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Merken   Drucken   05.03.2007, 09:06 Schriftgröße: AAA

Agenda: Betrug an der Wall Street - Innenansichten eines Skandals

Die US-Börsenaufsicht hat den größten Betrugsskandal seit Jahren aufgedeckt - und es ist wohl nicht der letzte Fall. Denn die Zahl der mutmaßlichen Manipulationen steigt neuerdings kräftig. Gerade Hedge-Fonds geraten immer öfter ins Visier der Fahnder. von Heike Buchter (New York)
Vielleicht der größte Insiderskandal der vergangenen Jahrzehnte ...   Vielleicht der größte Insiderskandal der vergangenen Jahrzehnte an der Wall Street aufgedeckt
Am Anfang war es nur eine Schnapsidee. Ersonnen am Tresen der Oyster Bar, jenem Restaurant in den Katakomben der New Yorker Grand Central Station, das für seine traditionell rot-weiß karierten Tischtücher ebenso berühmt ist wie für die 29 Sorten Austern, das Riesenaquarium voller lebender Hummer oder die über und über mit Stuck und Fresken verzierten Gewölbedecke.
Hier treffen sich Manhattans Investmentbanker, um mittags Geschäfte abzuschließen oder nach Feierabend noch ein, zwei frisch gezapfte Biere zu trinken. Und hier trafen sich im Jahr 2001 auch zwei alte Freunde, um ein Problem aus der Welt zu schaffen: Mitchel Guttenberg und Erik Franklin.
Schmiergelder in Kartoffelchipstüten
Guttenberg, Berater für Großinvestoren beim Schweizer Bankkonzern UBS, stand beim Hedge-Fonds-Manager Franklin in der Kreide: mit 25.000 $. Schnell kamen die beiden auf einen Plan, wie Guttenberg seine Schulden begleichen könnte: Als einer der Chefs der Beratungsabteilung für institutionelle Anleger erhielt der UBS-Mann vorab Einblick in die Kaufs- und Verkaufsempfehlungen der Analysten der Bank. So konnte er Franklin noch vor der Veröffentlichung mitteilen, dass die UBS  Aktien bestimmter Firmen auf- oder abwerten würde.
Solche Einschätzungen können Kurse kräftig in Bewegung bringen. Die Absprache klappte so gut, dass die Freunde ihr System auch beibehielten, als Guttenbergs Schulden getilgt waren. Schon bald wurde aus dem Duo eine Bande. Die Betrüger benutzten Wegwerfhandys, verständigten sich mit Geheimcodes und übergaben Schmiergelder in Kartoffelchipstüten.
Was wie der Stoff für einen Taschenbuchreißer klingt, ist der vielleicht größte Insiderskandal der vergangenen Jahrzehnte an der Wall Street. Die Täter: Mitarbeiter der angesehensten Investmentbanken der Welt, unter ihnen Morgan Stanley  und Bear Stearns. Mindestens 15 Mio. $ haben Guttenberg und seine zwölf Komplizen nach Angaben der US-Börsenaufsicht SEC über Jahre durch illegale Tipps kassiert, Tausende Handelstransaktionen manipuliert - zum Nutzen der Hedge-Fonds Lyford Cay Capital, Chelsey Capital und Q Capital.
Dreistigkeit, die beeindruckt
Selbst die Ermittler zeigten sich beeindruckt von der Dreistigkeit der Bande: "Dies sind keine Hinterzimmerabzocker, sondern es ist bei Top-Institutionen der Wall Street passiert", sagt Linda Chatman Thomsen, Leiterin der SEC-Ermittlungsabteilung. "Sie haben fast alle ethischen und juristischen Regeln der Wall Street gebrochen."
Dass Hedge-Fonds im Zentrum des illegalen Zockernetzes stehen, ist wohl kein Zufall. Viele der kaum regulierten Geldpools setzen auf kurzfristige Spekulationsprofite. Märchenhafte Gewinne in den 90er-Jahren und der Nimbus des Geheimnisvollen haben in Scharen Investoren angelockt. Heute gibt es mehr als 8000 Hedge-Fonds, die rund 1300 Mrd. $ verwalten. Doch damit wächst auch die Konkurrenz, und die zweistelligen Traumrenditen sind in den vergangenen Jahren merklich geschrumpft. "Die Hedge-Fonds versprechen überdurchschnittliche Renditen in einem schwierigen Umfeld. Umso wichtiger ist es für sie, sich einen Informationsvorsprung zu verschaffen", sagt Jacob Zamansky, Wertpapieranwalt in New York. Und sei es auf illegale Weise.
Fusionen und Übernahmen bieten lukrative Chance
Die Verdachtsmomente häufen sich. Die Marktordner der New York Stock Exchange melden eine steigende Zahl auffälliger Handelstransaktionen. Seit 2004 haben sich die Fälle mehr als verdoppelt, in denen die Aufseher Insiderhandel vermuten. Und Hedge-Fonds sind daran immer häufiger beteiligt.
Vor allem Fusionen und Übernahmen bieten illegalen Vorab-Zockern eine lukrative Chance. Und an ihnen herrscht zurzeit kein Mangel: Allein in den vergangenen beiden Jahren wurden laut dem Finanzdatendienstleister Thomson Financial fast 20.000 Unternehmenszusammenschlüsse mit einem Volumen von 2580 Mrd. $ angekündigt. In diese Deals sind immer mehr Beteiligte eingeweiht: Meist beraten mehrere Investmentbanken die Firmen, auf der Bieterseite schließen sich häufig Gruppen von Beteiligungsgesellschaften zusammen. Damit vergrößert sich der Kreis der Insider - und auch die Gefahr undichter Stellen.
"Manche Leute wissen mehr als andere und nutzen das", warnt Christopher Thomas von Measuredmarkets, einer Finanzanalysefirma, die auffällige Handelsmuster verfolgt. Bei einer Studie im vergangenen Sommer stellten die Experten fest, dass bei mehr als 40 Prozent aller US-Übernahmen offenbar im Vorfeld gehandelt worden war.

Lesen Sie weiter: Wer in das Visier der Fahnder gerät

  • Aus der FTD vom 05.03.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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