Noch vor wenigen Wochen blickte Gerry van Gerwen dem Auftakt der Klassiker-Saison «super euphorisch» und «optimistisch» entgegen. Die harte Vorbereitung im Winter und die ersten Rennen ließen den Niederländer auf ein erfolgreiches Milram-Frühjahr hoffen.
Gerdemann (Mitte) fährt bei einer Etappe der Mallorca-Rundfahrt als Sieger durchs Ziel.
Selbst ein Überraschungscoup bei der 101. Auflage von Mailand-San Remo, bei der der britische Supersprinter Mark Cavendish seinen Vorjahressieg wiederholen will, hielt der Teamchef der Dortmunder Rad-Equipe insgeheim für möglich. Doch dann begann eine fast schon unheimliche Serie, die van Gerwen einfach nur als «dummes Pech» bezeichnet - und die die Suche nach dem dringend benötigten neuen Hauptsponsor nicht unbedingt erleichtert.
Erst musste sich Sprint-Ass Gerald Ciolek an der Schulter operieren lassen, dann brach sich Fabian Wegmann das Schlüsselbein - und plötzlich stand Milram ohne seine «Schlüsselfiguren» für die Frühjahrsklassiker da. Zu allem Überfluss musste in der Vorwoche auch noch Kapitän Linus Gerdemann wegen eines Magen-Darm-Infekts aus der Fernfahrt Tirreno-Adriatico aussteigen, nachdem der Münsteraner die Auftaktetappe gewonnen und mit dem Gesamtsieg geliebäugelt hatte. «Das ist ein richtiger Gegenschlag», kommentierte van Gerwen die diversen Hiobsbotschaften.
Die wochenlangen Ausfälle von Ciolek und Wegmann sind auch Gerdemann («Wenn bei einem Fußball-Club zwei der drei Leistungsträger ausfallen, ist es schwer.») aufs Gemüt geschlagen, doch von Schicksalsergebenheit ist bei Milram keine Spur. «Wir werden alles dafür tun, dass es auch im kommenden Jahr ein ProTour-Team in Deutschland gibt», versprach der genesene Gerdemann. Nun müsse man eben improvisieren. Schon bei der «Primavera» über 298 Kilometer in Norditalien, die traditionell von Sprintern dominiert wird und bei der US-Superstar Lance Armstrong zum neunten Mal am Start ist, setzt van Gerwen auf Rundfahrt-Spezialist Gerdemann: «Eine Überraschung von uns ist nicht ausgeschlossen.»
Gerdemann selbst rechnet nicht damit, für den ersten Erfolg eines deutschen Radprofis seit dem letzten Coup von Vierfach-Sieger Erik Zabel 2001 zu sorgen. «Ich will im Finale mit eingreifen, aber prozentual sind die Chancen für Sprinter viel größer», sagte Gerdemann.
Neben dem britischen Columbia-Sprinter Mark Cavendish, der 2009 dem diesmal fehlenden Freiburger Heinrich Haussler um wenige Millimeter das Nachsehen gegeben hatte, zählen die Ex-Weltmeister Oscar Freire (Spanien) und Tom Boonen (Belgien) sowie die Italiener Daniele Bennati und Alessandro Petacchi zu den Sieganwärtern.
Ein unerwarteter Fingerzeig seiner Fahrer bei der «Classicissima» nach San Remo, der nach den Absagen von Lance Armstrong (Magen-Darm- Infekt) und Heinrich Haussler immer mehr Topfahrer abhanden kommen, käme dem Niederländer van Gerwen bei der Sponsorensuche bestens zupass. Eines scheint sicher: Nur eine starke Saison - vor allem ein erfolgreiches Auftreten bei der Tour - dürften Geldgeber zum Sponsoring in der krisengeplagten Sportart bewegen. Immerhin beherrschte zuletzt das Dauerthema Doping nicht permanent die Schlagzeilen - zu van Gerwens Erleichterung: «Jetzt sind wir in einer Phase, in der mehr Ruhe ist.»
Nachdem der Hauptgeldgeber (Nordmilch AG) frühzeitig angedeutet hatte, sein auf jährlich rund acht Millionen Euro veranschlagtes Engagement über 2010 hinaus nicht zu verlängern, hat der Milram- Teamchef im Existenzkampf bereits «viele Gespräche in viele Richtungen» geführt. Und van Gerwen ist zuversichtlich, dass ihm das Schicksal seines einstigen Kollegen Hans-Michael Holczer, der nach langer Sponsorensuche seine Gerolsteiner-Equipe am Ende doch aufgeben musste, erspart bleibt: «Ich bin absolut optimistisch.»
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