Nach zehn Jahren als Bahn-Chef ist Schluss: Hartmut Mehdorn, 67, ist nun doch über die Datenaffäre gestolpert und hat seinen Rücktritt angeboten. Nun wird ein Nachfolger für seinen Posten gesucht, den Ex-Kanzler Schröder einst als den "zweitverrücktesten Job der Republik" bezeichnete.
Die Neubesetzung des Postens gestaltet sich jedoch schwierig, da sich Union und SPD vor der Bundestagswahl im September auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen müssen - obwohl beide unterschiedliche Pläne mit dem Unternehmen haben. Zudem wäre ein Neuanfang mit den den alten Managern schwierig - es müsste frisches Blut her.
Allerdings braucht der Neue umfassende Erfahrung mit der Führung komplexer Unternehmen und sollte sich mit dem Transportgeschäft auskennen. Denn die Aufgaben, die auf den neuen Bahn-Chef warten, sind nicht gerade klein: Das Unternehmen steuert wegen der Wirtschaftskrise auf eine schwierige Zeit zu, das defizitäre Gütergeschäft muss dringend wieder profitabel werden. Zudem müsste der Mehdorn-Nachfolger die Scherben der Spitzelaffäre zusammenkehren.
Nikolaus Breuel, 49, ist ein Bahn-Gewächs: Bereits seit 1993 arbeitet der Sohn der ehemaligen niedersächsischen Wirtschaftsministerin Birgit Breuel (CDU) im Konzern. Breuel war Leiter der Konzernentwicklung und steht seit 2004 an der Spitze der damals defizitären Fernverkehrssparte.
Das Geschäft machte er profitabel, inzwischen macht es einen Großteil des Bahn-Gewinns aus. Dennoch unterliefen auch Breuel Fehler: Er hat sich den verkorksten Bedienzuschlag für den Ticketkauf am Schalter ausgedacht, den die Bahn im Herbst 2008 nach einem öffentlichen Proteststurm wieder zurücknehmen musste.
Breuel gilt als unionsnah, zudem hat er mit der Datenaffäre nichts zu tun. In Konzernkreisen wird er deshalb als einer der möglichen Nachfolger Mehdorns gehandelt. Möglicherweise wird er auch unter Holding-Chef Werner Müller als Vorstand der DB Mobility Logistics eingesetzt - genau der Sparte, die an die Börse gebracht werden soll.
Der 62-jährige Ingenieur gilt neben Breuel als heißer Kandidat für den Vorstandsvorsitz der Bahn. Bensel hat bei Schering und Daimler-Benz Karriere gemacht und ist bereits Vorstandsmitglied bei der Bahn. Dort ist er zuständig für das Transport- und Logistikgeschäft - genau den Unternehmensteil, der privatisiert werden soll. Bensel könnte demnach Mehdorns Lebenswerk unkompliziert fortsetzen und die Sparte an die Börse bringen.
Als ehemaliger Personalvorstand hat Bensel einen guten Draht zur Arbeitnehmerseite, er wird eher der SPD zugerechnet. Gegen ihn spricht allerdings, dass er bereits im Topmanagement vertreten ist - seine Ernennung wäre also kein wirklicher Neuanfang. Zudem soll er laut "Süddeutscher Zeitung" bei einem Treffen der Führungskräfte vor versammelter Mannschaft lauthals eine Solidaritätserklärung abgegeben haben: "Hartmut Mehdorn, wir stehen zu Dir!". Ein Signal für einen Neustart sieht anders aus.
Werner Müller hielt lange zu Hartmut Mehdorn - doch die Datenaffäre erschütterte das Verhältnis. Nun könnte er sogar dessen Nachfolger werden. Der 62-Jährige aus Mülheim an der Ruhr ist seit Langem ein geschickter Gratwanderer zwischen Politik und Großkonzernen - er gilt als talentiert, mit Bossen, Gewerkschaftschefs und Politikern gleich gut auszukommen.
Müller könnte den Chefposten bei der Holding DB AG übernehmen, eventuell für eine Übergangszeit. An die Spitze der Tochter DB Mobility Logistics, die den Transportbetrieb verantwortet, könnte ein Bahn-Manager aufrücken. Mehdorn nahm beide Funktionen in Personalunion wahr.
Zwar versicherte Müller zuletzt, nach dem Abgang bei Evonik dränge ihn nichts mehr ins operative Management. Aber ähnlich klang er auch schon nach dem Ausstieg aus der Berliner Politik: Von 1998 bis 2002 war er unter Gerhard Schröder Wirtschaftsminister. 2003 wechselte Müller nach seinem Ausflug in die Politik zurück in die Wirtschaft zur Ruhrkohle AG. Den Konzern baute er rasch um und konzentrierte das Unternehmen auf vier Kerngeschäftsfelder. Ende 2008 schied er aus dem Vorstand der zu Evonik umformierten RAG aus.
Er wäre eine Besetzung von außen - und das wäre ein wirklicher Neuanfang für die Bahn. Seit 1993 ist Bender Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Flughafen-Gesellschaft Fraport, aus der er ein Weltunternehmen machte. Der Jurist wird zwar im Sommer 65 Jahre alt - das wäre in diesem Fall ein Vorteil: Denn im September endet sein Engagement bei dem Flughafenkonzern. Erfahrung bei der Bahn hat Bender bereits gesammelt: Bevor er zu Fraport wechselte, war er jahrelang bei der Bahn tätig. Seine Chancen auf den Chefsessel werden derzeit dennoch als recht gering erachtet.
Andreas Meyer, der Sohn eines Eisenbahners, wurde zeitweise als idealer Kandidat für die Mehdorn-Nachfolge gehandelt: Der 47-jährige Chef der Schweizer Bundesbahnen gilt als jung und erfolgreich - und er hat Ahnung von der Deutschen Bahn, wo er von 1997 bis 2006 in verschiedenen Positionen tätig war. 2003 wurde er in den Aufsichtsrat des Unternehmens berufen, seit Juni 2006 ist er Schweizer Bahn-Chef. Mittlerweile gilt es jedoch als recht unwahrscheinlich, dass er tatsächlich Mehdorns Nachfolger wird.