Gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" sagte der chinesische Rockmusiker Cui Jian: "Die Spiele sollten eine Party sein, aber sie sind es nicht. Sie sind nur eine Party für die Partei. Diese Party hat keinen Traum, ihr fehlt die Musik." Für diese Stimmung mag es viele Gründe geben: mangelnde Freiheit im Reich der Mitte, Claqueure auf den Rängen statt begeisterter Fans oder der ständige Verdacht auf Doping und dessen gelegentliche Bestätigung.
Doch auch bei diesen Spielen gab es sportliche Momente, die die Menschen bewegt haben. Die vor Emotionen zu bersten drohten. Von denen der Zuschauer ergriffen und nicht mehr losgelassen wird. So zum Beispiel das Scheitern des chinesischen Hürdenläufers Liu Xiang und der traurig-schöne Triumph des deutschen Gewichthebers Matthias Steiner.
Auf Liu Xiang lagen seit seinem Goldtriumph in Athen vor vier Jahren nicht nur die Hoffnungen auf eine Wiederholung in Peking - es wurde erwartet, dass er über 110 Meter Hürden den Olympia-Sieg holen würde. Es war eine Selbstverständlichkeit. Und dafür quälte sich der junge Sport-Star vier Jahre unerlässlich, ohne Pause, ohne Unterlass, immer wieder über die Schmerzgrenze. Die Erwartungen eines Milliardenvolks lagen auf seinen Schultern, und er wollte sie nicht enttäuschen. Liu Xiang ist aber keine Maschine und konnte irgendwann nicht mehr. Vor dem Rennen zeigen Bilder, wie er scheinbar wie von Sinnen mit seinem verletzten Fuß mehrmals gegen eine Wand tritt. Im mit 91.000 Zuschauern besetzten "Vogelnest" und vor den Fernsehern der Nation herrschte zu diesem Zeitpunkt noch große Zuversicht. Dann wenig später fiel das Land in eine Schockstarre. Liu humpelte nach einem Fehlstart verletzt aus dem Stadion. Chinesische Zuschauer, Funktionäre und Journalisten weinten, nicht aus Mitleid, aber aus einem Gefühl der tiefen Enttäuschung. Es waren echte Gefühle.
Auch bei Matthias Steiner waren die Emotionen echt. Nachdem er die 461 Kilogramm im Zweikampf geschafft hatte, und die Gewichte zu Boden rauschten, wusste er, dass er Gold gewonnen hatte. Wie ein Berseker hüpfte er über die Matte, umarmte seinen Trainer, jubelte über seinen Triumph und schrie sich seine Trauer von der Seele. Ein Jahr zuvor hatte er bei einem Verkehrsunfall seine Frau verloren. Sie wollte ihn eigentlich nach Peking begleiten. Nun holte er Gold für Deutschland, sich und seine Frau. Das Foto von ihr, das die ganze Zeit in seiner Tasche gelegen hatte, hielt er bei der Siegerehrung in der Hand und zeigte es der ganzen Welt.
Über die blutleere Stimmung bei vielen Veranstaltungen in und um Peking kann man denken, was man möchte, doch es sind die Momente des Liu Xiang und des Matthias Steiner, die Momente der absoluten Niederlage und des befreienden Sieges, es sind die menschlichen Augenblicke der Olympischen Spiele, die sie einzigartig und groß machen. Das sind die Bilder, die von Peking bleiben werden.