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  Ökonomisch FTD-Serie: Die Weltsicht der Manager

Normalerweise sind Manager aus Wirtschaft und Finanzen die Chefs. Für die Geburtsausgabe der FTD spielten sie Chefredakteur und Chefreporter. Lesen Sie hier die Ergebnisse des außergewöhnlichen Experiments.

Merken   Drucken   22.02.2010, 13:55 Schriftgröße: AAA

Dax-Chefs im Pro und Contra: Banker und Henker

Kommentar Mit virtuellen Geschäften haben Investmentbanken eine sehr wirkliche Krise der Weltwirtschaft ausgelöst. Kommen die Finanzjongleure jetzt zu leicht davon? Zwei Konzernchefs aus der Realwirtschaft streiten: Frank Appel und Jürgen Großmann. von Jürgen Großmann und Frank Appel
Frank Appel ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post DHL 
Bald anderthalb Jahre nach ihrem Ausbruch hat die Finanzkrise die Welt immer noch im Würgegriff. Die Realwirtschaft wird noch viele Jahre mit den Folgen jener Finanzprodukte wie Credit Default Swaps (CDS) kämpfen, mit denen Investmentbanker jongliert haben - und zwar an den Bedürfnissen der Kunden vorbei.
Jubiläumsproduktion 10 Jahre FTD: Gesamtkonferenz Frank Appel   Jubiläumsproduktion 10 Jahre FTD: Gesamtkonferenz Frank Appel
Wenn jetzt die Konjunktur mühsam anzieht, dann ist der Beitrag der Investmentbanken zu diesem Aufschwung ungleich geringer als ihr Beitrag zur Krise. Das Ärgerliche ist: Je länger die Krise währt, desto unwahrscheinlicher ist, dass die Regierungen weltweit sich auf ausreichende Vorkehrungen gegen eine Wiederholung des Desasters einigen.
Das Problem ist nicht das Kreditgeschäft der Investmentbanken und auch nicht das M&A-Geschäft bei der Begleitung von Fusionen und Übernahmen. Das Problem sind jene Abteilungen der Banken, die Kunden - in den meisten Fällen anderen Banken - undurchsichtige Wetten auf Kreditrisiken verkauft haben. Sie haben die Krise der Realwirtschaft herbeigeführt.
Bei diesen Produkten wird ein elementarer Mechanismus der Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt: dass allein ein reales Bedürfnis des Kunden bestimmt, welche Leistung erbracht wird. Und zu welchem Preis. Das Geld, das Investmentbanken mit CDS und ähnlich verschachtelten Konstrukten verdient haben, ist aber gerade nicht Ausdruck der Effizienz, mit der die Finanzhäuser ihre Leistung erbracht haben.
In der Realwirtschaft führt das Prinzip, dass ein Anbieter auch verantwortlich ist für die Befriedigung des Kundenbedürfnisses, zu wesentlich härteren Sanktionen für die Unternehmen, als sie die Investmentbanken nach der Krise erlitten haben: Wenn ein Logistikkonzern wie die Deutsche Post DHL eine versprochene Dienstleistung nicht zur Zufriedenheit des Kunden erbringt, kostet das mindestens künftige Aufträge. Dieses Prinzip der Kundenverantwortlichkeit läuft dagegen bei den vielen Finanzprofis, die die Krise einst befeuert haben, ins Leere - falls sie nicht gerade kriminell gehandelt haben, was bei den meisten nicht der Fall war. Wo also bleiben die Konsequenzen? Wie können die Investmentbanker geerdet werden?
Die Antwort ist nicht tumbe Kapitalismuskritik, ganz im Gegenteil: Die Antwort ist Kapitalismus, ein funktionierender Markt, in dem der Kunde entscheidet. Kein verselbstständigter Markt mit virtuellen Produkten. Es greift zu kurz, nur auf die Eigenverantwortlichkeit der Kunden zu verweisen. Also darauf, dass jeder selbst schuld ist, wenn er sich auf riskante Wetten einlässt. Jeder Kunde muss immer auch wissen, womit er wettet - und welches Risiko der Verkäufer, der Investmentbanker, trägt.
Für funktionierende, stärker regulierte Finanzmärkte - die Industrie und Dienstleister dringend brauchen - ist nicht genug getan worden. Wenn aus der tiefsten Krise in der 5000-jährigen Geschichte des Finanzsystems keine härteren Konsequenzen gezogen werden als bisher, nützt das nur den Banken.
Jürgen Großmann ist Vorstandschef des Energiekonzerns RWE 
Die Debatte um die Rolle der Investmentbanker hat mitunter eigenartige Züge angenommen. Derzeit werden Banker nicht mehr nur für Bonuszahlungen gegeißelt - eine ganze Berufsgruppe muss sich gegen den Vorwurf verteidigen, nur noch ein Risiko für das Wirtschaftssystem darzustellen, anstatt einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.
Jubiläumsproduktion 10 Jahre FTD: Jürgen Grossmann an seinem ...   Jubiläumsproduktion 10 Jahre FTD: Jürgen Grossmann an seinem Arbeitsplatz
Zumindest aus Sicht eines Industrieunternehmens ist die Verteufelung der Investmentbanker fehlgeleitet. In Talkshows mag es gut ankommen, die "echte" Arbeit von produzierenden Unternehmen der vermeintlich rein virtuellen und auf Spekulation basierenden Bankenwelt gegenüberzustellen. Tatsächlich aber gehen die sogenannte Real- und die Finanzwirtschaft ineinander über. Und die Investmentbanken sorgen erst für eine effiziente Funktionsweise unserer Wirtschaft.
Nehmen wir ein Beispiel aus dem eigenen Hause. Die größte Unternehmenstransaktion im Jahr 2009, die Übernahme des niederländischen Energieversorgers Essent durch RWE, wäre ohne die handwerklichen Fähigkeiten eines amerikanischen Investmenthauses so gar nicht möglich gewesen. Aber auch im Tagesgeschäft verbessern die oft als Spekulation gebrandmarkten Termingeschäfte und Hedging die Planungs- und Versorgungssicherheit sowie die Risikovorsorge.
Der Nutzen der Märkte geht über ihre Bedeutung für Unternehmen hinaus. Sie üben auch eine hygienische und disziplinierende Funktion aus. Es waren die Märkte, die die griechische Schuldenkrise mit ihren Bewertungen aufgedeckt haben. EZB und EU - also staatliche Institutionen - sind ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden.
Ähnliches ließe sich über die Ursprünge der Finanzkrise sagen. Nach landläufiger Meinung sind komplexe Finanzprodukte und Häuserhypotheken urplötzlich über uns zusammengebrochen. Vergessen wird dabei, wie alles anfing: damit, dass ein US-Präsident die Parole ausgab, jeder Amerikaner solle ein Eigenheim erwerben können - ob er nun kreditwürdig sei oder nicht.
Doch ausgerechnet vom Staat, der zudem über eine großzügige Geldpolitik Quelle vieler Fehlentwicklungen war, erhoffen sich nun viele eine bessere Kontrolle der Märkte. Ohne Frage ist es richtig, die Banken einer vernünftigen Regulierung zu unterwerfen. Wer ihren Spielraum aber zu stark einzuengen versucht, verkennt die Fähigkeiten der Märkte. Die Geschichte des Finanzkapitalismus ist voller Beispiele von Erfolg und Misserfolg einzelner Institute, und Blasen hat es immer gegeben - von den Tulpen des 16. Jahrhunderts bis zur New-Economy-Blase der Jahrtausendwende. Mittel- und langfristig aber sind die Märkte zu einer zutreffenden Risikoeinschätzung in der Lage.
Deutschland täte gut daran, auch dem Kunden mehr zuzutrauen. Wer bei Fehlentwicklungen nur die Banken in die Pflicht nimmt, vergisst einen alten kaufmännischen Grundsatz: Zu einem Handel gehören immer zwei - Caveat Emptor. Niemand wird zum Kauf von Finanzprodukten gezwungen.
  • Aus der FTD vom 22.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 22.02.2010 15:21:22 Uhr   Geronimo: Märchenerzähler

    Großmann erzählt Märchen, wenn er behauptet, die von Jimmy carter bereits 1975 eingeführte Eigenheimförderung sei Schuld an der Finanzkrise. Zwischen dem Eigenheimförderprogramm der US-Regierung und der Finanzkrise gibt es keinen Zusammenhang. Auch die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIS) kommt zu dem Ergebnis, dass der CRA keine Ursache für die Finanzkrise ist: BIS Working Papers No 259, Sept. 2008, The housing meltdown: Why did it happen in the United States? “Contrary to some media commentary, there is no evidence that the Community Reinvestment Act was responsible for encouraging the subprime lending boom and subsequent housing bust.”
    siehe auch hier:
    http://geld-arbeitet-nicht.jimdo.com/ursachen-der-finanzkrise/

  • 22.02.2010 14:19:07 Uhr   Nathan-de: Krise, Pro und Contra
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