Sportlich war das 101. Berliner Sechstagerennen ein voller Erfolg. Ein Blick auf die Zuschauerränge bot allerdings Anlass zur Sorge. Selbst dem glamourösesten - und inzwischen fast einzigen - Sixdays in Deutschland steht eine ungewisse Zukunft bevor.
Das Sechstagerennen in Berlin geht in eine ungewisse Zukunft. Foto: Maurizio Gambarini
Natürlich hagelte es nach dem Schlusstag viel Lob für die Berliner Sixdays. «Das ist eines der besten Bahnradrennen der Welt», sagte der Australier Cameron Meyer, als er mit Leigh Howard Glückwunsche zum Gesamtsieg entgegen nahm. Für die zweitplatzierten Schweizer Franco Marvulli und Silvan Dillier war der Auftritt bei der 101. Auflage des Traditionsrennens ebenfalls ein großer Erfolg. Marvulli ließ sich gar zu einem freudigen «Ich bin ein Berliner!» hinreißen. «Wir haben Weltklassesport geboten», stellte der Sportliche Leiter der Sixdays, Dieter Stein, fest. Und dennoch wehte sechs Abende lange ein Hauch von Krise durch das Berliner Velodrom.
Mit den Sechstagerennen ging es in Deutschland zuletzt steil bergab. In Dortmund, München und Stuttgart kam vor zwei Jahren das Aus, geplante Revivals der mit reichlich Show, Alkohol und Partysound gewürzten Sixdays in Köln, Hannover und Leipzig scheiterten. «Soweit ich mich zurückerinnern kann, gab es nie so wenig Sechstagerennen wie in dieser Saison, in Deutschland mit Bremen und Berlin nur noch zwei», erkannte Heinz Seesing, der Veranstalter in der Hauptstadt.
Woran liegt es, dass selbst bei der traditionell ausgezeichnet besuchten Ovalhatz in Berlin in diesem Jahr viele Plätze auf der Tribüne frei blieben? «Wir hatten einen ganz leichten Knick nach unten», räumte Seesing ein. Seine Schätzung von dennoch insgesamt mehr als 70 000 Besuchern darf als sehr optimistisch gewertet werden, etwa 10 000 Fans weniger sind vermutlich näher an der Realität.
Die Organisatoren haben eine Aufarbeitung angekündigt, die Fehler sollen im nächsten Jahr nicht wiederholt werden. Die historische Ausgabe zum 100. Jubiläum im Vorjahr zu toppen, «war ohnehin fast nicht möglich», wie Geschäftsführer Reiner Schnorfeil bilanzierte.
Ticketpreise von bis zu 54 Euro dürften manch einen abgeschreckt haben. Ebenso lockte der Startgeld-Zoff mit dem dreimaligen Sieger Robert Bartko, der 2011 mit Roger Kluge gewonnen hatte und diesmal verzichtete, sicher keine zusätzlichen Fans ins Velodrom. Erstmals seit 1986 schaffte es kein deutscher Radprofi auf das Podest.
Dennoch gab es auch Positives zu vermelden: Die Große Jagd zum Abschluss der sechs Tage war spannend wie lange nicht mehr, bis in die Schlussminuten hatten fünf Teams Chancen auf den Erfolg. In diesem Jahr gaben die Frauen in Berlin ihr Debüt, das Rennen mit der Siegerin Charlotte Becker wurde als voller Erfolg gewertet.
Bei den Sprintern knackte Robert Förstemann den Rundenrekord und war auch nach dem Schlusstag in der Gesamtwertung vorn. Von flauer Stimmung wollte der gebürtige Thüringer - dessen Oberschenkel mit 72 Zentimetern Umfang dicker sind als der Bauch manch eines anderen Radsportlers - nichts wissen. «Berlin hat sich wieder einmal als sehr fachkundiges Publikum erwiesen», unterstrich er. «Es ist immer leicht, eine Krise herbeizureden oder herbeizuschreiben.»
Auch wenn Deutschland bis auf zwei Ausnahmen Sixday-freies Gebiet ist - Sorgen um die Zukunft macht man sich in Berlin offenbar nicht. «Ich bin sehr, sehr zuversichtlich», meinte Rennchef Seesing, «hier wird es noch 100 Jahre Sechstagerennen geben». Bis 2017 ist das Rennen gesichert, eine Option bis 2022 existiert ebenfalls.
Dass Reformen notwendig sind, haben die Sixdays-Chefs erkannt. «Neue Generationen werden neue Ideen einbringen», ist sich Seesing sicher. Wie diese aussehen, weiß er freilich noch nicht.
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