Dossier
Als eine der wenigen Investmentbanken hat Goldman Sachs überlebt. Doch der Umbau in eine Geschäftsbank stockt, Milliardenverluste türmen sich auf. Goldman zehrt derzeit vor allem von seinem Nimbus früherer Zeiten. von Sebastian Bräuer (New York)
An der Wall Street gibt es einen neuen Kalauer: "Hast du schon einen Toaster von Goldman Sachs bekommen?" Ein bisschen hat Vorstandschef Lloyd Blankfein den Witz selbst verschuldet: Wenige Tage nachdem sein Haus notgedrungen beschlossen hatte, sich in eine Geschäftsbank zu wandeln, schenkte er seinem Vorvorgänger Jon Corzine einen Toaster mit Goldman-Aufschrift. Das Gerät ist in den USA ein typisches Geschenk für Kontobesitzer, die einen Neukunden werben.
Goldman, eine Bank mit Spareinlagen. Noch im Sommer war dies undenkbar. Für Goldman. Für die Branche. Und natürlich für Lloyd Blankfein. "Ich mache mir Sorgen", sagte er da noch, "dass wir zu selbstgefällig sind. Und dann denke ich, wir sind dazu bestimmt, immer erbärmliche Streber zu sein."
Zumindest diese Sorge ist er los. Streber sind sie keine mehr. In der kommenden Woche wird Blankfein Zahlen des Grauens vorstellen. Erstmals in ihrer Geschichte macht die Bank Verluste. Milliardenverluste.
In Monaten hat die Bank verloren, was sie in 139 Jahren aufgebaut hat: ihre Vormachtstellung und Identität. Eine Strategie ist nicht mehr zu erkennen. Nur eines scheint Goldman Sachs einfach nicht zu verlieren: den Nimbus, den guten Ruf. "Bei Goldman arbeiten einige der schlausten Menschen, die es gibt", sagt Mohamed El-Erian, einer der renommiertesten Investoren des Landes. Er sei überzeugt, dass sie es schaffen werden. "Sie sind wie Fußballspieler, die auf jeder Position spielen können."
Es ist solches Vertrauen, von dem Goldman zehrt. Der größte Schutz, den die Bank derzeit hat, ist die Ehrfurcht der anderen. Goldman, das waren die an der Wall Street, die übers Wasser gehen konnten, die werden schon nicht untergehen.
In der Tat gehört Goldman zu den wenigen Überlebenden: Bear Stearns wurde verhökert, Lehman Brothers ist pleite, Merrill Lynch unter dem Dach der Bank of America. Nur Morgan Stanley und Goldman gibt es noch, allerdings mussten sie Ende September ihren Sonderstatus als Investmentbank aufgeben und normale Geschäftsbank werden. Damit unterstehen sie der Aufsicht der US-Notenbank. Seitdem ist Goldman nur noch ein goldener Name mit hohen Verlusten und einem Sack voll Problemen: Das Fremdkapital, das in den guten alten Zeiten hohe Renditen garantierte, ist in der Kreditkrise geschrumpft. Sein Anteil ist nach Schätzungen nur noch 16-mal so hoch wie das Eigenkapital - deutlich weniger als vor Monaten.
Und das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen ist eingebrochen: Erst in zwei, drei Jahren wird sich dieser Markt erholen, das bedeutet: kräftige Einbußen im Kerngeschäft.
Passanten gehen an der Zentrale von Goldman Sachs in New York vorbei
Und Analysten fürchten weiter hohe Abschreibungen auf Hypothekenpapiere. Sie sehen Goldman schon unter dem Abschwung in Asien leiden. Und sagen voraus, dass der lukrative Handel mit Kreditderivaten nie wieder so blühen wird wie vor dem Kollaps. Ihr Fazit: Das reine Investmentbanking ist tot.
Ein Fazit, dem sich Blankfein längst angeschlossen hat. Doch der Umbau in eine Geschäftsbank mag ihm bisher nicht gelingen. Wie auch? Die Goldmänner haben keine Ahnung von dem Geschäft - und eine Kultur der Großmäuligkeit, die rein gar nicht zu einer Filialbank passt: "Ich glaube, dass wir ein bisschen besser sind", tönte Blankfein noch vor wenigen Monaten. Und: "Wir mögen die Tatsache, dass unsere Leute danach streben, in der höchsten Finanzliga mitzuspielen."
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