Das olympische Mehrkampffinale der Turner wird ohne den amtierenden Vizeweltmeister Philipp Boy stattfinden. Er hat sich für kein Gerätefinale qualifiziert, und ob er am Montag für das Teamfinale einsatzfähig sein wird, ist noch offen. "Ich hoffe, dass ich alles für das Team geben kann", sagte Boy nach dem Wettkampf mit Blick auf die Fußverletzung, die er am Sonntag erlitten hatte. Sein Olympia-Fazit schob er gleich hinterher: "Persönlich hat sich für mich alles in Luft aufgelöst."
In keiner anderen olympischen Sportart entscheidet der Qualifikationsdurchgang gleichzeitig über die Teilnahme an einem Mannschaftsfinale und sieben Finalwettbewerben der Individualisten. Das führt zu der paradoxen Konstellation, dass die Mannschaftskollegen, mit denen man gemeinsam um den Einzug in das Teamfinale kämpft, im gleichen Moment auch Konkurrenten um den Einzug in die anderen Finale sind. Für das deutsche Team bedeutet das am Samstag vor allem, dass drei Athleten um die maximal zwei Finalplätze im Mehrkampf stritten.
Diesen internen Wettstreit hat Boy verloren: Drei Stürze bedeuteten drei Punkte Rückstand auf Fabian Hambüchen. "Es ist nicht in Worte zu fassen, wie enttäuscht ich bin." Boy hatte das ganze Jahr schon mit diversen Verletzungen gekämpft, sich zuletzt aber wieder als fit und optimistisch beschrieben. Er habe vorher mit Boy über diese Situation gesprochen, erzählt Marcel Nguyen, zweitplatzierter Deutscher und Boys Zimmergenosse im olympischen Dorf. Es sei ja klar gewesen, dass es einen von ihnen trifft, und das sei schon "blöd", aber sicher werde Boy nicht böse auf ihn sein.
Der wirkte denn auch weniger böse als verzweifelt. Als einziger deutscher Turner hatte er einen Sprung der schwierigen 7,0er-Kategorie eintrainiert, den sogenannten Dragulescu. Doch er erwischte den Absprung nicht optimal, es fehlte an Höhe für den Doppelsalto vorwärts mit halber Drehung. Bevor die Drehungen um Längs- und Breitenachse vollendet waren, kamen die Füße schon auf den Boden, zwangsläufig gefolgt von Knie und Hand.
"Es tat höllisch weh", sagte Boy. Bevor das Team auf die Bodenfläche ging, galt es über einen Verzicht zu entscheiden. Aber Boy trat an und steuerte wichtige Punkte bei. Das wird er auch am Montag tun müssen, wenn Deutschland - nach der Qualifikation Vierter und noch vor den haushohen Favoriten Japan und China - um Bronze mitturnen will. Boy will das unbedingt, es ist seine einzige Chance, um "vielleicht an meine Medaille zu kommen".