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  Unorthodox FTD-Serie: Die Weltsicht der Künstler

Kunst und Kommerz liegen nahe beieinander. Spannend also, wie unsere künstlerischen Gast-Chefredakteure ihre Ausgabe gestalten. Lesen Sie hier die Ergebnisse des kreativen Schaffens.

Merken   Drucken   22.02.2010, 16:20 Schriftgröße: AAA

Angelsächsisches Vokabular: Wir sprechen Wirtschaft

Kommentar Wir erleben eine Sprachwende: Unsere Alltagssprache ist durchsetzt von Redensarten und Metaphern aus der Wirtschaft. Warum ist das so? Sollte das so sein? von Burkhard Spinnen
Burkhard Spinnen ist Schriftsteller. Er verfasste unter anderem "Gut aufgestellt. Kleiner Phrasenführer durch die Wirtschaftssprache". 2003 erhielt er den Herbert Quandt Medien-Preis und den Wirtschaftsbuchpreis der FTD.
Klassenpflegschaftssitzung. Es geht um die Entscheidung über eine Verlegung der Pause. Den Eltern ist die Sache egal. Man bittet den Lehrer um seine Meinung. Er antwortet: "Da hab ich keine Aktien drin." Über eine solche Bemerkung kann man leicht hinweggehen. Was der Mann sagen will, ist klar: Er verfolgt hier keine eigenen Interessen. Und wo kämen wir denn hin, wenn wir jede Redewendung unter die Lupe nähmen. Da wäre ja gar kein Alltagsgespräch mehr möglich.
Burkhard Spinnen während der FTD-Jubiläumsproduktion   Burkhard Spinnen während der FTD-Jubiläumsproduktion
Aber ich möchte hier innehalten. Denn ich begreife diese kleine Redewendung als Indiz einer großen Sprachwende. Wenn Menschen, deren Berufsalltag sich fernab der Börse vollzieht, Redensarten aus der Finanzbranche verwenden, sehe ich das als Beleg dafür, wie das Sprechen der modernen Ökonomie über die Alltagssprache das Alltagsbewusstsein erobert.
Nun ist es nichts Neues, dass unser Reden sich ans Reden derer anlehnt, die uns beherrschen. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Jahrhundertelang war das Alltagssprechen vom Denken und Reden der Religion bestimmt. In unbedachten Ausrufen wie "um Himmels Willen" haben sich noch Reste davon erhalten. Prägender für unsere jüngere Sprachgeschichte war die politische Ideologie. Insbesondere in Osteuropa durchsetzte der Politjargon auch das Alltagssprechen und verwandelte es in das stereotype Geknarre der immergleichen Formeln - bis diese endlich zu Leerformeln wurden, weil das Leben aus ihnen floh.
Okkupation durch neues Vokabular
Doch spätestens seit 1989 rückt der Bewusstseins- und Sprachgeber Politik in den Hintergrund. In das Vakuum, das er hinterlässt, drängt mit Macht die Ökonomie. An die Stelle von politischen Utopien sind - auch im Denken des Alltags - ökonomische Machbarkeitsüberlegungen getreten. Und als Indikator der Dominanz des ökonomischen Denkens breitet sich die Terminologie des internationalen Wirtschaftens aus, ziehen insbesondere Begriffe aus Management und Börsenwesen ins allgemeine Sprechen ein.
Dabei ist der Ursprungsort dieser Bewegung klar erkennbar: Wir erleben heute eine Okkupation durch ein überwiegend angelsächsisches Vokabular, durch Eindeutschungen wie "am Ende des Tages". Man muss dieses Denglische nicht mögen; ich verstehe auch alle, die es verabscheuen. Aber die Gründe für seine Entstehung liegen auf der Hand. Globales Wirtschaften wird sich notwendig im Englischen vollziehen, das schon aus historischen Gründen die Weltsprache Nummer eins ist. Doch das alles mag verständlich und nachvollziehbar sein - wünschenswert erscheint es mir nicht! Ich fürchte, dass in der momentanen Dominanz der Wirtschaftssprache (und damit des Wirtschaftsdenkens) eine ganz besondere Gefahr liegt, die weit über den von Sprachpflegern befürchteten Identitätsverlust aller nicht-englischen Sprachen hinausgeht.

Teil 2: Gravierender Unterschied zu früheren Jargondominanzen

  • FTD.de, 22.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 22.02.2010 17:50:50 Uhr   Jörn Giest: noch zu borniert

    Ich würde gerne einen ordentlichen Kommentar schreiben, aber die FTD gibt mir nur 3000 Zeichen.

    Sie hätte lieber etwas mehr Karl Marx und Karl Polanyi lesen sollen, Herr Spinnen (heißen Sie wirklich so ?). 1. ist kapitalistische Wirtschaft historisch-gesellschaftlich spezifisch, und nicht Wirtschaft "überhaupt" - Ware, Geld und Kapital hat es "überhaupt" schon fast immer gegeben, aber als herrschende Kategorien nur im Kapitalismus. 2. die Gesellschaft ist hier eine Funktion der Wirtschaft (im obigen Sinne), nicht umgekehrt. Das hat Polanyi ganz gut erkannt. 3. auch Karl Marx hatte Angst, daß der Kapitalismus sich vielleicht doch am Ende als "fester Krystall" erweist und nicht als Entwicklungsstufe im Werden des (unmittelbar) gesellschaftlichen Menschen; allerdings war schon im kommunistischen Manifest die Möglichkeit eingeräumt, daß es NICHT zur revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft kommt, sondern die kämpfenden Klassen bloß zusammen untergehen...

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