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Merken   Drucken   04.11.2008, 20:03 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die nächste Kreditkrise naht

Dossier Nach der Hypothekenkrise droht den Amerikanern das nächste Desaster - die Kreditkartenkrise. Viele Familien können ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, und die Finanzinstitute müssen Milliarden abschreiben. von Astrid Dörner (New York)
Eigentlich geht es nur um 3500 $. Das ist der Betrag, den Janine Caine ihrer Kreditkartenfirma schuldet. Bisher waren Rückstände dieser Größenordnung überhaupt kein Problem. Ihr Mann verdiente gut, und das Haus im Städtchen Rochester, nicht weit von New York, wurde jedes Jahr wertvoller. Zumindest auf dem Papier.
Doch plötzlich ist alles anders. Tom hat seinen gut bezahlten Job als Bauarbeiter verloren, weil die Aufträge ausbleiben. Statt 1000 $ bringt er jetzt nur noch 400 $ in der Woche nach Hause. Mit kleinen Jobs versuchen die Caines, sich über Wasser zu halten. Doch jetzt hat die Kreditkartengesellschaft die Geduld verloren. "Sie haben uns verklagt, verlangen Zinsen von 40 Prozent. Ich weiß nicht, wie wir da rauskommen sollen", klagt Janine. Und wenn sie von ihren Kindern spricht, ersticken Tränen ihre Worte. Die elfjährige Tochter darf nicht in den Musikunterricht, weil es zu teuer ist. "Die Weihnachtsgeschenke, das habe ich den Kindern schon erklärt, werden in diesem Jahr sehr klein sein", sagt sie resigniert.
New Yorker 5th Avenue: "Geht raus und kauft ein, das ist das ...   New Yorker 5th Avenue: "Geht raus und kauft ein, das ist das Patriotischste, was ihr machen könnt"
Was die Caines jetzt erleben, ist die persönliche Finanzkrise des kleinen Mannes. Lange Zeit haben sich die Amerikaner einfach all ihre Träume erfüllt: ein eigenes Haus, ein großes Auto, teure Reisen. Möglich gemacht hat das die Kreditkartenindustrie, denn Plastikkarten mit hohen Kreditlimits waren praktisch für jedermann zu haben. Seit 1995 haben sich die Kreditkartenschulden pro Haushalt im Durchschnitt auf über 10.000 $ verdoppelt. Den Werbespruch: "Es gibt Dinge, die kann man nicht kaufen. Für alles andere gibt es Mastercard" haben die Amerikaner wie kein anderes Volk beherzigt. Jetzt bekommen sie dafür die Rechnung.
Und die Kreditkartenbranche gerät in Bedrängnis wie vor einem Jahr die Hypothekenbanken. Die Kreditkartengesellschaften haben in der ersten Jahreshälfte geschätzte 21 Mrd. $ an Ausfällen abgeschrieben. Marktbeobachter rechnen damit, dass die Branche bis Ende nächsten Jahres noch einmal einen Fehlbetrag von mindestens 55 Mrd. $ verbuchen wird. "Nimmt die Zahl der Arbeitslosen weiter zu, könnten die Nettoausfälle bei Kreditkarten historische Ausmaße annehmen", sagt Gary L. Crittenden, Finanzchef bei der Citigroup.
Jahrelang lief die Wirtschaft hervorragend, weil der amerikanische Konsument über seine Verhältnisse lebte und die Kreditkartenfirmen hohe Schulden akzeptierten. Anders als in Deutschland, wo die Ausgaben am Monatsende von einem Konto eingezogen werden, können die Kunden in Amerika ihre Schulden von einem Monat in den anderen übertragen. Sie müssen nur einen Minimalbeitrag begleichen. Rund 60 Prozent der Kreditkartenbesitzer bezahlen ihre Rechnung am Monatsende bestenfalls teilweise.
Die Politik förderte den Konsum auf Pump. Nach den Terroranschlägen vom 11. September trat Präsident George W. Bush vor die Kameras und rief seinem Volk zu: "Geht raus und kauft ein, das ist das Patriotischste, was ihr machen könnt." Und sein Volk gehorchte. Doch jetzt ist Schluss damit. Und das ist gefährlich. "Wenn die Amerikaner nicht mehr konsumieren, wird es das Land in eine viel tiefere Rezession stürzen als in den 80er- und 90er-Jahren", mahnt Scott Hoyt, Ökonom bei Economy.com. Den Rückgang werden auch die Volkswirtschaften in Europa und Asien zu spüren bekommen, die vor allem von ihren Exporten leben.

Teil 2: "Wir werden uns über Jahre hinaus nichts mehr leisten können"

  • Aus der FTD vom 05.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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