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Merken   Drucken   23.01.2006, 20:04 Schriftgröße: AAA

Agenda: Frankfurter Würstchen in Nadelstreifen

2005 war für die Finanzbranche ein Rekordjahr. Entsprechend üppig fallen die Boni für die Mitarbeiter aus. In London und New York lassen es die Investmentbanker richtig krachen. Am Main sparen sie sogar an der Garderobenfrau. von Eva Busse, Frankfurt
Am Main merkt man nicht, daß 2005 für die Finanzbranche ein ...   Am Main merkt man nicht, daß 2005 für die Finanzbranche ein Rekordjahr war.
Auf der angesagtesten After-Work-Party der Woche im angesagtesten Klub des wichtigsten kontinentaleuropäischen Finanzplatzes. Mitten in der Bonussaison. Mitten in der Stadt, die sich so gern mit New York und London vergleicht. Von dort werden seit Wochen die Partyexzesse übermütiger Banker gemeldet. Letzte Woche musste der Londoner Club Movida nach der Champagnerdusche eines bekoksten Hedge-Fonds-Managers komplett neu dekorieren, während sich die überglückliche Kellnerin überlegte, wie sie ihr Trinkgeld - zehn Prozent der Champagnerrechnung, 4000 £ - investieren sollte.
Also, hinein ins Frankfurter Nachtleben, ins "Euro Deli", in die Stammkneipe reicher Banker. "Die Garderobe habe ich mir gespart", erklärt ein junger Aktienanalyst über wässrigem Apfelwein. Kostet schließlich 1 Euro. Für den Rest des Abends balanciert er seinen Mantel auf dem Arm, was nichts macht, weil der Höhepunkt der Ausgelassenheit mit leichtem Kniekehlenwippen erreicht ist. Und weil der Analyst sowieso bald heim muss: "Will morgen um sieben Uhr im Büro sein." Er guckt noch ein bisschen Bloomberg TV auf den Bildschirmen und ein bisschen Gogo-Girls auf der Theke ("Tanzen können die auch nicht"), dann geht er. Schon um elf sind die Empfangsdamen klar in der Überzahl.
Absturz statt Aufschwung
Frankfurter Skyline mit den Hochhäusern der Dresdner Bank   Frankfurter Skyline mit den Hochhäusern der Dresdner Bank
"Mainhattan": Noch nie klang der Beiname dieser Stadt so maßlos übertrieben wie während der diesjährigen Bonussaison - der besten des jungen Jahrtausends im internationalen Bankengeschäft. So begann sich Frankfurt in den 90er Jahren zu nennen, als immer mehr Banken hier Hochhäuser bauten, als die Börse boomte, als die Europäische Zentralbank einzog und die Deutsche Börse  die London Stock Exchange  übernehmen wollte. Noch ein paar Jahre Aufschwung - dann würde das Bankenviertel endgültig in die Liga der City in London und der Wall Street in New York aufsteigen.
Stattdessen kam der Absturz. Vom Verlust der D-Mark wird sich Frankfurt nie wieder erholen: Plötzlich legten internationale Banken keinen Wert mehr auf die Nähe zur einst allmächtigen Bundesbank. Unter dem Druck der Börsen- und Bankenkrise zentralisierten die Geldhäuser ihre europäischen Operationen noch schneller in London.
Jetzt, am Ende dieser Krise, da die Aktien weltweit steigen, das Geschäft mit Fusionen brummt, Investmentbanken Rekordgewinne einstreichen und Bonuszahlungen an ihre besten Mitarbeiter vervielfachen, bleibt es so ruhig in Frankfurt, dass nicht einmal der örtliche Ferrari-Händler mitbekommen hat, dass Zahltag ist: "Bitte, was für eine Saison soll das sein? Wer bekommt Geld?" Aus Manhattan wird derweil gemeldet, der teuerste Lamborghini sei komplett ausverkauft.

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  • Aus der FTD vom 24.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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