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FTD-Serie: Agenda

Die große Magazingeschichte zu aktuellen Ereignissen.
Merken   Drucken   07.11.2012, 12:19 Schriftgröße: AAA

Agenda: Spieltriebtäter  

In London endet einer der aufregendsten Prozesse der Finanzbranche: Kweku Adoboli hat über 2 Mrd. Dollar verzockt. Der ehemalige UBS-Banker hat vor Gericht geweint und Lügen eingestanden - und seltene Einblicke in die Welt der Trader geliefert. Ist er ein Verbrecher? Oder das Opfer eines brutalen Systems?
© Bild: 2012 Reuters/TOBY MELVILLE
Premium In London endet einer der aufregendsten Prozesse der Finanzbranche: Kweku Adoboli hat über 2 Mrd. Dollar verzockt. Der ehemalige UBS-Banker hat vor Gericht geweint und Lügen eingestanden - und seltene Einblicke in die Welt der Trader geliefert. Ist er ein Verbrecher? Oder das Opfer eines brutalen Systems?
von Sebastian Borger, London

An diesem kühlen Novembernachmittag macht der Angeklagte den Eindruck, als habe er das Interesse verloren. Als ginge ihn das alles gar nichts mehr an, was hier im fensterlosen Saal 3 des Krongerichts von London-Southwark verhandelt wird. Kweku Adoboli reibt sich im Zeugenstand die Nase, er bläst die Backen auf, atmet hörbar aus, dreht den Kopf nach rechts und links, als müsse er Verspannungen lösen.

Eine Woche dauert das Kreuzverhör nun schon, und Sasha Wass lässt nicht locker. Immer und immer wieder hält die Staatsanwältin dem 32-Jährigen Details aus Vernehmungsprotokollen vor, unerbittlich. "Haben Sie das gesagt? War das die Wahrheit?", fragt sie jedes Mal. Und immer und immer wieder muss der frühere UBS-Händler einräumen, dass es nicht die Wahrheit ist, dass er viel Widersprüchliches und Unwahres gesagt hat. Das sei aber gar nicht das Problem, sagt Adoboli mit ruhiger Stimme. "Dieses Protokoll zeigt doch nur, dass ich kein sehr guter Lügner bin."

"Nein", antwortet Wass kühl, "Sie sind ein hervorragender, ein raffinierter Lügner. Sie wägen sehr genau ab, was sich leugnen lässt und was nicht. Darauf beruht Ihre ganze Verteidigung: genau abgewogene Lügen." Das Krongericht Southwark hat schon über viele große Wirtschaftsfälle geurteilt, schließlich gehört zu seinem Zuständigkeitsbereich die City of London, das wichtigste Finanzzentrum der Welt. Zu Wochenbeginn wurde hier Nicholas Levene wegen eines 40-Mio.-Pfund -Betrugs zu 13 Jahren Haft verurteilt. Bei Adoboli geht es um 2,25 Milliarden Dollar .

Im Juli erwirkten die Anwälte von Kweku Adoboli vor dem Londoner ...   Im Juli erwirkten die Anwälte von Kweku Adoboli vor dem Londoner Gericht, dass sein Verfahren erst am 10. September eröffnet wird

Der Wertpapierhändler der Schweizer Großbank UBS  hat am Delta One Desk der Londoner Abteilung für Exchange-Traded Funds (ETFs) im vergangenen Jahr diesen gigantischen Verlust verursacht, das ist Fakt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm dabei schweres Fehlverhalten vor: zweifachen Betrug und insgesamt vier Fälle von vorsätzlich falscher Bilanzierung. Sollte er verurteilt werden, drohen Adoboli bis zu zehn Jahre Gefängnis. Er und seine Anwälte plädieren auf "nicht schuldig". Seit insgesamt acht Wochen geht es nun in Saal 3 hin und her.

Draußen drängeln sich die Fotografen, geduldig lässt sich Adoboli ablichten. Im Saal kennen sich die wenigen regelmäßigen Zuschauer inzwischen beim Namen. "Hello, Daddy", begrüßt Adoboli seinen Vater, der jeden Verhandlungstag verfolgt. Natürlich geht es hier um den Fall Kweku Adoboli. Aber nebenbei geht es - unter dem Brennglas eines Strafprozesses - auch um den Ruf der UBS-Bank und des Finanzzentrums insgesamt. Allen Bemühungen der Anklage zum Trotz, eine klare Trennlinie zwischen "normalem" Investmentbanking und dem Risiko-Glücksspiel des Beschuldigten zu ziehen. Immerhin blieben die waghalsigen Geschäfte des ehrgeizigen, privat hoch verschuldeten Nachwuchstraders ja jahrelang unentdeckt.

Am heutigen Mittwoch und morgen sollen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten. Man mag Adoboli für einen "Rogue Trader" halten, einen schurkenhaften Einzeltäter, wie es Anklägerin Wass den Geschworenen vermitteln will. Oder für ein treuherziges Opfer des Systems, als das Verteidiger Paul Garlick seinen Mandanten hinstellt. In jedem Fall haben die Zeugen der Anklage wie der Angeklagte selbst einen ebenso tiefen wie seltenen Einblick gewährt in die Welt jener Leute am hochriskanten Ende der Finanzindustrie.

Dabei wurden alle Klischees bestätigt. Die Zocker sind jung, fast ausschließlich Männer unter 35 Jahren und loyal nur sich selbst gegenüber. Sie jonglieren mit Milliarden, sprechen untereinander aber nicht übers Gehalt. Das Team, der Handelsraum, die Firma - das alles bildet ihre Ersatzfamilie, Gefühle zu zeigen aber ist hier tabu. Sie empfinden sich als die Herren der Welt, ordnen sich aber klaglos der Hierarchie des Unternehmens unter. Und sie reden über den Markt und dessen Bewegungen wie Theologen über Gott oder Atheisten über das Schicksal - wie über ein unwägbares Mysterium, mal strafend, mal belohnend, immer unberechenbar. Sie haben kollektiv die Weltwirtschaft ruiniert - und immer nur an den nächsten Bonus gedacht.

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Wie sie sich selbst einschätzen? "Wir sind alle sehr gescheite Leute", sagt Adoboli, ohne jede Ironie. Mit langsam, im Singsang vorgetragenen Sätzen klingt der untersetzte, breitschultrige Banker wie ein Laienprediger. Mit ausladenden Gesten untermalen seine Arme seine Worte. Sein engster Kollege John Hughes versteckt die gleiche Weltsicht hinter Witzchen: Sein Job bei UBS sei eigentlich ganz einfach gewesen, erzählt der Trader, der sich selbst "ziemlich faul" nennt. "Der Markt kann nur steigen oder fallen, aber nicht zur Seite springen."

Es ist eine abgeschlossene Welt. Den exponentiell wachsenden, hochlukrativen ETF-Handel habe außer den unmittelbar Beteiligten in der Bank "kaum jemand verstanden", berichtet Adoboli. Im Sommer 2007 waren er, damals 27, und Hughes, damals 24, für ein Handelsvolumen von 50 Mrd. Dollar zuständig. "Ein winziger Fehler hätte zu riesigen Verlusten geführt", so Adoboli. "Wir waren zwei Kids und versuchten rauszukriegen, wie das funktionieren soll." 2010 verdiente er insgesamt 453.000 Euro, Hughes' Gehalt lag deutlich höher. Dass nicht einmal 30-Jährige für den nicht sonderlich abwechslungsreichen Handel mit Aktienbündeln rund eine halbe Million verdienten, verrate "alles, was im Investmentbanking falsch läuft", sagt der Londoner Kapitalmarktexperte William Wright.

Als Adoboli im Februar 2011 seinen Jahresbonus von 310.000 Euro  mitgeteilt bekam, wusste er zunächst nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht. Wer sich am Bonustag zufrieden zeigte, galt als Verlierer. Adoboli musste abends erst mit seiner Freundin reden, einer Ärztin, einer Vertreterin der Außenwelt. "Dann war mir klar, dass es ja doch eine erhebliche Stange Geld darstellte." Im Gerichtssaal ist es der Vorsitzende Brian Keith, der die Außenwelt vertritt. Im Namen der elf Geschworenen mahnt er sämtliche Zeugen und Anwälte immer wieder, möglichst wenig Jargon zu verwenden. Vergeblich. "Ich hatte gehofft, wir könnten dies der Jury ersparen", entfährt es dem Mann mit der gepuderten, weißen Perücke einmal.

Das Kürzel PnL wird den Geschworenen so lang eingetrichtert, bis alle wissen: Es steht für Profit and Loss, Gewinn und Verlust. Freilich mögen Investmentbanker von Verlust nicht reden. Adoboli spricht hartnäckig von "Kosten", wenn er Verluste meint - selbst dann noch, als Richter Keiths Geduld am Ende zu sein scheint. Doch die weltliche Justiz hat dem Jargon und Wertekodex der Banker, den die Zeugen und der Angeklagte vor Gericht unbewusst einhalten, nichts entgegenzusetzen. Viele geben so lang falsche Auskünfte, bis ihnen die Wahrheit schwarz auf weiß gezeigt wird - da macht der Angeklagte keine Ausnahme.

Ein früherer UBS-Mann beispielsweise streitet unter Eid ab, von Adobolis Geheimkonten gewusst zu haben. Auf diesen parkte der junge Trader Gewinne, um sie zum geeigneten Zeitpunkt in die Tagesbilanz des Desks einzuträufeln. Später buchte er zunehmend auch fiktive Gegengeschäfte für tatsächlich getätigte Deals. Davon habe er nichts gewusst, behauptet der Investmentbanker standhaft - bis ihm Adobolis Verteidiger Garlick das Protokoll eines Chats vorliest, in dem von der "schwarzen Kasse" die Rede ist. Die Reaktion des Zeugen: Da sei er jetzt aber "richtig schockiert". "Sie sind ertappt", sagt Garlick. Doch wie die ruinösen Praktiken der Kasinobanker hat auch der Meineid keine Folgen. "Da hätte die Staatsanwaltschaft viel zu tun", begründet dies ein erfahrener Prozessanwalt.

Auch Adoboli schwört einen Eid darauf, nichts als die Wahrheit zu sagen. Seine Deals seien "wohlberechnet" gewesen, "basierend auf meiner Marktkenntnis", sagt er, "keine Zockerei". Warum dann aber der Milliardenverlust? Daran waren andere schuld, der Gruppendruck, die Hierarchie. Vom "Regenschirm" genannten System der Schattenbuchhaltung hätten die Kollegen nicht nur gewusst, sie hätten davon auch profitiert. Warum aber Hughes und die beiden anderen Trader am ETF-Desk sich angeblich an nichts erinnern können, wo doch die Fakten gegen sie sprechen und die Bank sie längst wegen "erheblichen Fehlverhaltens" ohne Abfindung in die Wüste geschickt hat?

Auch dafür hat Adoboli eine Erklärung: "Sie haben Angst vor der Maschine", sagt er. Deren Macht sei schließlich für alle sichtbar. Er zeigt auf die Phalanx von knapp einem Dutzend hoch bezahlter Anwälte und PR-Experten, die für UBS den Prozess beobachten. "Die sind alle nur hier, damit ich schuldig gesprochen werde."

Was der Angeklagte heute als Maschine bezeichnet, war jahrelang sein ganzer Stolz. Nach dem Studium, wo er vom Chemieingenieur auf die hippere Internetökonomie umsattelte, tat es der Sohn eines Uno-Diplomaten aus Ghana Tausenden anderen talentierten jungen Leuten gleich: Er ging in die City, die hohen Status und viel Geld versprach. Immer wieder beteuert Adoboli, wie viel er gearbeitet habe. Dass sein Leben nur aus Geldverdienen für die Bank bestanden habe. Dass die UBS seine Familie gewesen sei. Und er weint, immer wieder.

"Wenn ich wirklich ein Einzelgänger wäre, stünde ich heute nicht hier", schluchzt er. "Ich wollte immer nur der Bank nutzen." Immer wieder greift er zum Taschentuch. Im Saal herrscht betretenes Schweigen. Einmal durchbricht Anklägerin Wass die Stille: "Wir brauchen jetzt keine großen Emotionen mehr", sagt sie. "Sie sind ein versierter, bestechender Lügner. Sie haben erst Ihre Vorgesetzten bei UBS belogen und jetzt auch die Geschworenen." Ganz still kommt die Antwort: "Nein, da bin ich anderer Meinung."

Auch Hughes weint im Zeugenstand, ein anderer Ex-Banker erleidet einen Schwächeanfall. Viele machen deutlich, dass sie sich als Opfer der Bank sehen. "Ich wurde zum Sündenbock gemacht, mein guter Ruf galt nichts mehr", sagt einer. Was Adoboli berichtet, bestätigt die Eindrücke des langjährigen Investmentbankers John Reynolds. "Die Leute stehen unter extrem hohem Druck in einem sehr zyklischen Geschäft, die Jobsicherheit ist gering", sagt der Autor eines Buches, dessen Titel "Ethics in Investment Banking" beinahe irreführend ist: "Finanzhäuser leiden an einer Abwesenheit von Moral", sagt er. "Ethik spielt im täglichen Geschäft keine Rolle."

Er sei "am Boden zerstört, dass ich UBS in diese Lage gebracht habe", beteuert Adoboli. Er habe nicht betrügerisch gehandelt. "Wir waren eine Gruppe von Kids, denen zu viel abverlangt wurde, die zu wenig Unterstützung hatten in einem unberechenbaren Markt. Wir führten aus, was uns gesagt wurde: Wir gingen an unsere Grenze. Wir fanden die Felswand - und dann fielen wir hinunter." Besser lässt sich die Branche kaum beschreiben.

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