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  Erfrischend FTD-Serie: Die Weltsicht der Zehntklässler

Im Geburtsjahr der FTD wurden die Schüler des Hamburger Hansa-Gymnasiums gerade eingeschult. Das Weltgeschehen betrachten sie aus einem ganz anderen Blickwinkel als Wirtschaftsjournalisten. Lesen Sie hier Beiträge aus der Jubiläumsausgabe der Jugendlichen.

Merken   Drucken   21.02.2010, 21:20 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Gefangen im Experimentierkasten

Die Bildungspolitik missbraucht die Schüler als Versuchskaninchen, statt wirkliche Probleme anzugehen. Besonders abschreckend ist das Beispiel Hamburg. von Niklas Schubert
Niklas Schubert ist Schüler der Klasse 10 des Hansa-Gymnasiums in Hamburg.
Reformen sind so eine Sache: Man verspricht sich davon eine Verbesserung der aktuellen Situation, aber wenn das nicht funktioniert, hat man danach ein heilloses Durcheinander. Das scheint sich nämlich im Moment in Hamburg anzubahnen. Anscheinend hat die Politik aus allen Versuchen, das Bildungssystem zu reformieren, immer noch nichts gelernt - etwa aus dem kläglichen Versuch zur Verkürzung der Gymnasialzeit um ein Jahr (G8). Doch daran denken unsere Politiker nicht mehr. Stattdessen werden immer noch Schüler als Versuchskaninchen benutzt für Reformen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind.
Besonders abschreckend ist derzeit das Beispiel Hamburg. Seit 2002 wird hier die Bildungspolitik reformiert. Angefangen hat das mit G8, es folgte die Oberstufenreform (Profiloberstufe) und jetzt zu allem Überfluss auch noch die Primarschule - obwohl die letzten Reformen noch gar nicht richtig umgesetzt beziehungsweise nachgebessert wurden (oder hat sich zum Beispiel jemals ein Ausschuss mit der Entrümpelung des völlig überfrachteten Lehrplans befasst?). Schüler und Lehrer sind gleichermaßen verunsichert und wissen nicht, was von ihnen erwartet wird.
Die Hamburger Bildungssenatorin Christa Goetsch  verspricht mit dieser erneuten Reform "längeres gemeinsames Lernen", dabei führt eine erneute Verkürzung der Zeit am Gymnasium nur zu weiteren Unruhen innerhalb der Schulen und verhindert die Ausbildung von Lernschwerpunkten, die ja gerade zur Profiloberstufe hinführen sollen. Am Ende entsteht dann noch stärkerer Druck auf die Schüler, der sicher nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt und auch das Bildungsniveau nicht erhöht. Das Ergebnis würde also völlig den angestrebten Zielen widersprechen.
Fragwürdig ist auch, woher Goetsch die Lehrer nehmen will, wenn schon jetzt Referendare selbstständig den Unterricht an Gymnasien leiten müssen, obwohl sie meist keine Erfahrung damit haben. Kurz gesagt: Menschen ohne abgeschlossene pädagogische Ausbildung werden auf die Schüler losgelassen.
Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust   Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust
Von Beusts faule Kompromisse
Der Elternwille wird bei der Reform völlig ignoriert. So wollte die Stadt Hamburg ursprünglich den Lehrern das Recht geben zu entscheiden, auf welche Schule die Kinder nach der Primarschule gehen sollen. Das widerspricht vollkommen dem angeblichen Ziel stärkerer Gleichberechtigung. Auch der angebliche Kompromissvorschlag von Bürgermeister Ole Von Beust  führt in die Irre: Er bietet den Eltern an, entscheiden zu dürfen, auf welche Schule ihr Kind gehen soll. Der Haken: Sollte ein Schüler nach der siebten Klasse nicht versetzt werden, darf er mit Gymnasialempfehlung das Jahr wiederholen, hat er keine solche Empfehlung, wird er - trotz gleicher Noten - einfach abgeschoben. Dieser Kompromiss ist also wohl eher ein schlechter Scherz. Von Beust versucht, die Schulreformgegner als dumme, undankbare Idioten hinzustellen, die mit keinem seiner "Kompromisse" zufrieden sind. Dabei ist seine Begründung für die Reform äußerst dünn: "Das macht ganz Europa." Mit diesem Statement outet er sich als totaler Mitläufer.
Es scheint, als würden wissenschaftliche Studien, deren Ergebnisse gegen solche Reformen sprechen, von den Politikern einfach ignoriert.
Die Politik sollte die kostspielige Reformiererei schleunigst aufgeben und lieber für kleinere Klassen und eine bessere Lehrerausbildung sorgen. Das ist es wohl eher, was andere, erfolgreichere Länder uns vormachen.
  • Aus der FTD vom 22.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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