Was wie der Stoff für einen Taschenbuchreißer klingt, ist der vielleicht größte Insiderskandal der vergangenen Jahrzehnte an der Wall Street. Die Täter: Mitarbeiter der angesehensten Investmentbanken der Welt, unter ihnen
Morgan Stanley und Bear Stearns. Mindestens 15 Mio. $ haben Guttenberg und seine zwölf Komplizen nach Angaben der US-Börsenaufsicht SEC über Jahre durch illegale Tipps kassiert, Tausende Handelstransaktionen manipuliert - zum Nutzen der Hedge-Fonds Lyford Cay Capital, Chelsey Capital und Q Capital.
Dreistigkeit, die beeindruckt
Selbst die Ermittler zeigten sich beeindruckt von der Dreistigkeit der Bande: "Dies sind keine Hinterzimmerabzocker, sondern es ist bei Top-Institutionen der Wall Street passiert", sagt Linda Chatman Thomsen, Leiterin der SEC-Ermittlungsabteilung. "Sie haben fast alle ethischen und juristischen Regeln der Wall Street gebrochen."
Dass Hedge-Fonds im Zentrum des illegalen Zockernetzes stehen, ist wohl kein Zufall. Viele der kaum regulierten Geldpools setzen auf kurzfristige Spekulationsprofite. Märchenhafte Gewinne in den 90er-Jahren und der Nimbus des Geheimnisvollen haben in Scharen Investoren angelockt. Heute gibt es mehr als 8000 Hedge-Fonds, die rund 1300 Mrd. $ verwalten. Doch damit wächst auch die Konkurrenz, und die zweistelligen Traumrenditen sind in den vergangenen Jahren merklich geschrumpft. "Die Hedge-Fonds versprechen überdurchschnittliche Renditen in einem schwierigen Umfeld. Umso wichtiger ist es für sie, sich einen Informationsvorsprung zu verschaffen", sagt Jacob Zamansky, Wertpapieranwalt in New York. Und sei es auf illegale Weise.
Fusionen und Übernahmen bieten lukrative Chance
Die Verdachtsmomente häufen sich. Die Marktordner der New York Stock Exchange melden eine steigende Zahl auffälliger Handelstransaktionen. Seit 2004 haben sich die Fälle mehr als verdoppelt, in denen die Aufseher Insiderhandel vermuten. Und Hedge-Fonds sind daran immer häufiger beteiligt.
Vor allem Fusionen und Übernahmen bieten illegalen Vorab-Zockern eine lukrative Chance. Und an ihnen herrscht zurzeit kein Mangel: Allein in den vergangenen beiden Jahren wurden laut dem Finanzdatendienstleister Thomson Financial fast 20.000 Unternehmenszusammenschlüsse mit einem Volumen von 2580 Mrd. $ angekündigt. In diese Deals sind immer mehr Beteiligte eingeweiht: Meist beraten mehrere Investmentbanken die Firmen, auf der Bieterseite schließen sich häufig Gruppen von Beteiligungsgesellschaften zusammen. Damit vergrößert sich der Kreis der Insider - und auch die Gefahr undichter Stellen.
"Manche Leute wissen mehr als andere und nutzen das", warnt Christopher Thomas von Measuredmarkets, einer Finanzanalysefirma, die auffällige Handelsmuster verfolgt. Bei einer Studie im vergangenen Sommer stellten die Experten fest, dass bei mehr als 40 Prozent aller US-Übernahmen offenbar im Vorfeld gehandelt worden war.