25 Jahre nach dem Beschluss zum Bau der Ariane 5 steht jetzt das Schicksal von Europas Lastenrakete auf dem Spiel. Die Mitgliedsländer der Europäischen Weltraumbehörde Esa wollen im November entscheiden, ob es zur Entwicklung einer neuen Lastenrakete kommt - oder ob die Ariane 5 weiterentwickelt wird.
Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Johann-Dietrich Wörner, sprach sich am Dienstag in einem FTD-Gespräch für eine Kompromisslösung aus. Erste Priorität sollte die Weiterentwicklung der Ariane 5 mit dann 20 Prozent mehr Nutzlast haben. Parallel könnte im Grundsatz eine Entwicklung einer Ariane 6 beschlossen werden, die dann Techniken der weiterentwickelten Ariane 5 nutzen könnte. "Im Moment wäre es ein zu großes Risiko, alleine auf eine Ariane 6 zu setzen, deren Auslegung noch nicht feststeht", sagte Wörner.
Hinter der Diskussion um eine neue europäische Lastenrakete stecken gewaltige Interessen aus Industrie und Politik. Der Druck kommt nicht allein durch neue Wettbewerber wie das US-Privatunternehmen SpaceX, sondern auch aus der Politik, die aus Haushaltsgründen ein Ende der ständigen Unterstützung für die Ariane-5-Rakete fordert. Jährlich fließen etwa 120 Mio. Euro Steuermittel in die Ariane-Rakete, obwohl sie beim Start ziviler Telekommunikationssatelliten mit etwa 40 bis 50 Prozent Anteil Weltmarktführer vor der russischen Proton-Rakete ist.
Vor allem Deutschland und Frankreich bestimmen als große Beitragszahler der Weltraumorganisation Esa die Diskussion. Dabei tendierte Deutschland bislang für eine Weiterentwicklung der Ariane 5, während Frankreich bereits 200 Mio. Euro in Konzeptstudien für eine Ariane 6 gepumpt hat. Frankreich könnte unter Umständen seine industriellen Kapazitäten und sein Know-how für Feststofftriebwerke aus seinem Atomraketenprogramm in eine Ariane 6 einbringen. Dies sorgt für Besorgnis auf deutscher Seite, weil Arbeitsanteile verloren gehen könnten.
Wie DLR-Chef Wörner sagte, "steht noch gar nicht fest, welche Technologie eine Ariane 6 hat". Daher reichten die Kostenschätzung für eine komplette Neuentwicklung von unter 4 Mrd. Euro bis jenseits von 5 Mrd. Euro". Fest stehe aber, dass die neue Rakete eine wiederzündbare Oberstufe brauche. Damit erhöhten sich nicht nur die Einsatzmöglichkeiten, sondern die Oberstufe könnte auch in die Erdatmosphäre gelenkt werden und dort verglühen und werde so nicht zum gefährlichen Weltraummüll. Bisher ist die Ariane-5-Rakete so angelegt, dass meist zwei mittelschwere Satelliten mit einem Start in den Weltraum transportiert werden. Dies hat den Nachteil, dass eine Verspätung bei einem Satelliten auch den Start des zweiten Satelliten blockiert. Die Ariane 6 wäre weniger leistungsstark und könnte jedoch voraussichtlich bis zu acht Tonnen Nutzlast in Einzelstarts ins All bringen.
Nach der Kalkulation Wörners würde sich die Weiterentwicklung der Ariane 5 rechnen, weil 20 Prozent der Entwicklung auch für die Ariane 6 genutzt werden könnte. Die Ariane 5 ME (Midlife Evolution) würde etwa 1,4 Mrd. Euro kosten, hätte 20 Prozent mehr Nutzlastleistung und wäre in fünf Jahren fertiggestellt. Gemeinsam mit den jährlichen Unterstützungszahlungen von 120 Mio. Euro wäre dies ein Gesamtbetrag von 2 Mrd. Euro. Eine Ariane 6 samt Unterstützungszahlung würde 5,7 Mrd. Euro kosten. Voraussichtlich dauerte es zehn Jahre bis zur Fertigstellung. Erst dann könnten die Unterstützungszahlungen eingestellt werden.
Daher rechne sich Wörner zufolge die Weiterentwicklung der bisherigen Ariane. Der Verkauf der höheren Nutzlast bringe jährlich 200 Mio. Euro mehr ein. Die Raumfahrtindustrie soll verpflichtet werden, keine weiteren Preissteigerungen zuzulassen, sodass die Unterstützungszahlungen tatsächlich eingestellt werden können. Wörner hofft, dass sich Deutschland und Frankreich noch vor der Esa-Ministerratstagung im November einigen. Für den 22. September sei ein Spitzentreffen geplant.