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  Erfrischend FTD-Serie: Die Weltsicht der Zehntklässler

Im Geburtsjahr der FTD wurden die Schüler des Hamburger Hansa-Gymnasiums gerade eingeschult. Das Weltgeschehen betrachten sie aus einem ganz anderen Blickwinkel als Wirtschaftsjournalisten. Lesen Sie hier Beiträge aus der Jubiläumsausgabe der Jugendlichen.

Merken   Drucken   22.02.2010, 13:15 Schriftgröße: AAA

Model United Nations: Nur noch Syrien im Kopf

In den Model United Nations lernen Schüler und Studenten, wie Entscheidungen in der Uno fallen. Manchmal ist die Aufgabe gar nicht so leicht - zum Beispiel, wenn man ein kleines arabisches Land vertreten muss. von Theresa Lehmann
Theresa Lehmann, 16, spielt Tennis, tanzt, liest, hört Musik und trifft sich mit Freunden. Macht beim FTD-Projekt mit, weil sie passionierte Zeitungsleserin ist, Artikel schreibt und die Abläufe in einer Tageszeitung kennenlernen will. Team Zehntklässler
Wie fühlt es sich an, Syrien zu vertreten? Zumal dann, wenn man noch nie in Syrien war, sondern aus Hamburg stammt? Einige Schüler des Hansa-Gymnasiums Bergedorf machten im vergangenen Oktober diese Erfahrung - im Rahmen des internationalen Projekts "Model United Nations" (MUN), einer Simulation der Uno für Jugendliche. Mehrere Tage lang trafen sich die Jugendlichen mit Schülern aus anderen Ländern in der griechischen Hauptstadt Athen.
Entscheiden wie die Großen: Schüler bei der Uno-Simulation Model ...   Entscheiden wie die Großen: Schüler bei der Uno-Simulation Model United Nations – bei der jeder Teilnehmer ein Land vertritt
Die MUN-Konferenzen werden weltweit an Schulen und Universitäten organisiert, wobei jeder Schüler oder Student die Rolle eines Diplomaten aus einem der 192 Uno-Mitgliedsländer übernimmt. Dabei gilt: Alle Staaten sind denkbar, nur nicht der eigene. Und so kommt es, dass sich die deutschen Hansa-Schüler für Syrien einsetzen müssen.
Der Ländertausch ist nicht die einzige Hürde, die die Teilnehmer zu überwinden haben. Zum einen ist die Konferenzsprache Englisch, und bei Fachdebatten kann es für Nichtmuttersprachler schwierig werden. "Ich wusste zum Teil gar nicht mehr, worüber ich gerade abstimme", sagt eine Teilnehmerin. Zum anderen herrscht ein für manche ungewohnt strenger Dresscode: Jungen müssen in Anzug und Krawatte erscheinen und Mädchen im Kostüm oder Kleid.
Wie in der richtigen Uno dauern die Gespräche lang und erfordern gute Vorbereitung. Anderthalb Tage lang müssen die Teilnehmer für ihre Resolutionsentwürfe Lobbyarbeit betreiben und versuchen, möglichst viele Unterstützer zu finden. Anschließend wird über die Vorlagen diskutiert, wobei jedes Land Dinge ergänzen oder Kritik äußern kann. Dann stimmen die Botschafter der Staaten ab, ob die Resolution in die Generalversammlung weitergeleitet wird. Und dort wird dann das endgültige Urteil gefällt, von allen anwesenden Ländervertretern.
Die Hansa-Schüler traf es dabei hart: Syrien zu sein ist schon deshalb nicht die angenehmste Aufgabe, weil Briten oder US-Amerikaner die deutlich besseren Plätze im Uno-Auditorium haben. Als kleines nahöstliches Land sitzt man eher am Rand.
Noch schwieriger aber wird es, wenn man sich für Dinge einsetzen muss, die einem privat eigentlich gar nicht einleuchten - auch das dürfte einigen echten Diplomaten vertraut sein: Bei der Athener Konferenz wurde eine Resolution verhandelt, bei der es um Schutz für sexuelle Minderheiten ging. Was sagt man als Vertreter eines arabischen, islamisch geprägten Landes dazu? Die Hansa-Schüler mussten ablehnen. Die Resolution kam trotzdem durch.
Natürlich besteht eine Uno-Konferenz nicht nur aus Abstimmungen, und auch in Athen gab es Partys, Ausflüge und ein ordentliches Abschiedsfest mit griechischer Folklore. In der richtigen Uno heißt so etwas "informeller Bereich", und alle erfahrenen Diplomaten wissen, dass in diesen Stunden oft die besten Abkommen geschlossen werden.
Für die Schüler war es ähnlich, schließlich kommt man sich in einer Eisdiele in Athen viel näher als in einem grauen Veranstaltungsraum. Manchmal findet man sogar Freunde. Und kann zeigen, dass die Politikverdrossenheit bei Jugendlichen ein Märchen ist.
  • Aus der FTD vom 22.02.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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