Normalerweise sind Manager aus Wirtschaft und Finanzen die Chefs. Für die Geburtsausgabe der FTD spielten sie Chefredakteur und Chefreporter. Lesen Sie hier die Ergebnisse des außergewöhnlichen Experiments.
Tausenden von Flug- und Bahnreisenden drohen Engpässe und Verspätungen. Trotz neuerlicher Kontakte haben sich die Lufthansa und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) am Wochenende kaum angenähert. von Michael Frenzel,
Jennifer Lachman
und Leo KlimmHamburg
Michael Frenzel, seit 16 Jahren Vorstandschef bei Tui, wirkte an diesem Artikel der FTD-Jubiläumsausgabe mit.
Sonntagabend standen die Zeichen für bis zu 4500 Lufthansa-Piloten daher weiter auf Streik. Es wäre der größte Arbeitskampf in der deutschen Luftfahrtgeschichte: Dem Notfallplan zufolge könnte die Lufthansa in den kommenden drei Tagen damit nur jeden dritten von sonst rund 1800 täglichen Flügen absolvieren.
Beide Parteien rangen bis zum Schluss um eine Lösung: Die Piloten seien bereit, einen wichtigen Streitpunkt auszuklammern - und höchstrichterlich klären zu lassen, ob der Tarifvertrag des Konzerns auch im Ausland angewendet werden kann, sagte Sonntagabend ein VC-Sprecher. In diesem Punkt könne man einen Waffenstillstand vereinbaren und dann über die anderen Dinge sprechen. "Die Situation ändert sich für uns dadurch nicht grundlegend. Wir sind weiterhin zu Gesprächen bereit - aber nur, wenn die VC ihren Forderungskatalog zurückzieht", entgegnete eine Sprecherin der Lufthansa.
Christoph Franz
Die Situation ist verfahren: Die Fluggesellschaft, die durch billigere Wettbewerber wie Air Berlin und asiatische Anbieter wie Emirates zunehmend unter Druck gerät, will unter anderem durchsetzen, dass Mitarbeiter von Töchtern wie Lufthansa Italia nach ausländischen - und damit meist günstigeren - Konditionen bezahlt werden. Die Forderung, hier deutsches Tarifrecht anzuwenden, hatte Lufthansa-Vizechef Christoph Franz am Wochenende noch als "unerfüllbar und rechtlich unzulässig" erklärt.
Auch Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hatte versucht zu vermitteln - was zu diesem frühen Zeitpunkt äußerst unüblich ist. Ein Streik wäre ein "verheerendes Signal" von "extremer volkswirtschaftlicher Bedeutung", begründete er gegenüber der FTD sein Engagement.
Selbst wenn die Parteien einen Streik noch abwenden können, droht ihnen ein langwieriger Konflikt: Die Lufthansa ist in den vergangenen Jahren durch Zukäufe und die Gründung von Tochtergesellschaften stark gewachsen. Die Piloten des Mutterkonzerns fürchten daher, dass künftig vermehrt ihre - in der Regel schlechter bezahlten - Kollegen eingesetzt werden könnten. Die Lufthansa weist dies zurück: "Die Allianzstrategie und die Integration ausländischer Gesellschaften haben neue Kunden an die Lufthansa gebunden und damit 20 Prozent mehr Arbeitsplätze im Cockpit der Lufthansa Passage geschaffen", sagte ein Sprecher.
Air Berlin-Chef Joachim Hunold
In jedem Fall haben die Wettbewerber der Lufthansa schon jetzt profitiert: "Da, wo es ging, haben wir die Kapazitäten erhöht", sagte Air-Berlin-Chef Joachim Hunold der FTD. Der Erzrivale der Lufthansa verzeichnet wegen des Streiks eine "deutlich höhere Auslastung" und ist auf vielen Strecken ausgebucht, sagte Hunold. Zum Einfluss des Streiks auf die Flugpreise wollte er sich nicht äußern. Wie jedoch auf der Firmenhomepage deutlich wird, sind bei Flügen bis einschließlich Donnerstag kaum noch Spartarife verfügbar. Netjets, Europas größter Anbieter von Mietflugzeugen, verzeichnet für die kommenden zwei Wochen neun Prozent mehr Buchungen.
Auch die Deutsche Bahn (DB) ist nach eigenen Angaben darauf vorbereitet, wegen des Streiks bei der Lufthansa mehr Fahrgäste als gewöhnlich zu befördern. Allerdings hat der Konzern wegen anhaltender Probleme mit ICE-Achsen und witterungsbedingten Defekten einen massiven Engpass in der Zugflotte. Standen beim letzten Pilotenstreik 2001 feste Ersatzzüge bereit, stellt die Bahn diesmal daher nur in Aussicht, auf Hauptstrecken wie der Verbindung München-Hamburg längere Züge fahren zu lassen. Die DB rechnet damit, dass die Zahl der Lufthansa-Umsteiger im Vergleich zu den eigenen täglich 330.000 Kunden im Fernverkehr gering ist. In Bahn-Kreisen werden die Lufthansa-Passagiere auf innerdeutschen Strecken auf rund 40.000 geschätzt. Ein Teil davon muss nun auf das verknappte Bahn-Angebot umsteigen.
Die unmittelbaren Kosten des Streiks hat Lufthansa-Vizechef Christoph Franz auf mindestens 100 Mio. Euro beziffert. In der Regel dauert es genauso lange wie der Ausstand, bis der Flugbetrieb sich normalisiert.
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