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Merken   Drucken   26.05.2009, 07:33 Schriftgröße: AAA

Agenda: Paulsons Milliarden-Nötigung

Dossier Der 13. Oktober 2008 war der Tag, an dem die USA ihre Banken verstaatlichten. Neue Dokumente und Mails belegen, wie Finanzminister Henry Paulson die mächtigsten Banker der Welt vorführte. von Sebastian Bräuer (New York)
Der Tag im Ministerium beginnt mit einer Peinlichkeit. Seit Wochen spricht alle Welt über die Finanzkrise, über die Banken, die ums Überleben kämpfen. Doch die engsten Mitarbeiter von Finanzminister Henry Paulson  haben davon wenig mitbekommen. "Kann jemand Michele Davis, Fromer und mir sagen, wer die Großen 9 sind?", schreibt Paulsons Stabschef um 7.17 Uhr in einer Rundmail. "Um welche Unternehmen handelt es sich?" Es dauert einige Mails, bis Klarheit herrscht: JP Morgan Chase , Bank of America , Citigroup , Wells Fargo , Bank of New York, State Street , Goldman Sachs , Morgan Stanley  und Merrill Lynch. Kurz: Es handelt sich um Amerikas Finanzelite.
Deren Vorstandschefs sollen noch heute ins Ministerium kommen. Sollen dort ihre Freiheit abgeben. Das ist Paulsons Plan. Ob der Coup gelingen wird? Während der Finanzminister noch mal seine Reden durchgeht, haben seine Leute banalere Sorgen: Eine Mitarbeiterin fragt nach, ob die Großen 9 an der Börse notiert sind.
So beginnt in Washington ein Tag, der in die Geschichte eingehen wird, der Tag, an dem die Vereinigten Staaten ihre Banken verstaatlichten, der Tag, der die Finanzwelt verändern wird. Es ist der 13. Oktober 2008.
US-Finanzminister Henry Paulson   US-Finanzminister Henry Paulson
Furchtbare Wochen liegen hinter Henry Paulson, dem damals wichtigsten Mann der USA. Kollaps von Lehman Brothers, Absturz der Wall Street, das Finanzsystem taumelt. Paulson muss handeln. Seine Lösung: Teilverstaatlichung der Großbanken. Schnell und mit allen Mitteln. Im Internet sind nun Dokumente einzusehen, die zeigen, wie dieser historische Tag verlaufen ist. Originalmails, Gesprächsnotizen und Kopien der Verträge belegen, wie Henry Paulson die mächtigsten Banker der Welt vorführte - und sie öffnen ihrem erstaunten Leser die Augen darüber, wie chaotisch und dilettantisch das Treiben der Finanzelite in dieser weltweiten Krise bisweilen ist.
Bekannt wird dies dank der Internetseite von "Judicial Watch". Die unabhängige Stiftung kämpft für Transparenz in Politik und Wirtschaft, ein Grundrecht, das in den USA größeres Gewicht hat als in Deutschland. Seit Monaten hat Judicial Watch darauf gedrungen, dass Dokumente zum Ablauf des 13. Oktober veröffentlicht werden. Das Finanzministerium wollte das verhindern. Über Monate ging der Streit, noch im Februar behauptete das Ministerium frech weg, es gebe einfach keine Dokumente. Schließlich verloren die Mächtigen vor Gericht - wegen des weitreichenden "Freedom of Information Act". Und so kamen die Peinlichkeiten ans Licht.

Teil 2: Paulson - Die wandelnde Krise

  • Aus der FTD vom 26.05.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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