Der Weg zur Leichtathletik-WM in Daegu war für niemanden härter als für Caster Semenya und Oscar Pistorius. Sie hat einen Geschlechtstest hinter sich, er die Debatte, ob er als behinderter Läufer starten darf. Beide gehen mit ihren Geschichten unterschiedlich um.
Die Südafrikanerin Caster Semenya hat ordentliche Muskeln.
Caster Semenya lächelt etwas gequält. Die Weltmeisterin über 800 Meter sitzt in einem Hotel am Pariser Eiffelturm, und ihre Körpersprache drückt aus, dass sie sich nicht wohlfühlt vor den ganzen Journalisten. Noch bevor sie überhaupt etwas sagt, lässt sie ausrichten: Fragen zum Thema Geschlechtstest beantworte ich nicht. Ein paar Kilometer weiter gibt Oscar Pistorius ebenfalls eine Pressekonferenz. Er springt mit seinen Prothesen geradezu aufs Podium, seine Augen leuchten, als er meint: «Ich möchte mein Land stolz machen. Ich bin hungrig, und ich glaube an mich.»
Wenn an diesem Samstag die Leichtathletik-WM in Daegu beginnt, haben Semenya und Pistorius ihren härtesten Kampf schon hinter sich: Bei ihr musste geklärt werden, ob sie eine Frau ist - bei ihm, ob er als beinamputierter 400-Meter-Läufer auch gegen Athleten ohne Behinderung antreten darf. Für die beiden Südafrikaner ist diese WM deshalb ein Höhepunkt und zugleich ein Schritt in eine Normalität, die sie sich immer gewünscht haben. Mit ihrem Schicksal gehen die beiden allerdings völlig unterschiedlich um.
Pistorius erzählt seine Geschichte gern. «Ich habe so lange davon geträumt, bei einer großen Meisterschaft laufen zu dürfen. Das ist ein sehr stolzer Moment in meinem Leben», meinte er, nachdem er als erster behinderter Läufer für eine WM nominiert worden war.
Der 24-Jährige ließ die Aussagen über eine PR-Agentur verbreiten. Er sucht die Öffentlichkeit, denn er ist «für viele Menschen mit Behinderung eine echte Identifikationsfigur» («Süddeutsche Zeitung»). Pistorius hat dafür aber auch lange kämpfen müssen. 2007 verbot ihm der Weltverband IAAF, gegen nicht-behinderte Athleten zu laufen. Die Prothesen würden ihm einen Vorteil verschaffen, hieß es. 2008 hob der Internationale Sportgerichtshof CAS dieses Urteil wieder auf.
«Ich bin froh, dass ich diese Diskussionen hinter mir habe», sagt Pistorius. «Wir haben damals viele Tests gemacht. Dabei haben die Leute auch gesehen, wie hart ich arbeite und trainiere.»
Tests hat auch Semenya über sich ergehen lassen müssen. Die Spekulationen darüber reichten so weit in ihre Intimsphäre hinein, dass sie die Öffentlichkeit nun meidet, so gut es geht. Immerhin verrät die 20-Jährige: «Ich fühle mich happy und sehe keine Probleme mehr. Für mich ist alles einfacher als letztes Jahr.» Da ließ die IAAF sie wieder starten - nach zehn Monaten Pause und ohne jemals etwas über die Ergebnisse der Geschlechtstests kommuniziert zu haben.
In Daegu sind Semenya und Pistorius nur Außenseiter. Auch wenn es in rein sportlichen Fragen ausnahmsweise sie ist, die sich offen und forsch äußert. «Den Titel zu verteidigen wird nicht einfach», meint Semenya. «Aber ich will es versuchen.» Zu ihrer Siegerzeit von Berlin fehlten ihr zuletzt gut drei Sekunden. In der Jahresbestenliste ihrer Disziplin ist sie damit ähnlich weit abgeschlagen wie Pistorius.
Die IAAF bewertet beide Geschichten unterschiedlich. Der Weltverband hat den Fall Semenya zumindest offiziell abgehakt und sieht bei Pistorius immer noch eine latente Gefahr. «Sie ist eine 800-Meter-Läuferin wie jede andere auch», sagt das deutsche Council-Mitglied Helmut Digel über Semenya. «Es ist eine positive Entwicklung, dass sie von den anderen angenommen und nicht diskriminiert wird. Es ist nie eine Klage an die IAAF herangetragen worden.»
Der Fall Pistorius ist für ihn «eine Frage der Chancengleichheit». Der Sportwissenschaftler befürchtet, dass die technische Entwicklung bald noch bessere und schnellere Prothesen schaffen könnte. «Ich mag den Burschen», sagt Digel. «Aber es hatte auch noch niemand die Idee, bei einem Marathon Läufer gegen Rollstuhlfahrer antreten zu lassen.»
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