst. Das britische Team stellte kurz vor dem Einmarsch fest, dass niemand daran gedacht hatte, einen Union Jack mitzubringen, und schickte einen Läufer, der in letzter Minuten einen auftrieb. Und der Premierminister kam erst, als die Feier halb vorbei war.

Über 1 Mrd. Pfund  hat das olympische Dorf der Sommerspiele 2012 gekostet. 1948 gab es kein Dorf. Für die weit gereisten Sportler aus aller Welt wurden Schulschlafsäle, Jugendherbergen und Armeebaracken geräumt, Handtücher mussten die Athleten selbst mitbringen. Und weil die Briten 1948 noch weniger zu essen hatten als 1945, schickte die Welt Proviant: Mexiko lieferte Chilis, Ungarn Mohnsamen und Zitronen, Dänemark 160.000 Eier, die Niederlande 100 Kilo Käse und 900 Ingwerkuchen. Die Amerikaner flogen für ihre Athleten täglich Weißmehl und Obst ein.

Die Verpflegung sorgte auch für die wenigen Animositäten, sagt Historikerin Hampton. Die schlechte Versorgung füllt allein zwölf Seiten eines 14-seitigen französischen Berichtes über die Spiele. Unter anderem beklagten die Franzosen, wie schwer es gewesen sei, eine Ladung Mouton-Rothschild-Rotwein durch den Zoll zu bekommen - für die britischen Beamten war es unvorstellbar, dass so viel Wein für den persönlichen Genuss bestimmt sein könnte. Die Franzosen bekamen ihren Wein am letzten Tag der Spiele. Und die amerikanischen Ruderer lösten mit despektierlichen Bemerkungen über britische Brötchen eine wütende Teigwarenschlacht mit der Gastgebermannschaft aus.

So improvisiert wie die Anlagen waren die Vorbereitungen der Teilnehmer - die 1948er-Spiele werden auch "Amateur Games" genannt. Tommy Goodwin kam mit seinem Rennrad per Bahn aus Birmingham nach London und kehrte am nächsten Tag heim zu seiner Arbeit als Bote. Stabhochspringerin Dorothy Tyler-Odam, Mutter von zwei Kindern, "schaffte es hin und wieder, im Laufverein ein wenig zu laufen und zu springen". Viele Athleten konnten erst dann halbwegs ernsthaft trainieren, als ein Ferienlagerbetreiber für eine Woche eine seiner Anlagen zur Verfügung stellte.

Im Ausland sah es nicht viel besser aus, die neuseeländischen Athleten etwa waren fünf Wochen auf einem von Kakerlaken überlaufenen Frachtschiff unterwegs. Viele Athleten waren vom Krieg gezeichnet: Der ungarische Weltmeister im Pistolenschießen, Karoly Takacs, hatte seine rechte Hand verloren und gewann Gold mit der linken. Und der britische Gewichtheber Jim Halliday war laut Zeitungsberichten in japanischer Kriegsgefangenschaft auf 25 Kilo abgemagert - er gewann Bronze.

Die Identity Card des britischen Olympia-Teilnehmers Lionel Price ...   Die Identity Card des britischen Olympia-Teilnehmers Lionel Price vor dem offiziellen Olympia Poster

Als Olympionike stand ihm wie seinen Sportskameraden die doppelte Essensration zu, die sonst Arbeitern vorbehalten war. Ein handfestes Privileg war auch die Uniform für den Stadioneinmarsch - Durchschnittsbürger durften sich nur alle 20 Monate ein Hemd oder eine Bluse kaufen. Die Trainingskleidung indes war meist selbst genäht.

Obwohl die Veranstalter nach den Erfahrungen von 1936 alles vermieden, was der Olympiade das Gepräge einer Propagandashow hätte verleihen können, richtete der Geist des "Make do and mend" das demoralisierte Land wieder auf, sagt Historikerin Hampton: "Die Spiele zeigten den Briten, dass sie ihr Land wieder aufbauen konnten - so wie die Sportler es ohne geschafft hatten, ohne richtiges Training Medaillen zu gewinnen."

Bis heute ist das britische Improvisationstalent eine treibende Kraft der Wirtschaft. Und auch wenn man 1948 von den Sponsorengeldern des Jahres 2012 nicht zu träumen gewagt hätte, erwiesen sich auch die Austerity Games noch als durchaus gutes Geschäft. Als die Flamme erlöschte, verkauften die Briten das gesamte Inventar: Ruder- und Segelboote, Flaggen, Baseballschläger und Pferde. Der Gewinn betrug für damalige Verhältnisse beachtliche 29.000 Pfund.

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  • Aus der FTD vom 05.08.2012
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Hamburger SV-1899 Hoffenheim2:0(1:0)
Borussia Dortmund-VfL Wolfsburg2:3(1:2)
VfB Stuttgart-FC Schalke 043:1(2:1)
1. FC Nürnberg-Fortuna Düsseldorf2:0(1:0)
SC Freiburg-SpVgg Greuther Fürth1:0(1:0)
FC Augsburg-Bayern München0:2(0:1)
Eintracht Frankfurt-Werder Bremen4:1(0:0)
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