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Merken   Drucken   16.07.2008, 20:41 Schriftgröße: AAA

Agenda: Wie Gerüchte Konzerne beschädigen

Dossier Seit dem Fall von Bear Stearns ist klar: Mit Gerüchten lassen sich selbst milliardenschwere Finanzkonzerne in die Knie zwingen. Jetzt steuert die US-Börsenaufsicht gegen - und erschwert die Spekulation auf fallende Kurse. von Tim Bartz (Frankfurt)
Eigentlich gilt Jamie Dimon als cool bis unter die grauen Spitzen seines sorgsam gescheitelten Haarschopfes. Als kühler, emotionsloser Sanierer, der die einst etwas verschnarchte Investmentbank JP Morgan  gemessen an ihrer Bilanzsumme zum drittgrößten US-Institut gemacht hat und zum zweitgrößten Kreditkartenanbieter des Landes. Der nur gelegentlich die Fassung verliert. So wie irgendwann in den 90er-Jahren, als er sich auf einer Firmenparty seines Ex-Arbeitgebers Citigroup  fast mit einem Kollegen um eine Frau geprügelt hätte - eine nie dementierte Episode aus Dimons frühen Wall-Street-Jahren.
Jetzt ist Dimon wieder in Aufruhr. Öffentlich, ohne die professionelle Maske des Investmentbankers. "Werft sie ins Gefängnis!", forderte er Anfang vergangener Woche in einem TV-Interview mit Charlie Rose, dem Alfred Biolek Amerikas. Was den JP-Morgan-Chef so aufbringt und nach den Ermittlern der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) rufen lässt, sind jene Spekulanten, die zum Zusammenbruch des Ex-Rivalen Bear Stearns  geführt haben. Die Bank, die jahrzehntelang unter den top fünf der Wall Street rangierte und deren hemdsärmelige Dealmaker Legendenstatus haben, ist im März binnen Tagen zum Konkursfall geworden. Sturmreif geschossen durch anonym gestreute Gerüchte über Liquiditätsprobleme, denen nach heutiger Kenntnis - zumindest anfänglich - die Grundlage fehlte.
Neue Fälle à la Bear Stearns drohen   Neue Fälle à la Bear Stearns drohen
Auch vier Monate später ist noch immer unklar, wer die Salven auf die Bank abfeuerte, die inzwischen von Dimons JP Morgan unter kräftiger Mithilfe der US-Notenbank Fed zum Spottpreis von knapp 240 Mio. $ geschluckt wurde. Jetzt will die SEC Licht in das Drama bringen, das Experten für den größten Skandal der Finanzgeschichte halten. Denn in diesen Tagen, in denen die Branchenkrise rund 18 Monate nach ihrem Ausbruch auf den nächsten Höhepunkt zusteuert, drohen neue Fälle à la Bear Stearns.
So flirren seit Wochen weltweit Gerüchte durch die Handelsräume, dass mit Lehman Brothers  das nächste Wall-Street-Imperium vor der Pleite steht - ohne dass es handfeste Beweise dafür gibt. Seit Jahresbeginn hat die Aktie der viertgrößten US-Investmentbank bereits knapp 80 Prozent ihres Wertes verloren.
Am Dienstag dieser Woche schwappt die Welle plötzlich nach Europa: Der belgisch-niederländische Finanzkonzern Fortis  stehe kurz vor der Zahlungsunfähigkeit, wird unter Händlern geraunt. Hinzu kommen Ermittlungen der niederländischen Finanzaufsicht gegen das Management der Bank wegen möglicher Irreführung der Anleger bei der jüngsten Kapitalerhöhung. Die Fortis-Aktie bricht zeitweise um 20 Prozent ein - ein vor der Krise für kaum möglich gehaltener Kursrutsch.
Kunden und Konkurrenten, Analysten und Investoren, sie alle sind misstrauisch geworden. Wie fast alle Banken rund um den Globus haben auch Fortis und Lehman Brothers aberwitzige Summen mit zweitklassigen Hypothekenkrediten verloren. 450 Mrd. $ mussten alle Institute zusammen im Zuge der Krise bereits abschreiben, schätzen Experten. 1000 Mrd. $ könnten es am Ende sein, wenn irgendwann Krisenbilanz gezogen wird. Der Verlust von 2,8 Mrd. $ im zweiten Quartal war der erste, den Lehman seit 1994 melden musste. Und mit der Ankündigung, sich 6 Mrd. $ neues Kapital zu beschaffen, hat die US-Bank die negativen Erwartungen noch übertroffen. Für einen Konkurs reicht das aber noch nicht aus.

Teil 2: Von wegen letztes Einhorn

  • Aus der FTD vom 17.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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