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Merken   Drucken   20.11.2005, 21:50 Schriftgröße: AAA

Agenda: Gefährliches Gefecht

Die Europäische Zentralbank will erstmals seit mehr als fünf Jahren höhere Zinsen. Nun formiert sich Widerstand gegen die bisher riskanteste Entscheidung der jungen Institution. von Mark Schieritz, Frankfurt
Als die Größen der internationalen Finanzwelt am Freitag gegen zwei Uhr zu ihrem Bankenkongress in den Hauptsaal der Frankfurter Alten Oper zurückkehrten, hatten sie sich auf einen ruhigen Nachmittag eingestellt. Das Mittagessen - Lachs, Pasta und diverse Desserts - war wie immer üppig, Bundesbankpräsident Axel Weber hatte am Morgen mit einer Rede über die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft das Publikum begeistert. Die Ausführungen von Jean-Claude Trichet, dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), zur "Geteilten Verantwortung" versprachen eher langweilig zu werden.
Herbert Walter, Vorstandschef der Dresdner Bank   Herbert Walter, Vorstandschef der Dresdner Bank
So dämmerten einige Banker geruhsam vor sich hin, als der Vorstandschef der Dresdner Bank, Herbert Walter, den EZB-Präsidenten bat, etwas zur Zinspolitik zu sagen. Doch statt der unter Notenbankchefs üblichen vagen Andeutungen packte Trichet den Hammer aus: "Nach zweieinhalb Jahren mit historisch niedrigen Zinsen denke ich, dass der Rat bereit ist, die Entscheidung zu treffen, die Zinsen zu ändern und das gegenwärtige Zinsniveau leicht anzuheben", sagte er. Ein klares Signal dafür, dass der Leitzins, eine der wichtigsten Steuerungsgrößen einer Volkswirtschaft, auf der nächsten EZB-Sitzung im Dezember angehoben wird. Das Publikum war sprachlos, der Euro schoss in die Höhe, die Aktienkurse brachen ein.
Überaus riskante Entscheidung
Für die Banken in der Euro-Zone wird es erstmals seit mehr als fünf Jahren wieder kostspieliger, sich Geld bei der Zentralbank zu leihen. Auch Verbraucher, Unternehmen und der Staat müssen dann höhere Zinsen bezahlen. Binnen Jahresfrist könnte der Schlüsselsatz nach Einschätzung von Analysten von derzeit zwei Prozent auf bis zu drei Prozent steigen. Diese Entscheidung ist für die noch junge Notenbank überaus riskant: Die noch wacklige Konjunktur könnte gebremst werden und der Konflikt mit der Politik eskalieren.
Schon am Freitag wurde Kritik an der Entscheidung laut. Unmittelbar vor Trichets Coup lud Rodrigo de Rato, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und damit einer der wichtigsten Männer in der Finanzszene, zum Gespräch in ein Frankfurter Nobelhotel. Er hatte mit dem EZB-Chef gefrühstückt und wusste, was am Nachmittag geschehen würde. "Wir brauchen mehr klare Beweise, dass die Binnennachfrage in der Euro-Zone anspringt", sagte er auf die Frage, ob eine Zinserhöhung sinnvoll sei - ein verschlüsselter Hinweis darauf, dass der IWF noch keine Notwendigkeit für den Schritt sieht. Auch Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, sieht keinen Handlungsbedarf. Die Notenbank habe "unverändert den Spielraum, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen. Für den Beginn der Normalisierung des Notenbankzinsniveaus ist es im Frühjahr allemal früh genug", sagt er.

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  • Aus der FTD vom 21.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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