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  Unorthodox FTD-Serie: Die Weltsicht der Künstler

Kunst und Kommerz liegen nahe beieinander. Spannend also, wie unsere künstlerischen Gast-Chefredakteure ihre Ausgabe gestalten. Lesen Sie hier die Ergebnisse des kreativen Schaffens.

Merken   Drucken   22.02.2010, 16:59 Schriftgröße: AAA

Aspirin auf Rezept: Vom Genussmittel zum Medikament

Das weltweit bekannteste Medikament aus dem Hause Bayer - Aspirin - könnte in Deutschland erstmals seit über 100 Jahren verschreibungspflichtig werden. Das plant ein Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel. von Hanna Grabbe  Hamburg
Das bedeutet nicht nur, dass Verbraucher, die sich Aspirin in höheren Dosen selbst verabreichen, ihre Ration künftig nur noch mit Rezept bekommen. Auch die Tablettenhersteller werden unruhig: Ihnen drohen in dem ohnehin hart umkämpften Markt mit verschreibungsfreien Medikamenten Imageschäden, Packungsumstellungen, verunsicherte Verbraucher - kurz: Umsatzeinbußen.
Aspirin - noch ist zügelloser Genuss erlaubt   Aspirin - noch ist zügelloser Genuss erlaubt
Geht es nach dem zuständigen Sachverständigenausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), so werden Packungen mit mehr als zehn Gramm der in Aspirin enthaltenen Acetylsalicylsäure (ASS) ab Juli dieses Jahres nur noch auf Rezept erhältlich sein. Das würde alle Größen mit mehr als 20 Tabletten à 500 Milligramm betreffen. Der Vorstoß wurde, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, bereits im Januar unternommen und muss nun vom Bundesgesundheitsministerium abgesegnet werden. In der Regel nimmt dieses die Empfehlungen aber ernst: Vergangenes Jahr wurde bereits die Abgabe von Paracetamol eingeschränkt. Auch für die Schmerzmittel Diclofenac, Ibuprofen, Phenazon und Propyphenazon soll es nun neue Regelungen geben.
Theoretisch können Apothekenkunden eine Großpackung zwar auch durch mehrere kleine ersetzen - de facto aber würden trotzdem weniger gekauft, prognostizieren Experten. "Umsatzeinbußen sind zu erwarten", sagt der Fachmann für verschreibungsfreie Medikamente (OTC) des Marktforschungsinstituts IMS Health, Gregor Weiche. "Aus der Paracetamol-Umstellung haben wir gelernt, dass eine große Packung eben nicht von mehreren kleinen Packungen vollständig substituiert wird." Der Pharmaexperte der Unternehmensberatung Booz & Company, Peter Behner, hebt vor allem auf die indirekten Effekte der Regelung ab: "Man macht den Patienten Angst. Das ist der entscheidende Aspekt, der letztlich auch zu einem Konsumrückgang führen kann." Zusätzliche Probleme sieht er für teure Markenhersteller. "Wenn der Patient durch die veränderte Packungsgröße erst einmal anfängt zu rechnen, wird er auch feststellen, dass andere Anbieter billiger sind." Längerfristig könne es sogar sein, dass sie ihre Preise senken müssten.
Für Bayer oder das zum Verkauf stehende Ratiopharm kommt die drohende Regulierung denkbar ungelegen: Die Branchenumsätze im OTC-Segment gehen seit Jahren zurück. Bereits im vergangenen Jahr hat die Branche die Neuregelungen zu spüren bekommen: Seit April dürfen nur noch maximal zehn Gramm Paracetamol pro Packung rezeptfrei abgegeben werden. Die Begründung: Das Medikament schädigt die Leber. Schon eine Dosis von zehn bis zwölf Gramm kann tödlich sein - Paracetamol ist weltweit eines der am häufigsten benutzten Arzneimittel für Selbstmord. "Allein Paracetamol zu beschränken wäre ein völlig falsches Signal, auch ASS birgt Risiken", sagt der Vorsitzende des BfArM-Ausschusses, Ulrich Hagemann. In anderen EU-Staaten wie Großbritannien sind die Packungsgrößen vieler Schmerzmittel längst begrenzt. Die Experten hoffen, dass durch die Regelung mehr Menschen bei Schmerzen zum Arzt gehen, um schlimmere Auswirkungen zu verhindern. Ob der gewünschte Effekt eingetreten ist, kann allerdings noch nicht belegt werden.
Fest steht aber, dass der Umsatz mit Paracetamol 2009 laut IMS Health um fast acht Prozent zurückging. Besonders heikel für Ratiopharm, das in Deutschland nach eigenen Angaben knapp zwei Drittel des Paracetamol-Marktes abdeckt: Die bis dato vertriebenen Packungen mit 30 Tabletten mussten durch kleinere ersetzt werden - inzwischen führt Ratiopharm nur noch die 20er-Packungen. Auch für die kommende Regelung stellt man sich auf Einbußen ein: "Dass es keine 1:1-Umstellung geben wird, ist klar", heißt es. Erneut müsste der Konzern umrüsten - denn eine verschreibungsfreie Packung ASS hat Ratiopharm bislang nicht im Sortiment.
Aspirin-Hersteller Bayer  gibt sich indes gelassen: Das Unternehmen rechne nicht mit Auswirkungen auf den Verbrauch. Auch sei der verantwortungsvolle Umgang mit frei käuflichen Schmerzmitteln keine Frage der Packungsgröße, sondern der Beratung, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Die weiterhin frei erhältliche 20er-Packung sei ohnehin die meistverkaufte Größe. ASS-Produkte machen rund 20 Prozent des Bayer-OTC-Schmerzportfolios aus. Trotzdem ziehen Bayer und der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) mit einem Gegenvorschlag ins Feld: Die Abgabe der Wirkstoffe soll auf zehn Tagesdosen begrenzt werden. Damit könnten Schachteln mit bis zu 60 Tabletten à 500 Milligramm ASS dann noch frei verkauft werden. "Die 20er-Packungen sind lächerlich klein", argumentiert BAH-Chef Bernd Eberwein. "Wer Medikamente missbrauchen will, tut das sowieso."
  • FTD.de, 22.02.2010
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