Pressekonferenz mit Argentiniens Trainer Diego Maradona vor dem Testspiel gegen Deutschland in München
Mit den Spielern fängt es an: 102 hat Maradona bis dato nominiert, obwohl ihm Spieler wie Martin Demichelis, Juan Sebastián Verón, Lionel Messi oder Carlos Tévez die Auswahl eigentlich erleichtern müssten. Dann fehlt ihm eine Spielidee: Maradona hat nämlich nicht eine, sondern zwei. In München hat er wiederholt, dass seine Elf sein soll wie die 1978 beim ersten WM-Titel unter Cesar Luis Menotti und wie die 1986 beim zweiten Titel unter Carlos Bilardo. Aber wie soll das gehen, gleichzeitig vorwärts und rückwärts zu spielen? Menotti und Bilardo sind Kontrapunkte, die eine Elf hat mit Hurra angegriffen, die andere mit grimmiger Miene zu null gespielt.
Aber all das bringt Maradona nicht um den Schlaf. Er stellt sich auch nicht die Frage, ob seine Spieler - junge, strebsame Athleten - vielleicht eher einen Lehrer statt einer Ikone zum Trainer bräuchten. Zigarre rauchend stand er am Montagabend auf dem Rasen des Grünwalder Stadions und ließ seine Spieler mal wieder so trainieren, wie trainiert wurde, als er noch die Zehn auf dem Trikot trug: ein kleines Spielchen unter Freunden, Reserve gegen Stamm.
Hauptsache mit Ball am Fuß. Gerade im Training zeigt sich an Maradona ein Wesenszug, der bei vielen genialen Menschen sichtbar wird, wenn sie mit der Wirklichkeit in Kontakt treten: Verachtung. Maradona will nichts einstudieren, er will, wenn überhaupt, "Geister wecken". Er will auch nicht darüber nachdenken, ob er nun 4-4-2, 4-3-3 oder 4-2-3-1 spielen lassen soll. Das System ist ihm gleich, das Spektakel ist ihm wichtig. Last-Minute-Siege wie gegen Peru im Herbst, als Martín Palermo in der Nachspielzeit das 2:1 erzielte - die sind nach seinem Geschmack. Palermo darf sich deshalb auch einer Nominierung gewiss sein, trotz seiner 35 Jahre.
So erklärt sich am Ende auch, wieso Maradona Podolski nannte, um Deutschlands Stärke zu bezeichnen. Weder Podolski noch Deutschland interessieren ihn. Das letzte Mal, dass er über sie nachdachte, war am 8. Juli 2006. Damals feierte die DFB-Elf gerade ihren dritten Platz, während Maradona den Flieger mit jener Verachtung bestieg, die ihm jetzt zum Verhängnis zu werden droht. Hoch oben im Himmel schaute er noch einmal auf das WM-Land hinunter und fragte angewidert: "Was ist aus dem Fußball geworden, wo dritte Plätze gefeiert werden wie erste!?"