Gut gelaunt begrüßt Andreas Schmitz die FTD in seinem Düsseldorfer Büro. Es ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür, und Schmitz ist auf dem Sprung an den Tegernsee, wo er ein Haus besitzt. Es scheint, als wolle der Chef von HSBC Trinkaus und Präsident des Bankenverbandes (BdB) das Gespräch rasch hinter sich bringen. So nimmt er der Fotografin die schwere Tasche aus der Hand und trägt sie eigenhändig in sein Büro. Eilig hat er es am Ende aber doch nicht: Der Termin dauert länger als vereinbart.
FTD Herr Schmitz, wann haben Sie sich zuletzt mal gelangweilt?
Andreas Schmitz Ich lese jede Woche ein Buch, beim letzten habe ich mich ziemlich gelangweilt. So sehr, dass ich den Titel schon vergessen habe.
Und im Beruf?
Da gibt es einige Situationen. Nicht alle Telefonkonferenzen sind sinnvoll und spannend. Da überfällt einen schon manchmal das Gähnen.
Es könnte noch schlimmer werden. Geht es nach SPD-Chef Sigmar Gabriel, soll das Bankgeschäft wieder richtig langweilig werden.
Die Frage, ob das Bankgeschäft langweilig ist, ist kein Kriterium für die Qualität der Arbeit. Insofern widerspreche ich Herrn Gabriel. Er wird damit auch der Leistung der Bankmitarbeiter nicht gerecht. Viele mögen nach Gabriels Definition einen langweiligen Job haben. Doch auch sie haben mit Kunden zu tun, und da wird es nie langweilig.
Gabriels Aussage zielt darauf, das Finanzgeschäft wieder sicherer zu machen. Er plädiert daher für eine Trennung von Universalbanken in Investment- und Geschäftsbanken.
Ich lehne die Forderung ab. Sie widerspricht zum einen den Erfahrungen aus der Finanzkrise, in der sowohl reine Investmentbanken wie Lehman Brothers als auch reine Geschäftsbanken wie Northern Rock in Schieflage gerieten. Wie stabil eine Bank ist, hängt nicht von ihrem Geschäftsmodell ab, sondern von ihrem Risikomodell. Ein Trennbankensystem widerspricht auch der Tradition in Kontinentaleuropa, wo die Firmen stark von Bankkrediten abhängig sind. Diese Darlehen würden sich verteuern, wenn der bankinterne Risikoausgleich verloren ginge.
Ein Trennbankensystem könnte aber verhindern, dass Banken die Kundeneinlagen verzocken.
Die Aussage stimmt so nicht. Lehman hatte kaum Kundeneinlagen, sondern mit dem Geld anderer Banken gezockt. Solche Geschäfte würden Sie künftig gar nicht ausschließen. Und was heißt zocken: Auch Fristentransformation, die Refinanzierung langfristiger Kredite über kurzfristige Einlagen, ist Spekulation. Sie gehen von einem Zinsniveau in der Zukunft aus, und wenn Ihre Erwartung nicht aufgeht, ist die Position ein Problem. Das bekämen Sie mit einem Trennbankensystem auch nicht geregelt.
Also alles bleibt beim Alten?
Das sage ich nicht. Entscheidend ist, dass der Umfang der eingegangenen Risiken im angemessenen Verhältnis zu den Risikopuffern einer Bank steht. Insofern ist es sinnvoll und richtig, den Eigenhandel in einigen Bereichen stärker einzuschränken, als es vor der Krise der Fall war.
Sie befürworten also einen weiteren regulatorischen Eingriff?
Die Erfahrung zeigt, dass mit einem freien Markt dem Problem nicht beizukommen ist. Eine sinnvolle Regulierung ist notwendig.
Wie ließe sich der Eigenhandel aus Ihrer Sicht einschränken? Mit einem Verbot bestimmter Geschäfte, so wie es die Volcker-Regel in den USA vorsieht?
Ich bin dafür, das über strengere Kapitalquoten zu regeln und nicht über das Verbot bestimmter Geschäfte. Wenn Banken etwa mit Derivaten handeln, so können diese Papiere als Absicherungsinstrument für Unternehmen dienen. Eine Abgrenzung des Eigenhandels vom Kundengeschäft wäre schwierig.
Ihnen geht es sicherlich nicht um eine nationale Lösung, sondern um eine europäische Regelung?
Für alle Regulierungsthemen gilt, dass sie möglichst global umgesetzt werden sollten. Der Weg ist dann zwar mühsamer, aber auch erfolgversprechender. Ansonsten schafft man nur neue Schlupflöcher.
Wo bleiben die Briten? Die setzen eher auf das Trennbankenmodell?
Das heißt noch lange nicht, dass Großbritannien auf dem richtigen Weg ist. So beantwortet auch das Trennbankensystem nicht die Frage, wie große Finanzinstitute bei einer Schieflage aus dem Markt verschwinden können, ohne eine Kaskade weiterer Bankpleiten nach sich zu ziehen
Die Befürworter einer harten Linie sehen sich durch die vielen Skandale der jüngsten Zeit bestätigt. Barclays räumt die Manipulation des Libor ein, JP Morgan verzockt Milliarden mit Derivaten.
Um es klar zu sagen: Das sind Verfehlungen, die sind abzustellen und aufzuklären. Und wo es Verantwortung gibt, muss sie übernommen werden. Es ist aber ein Trugschluss zu glauben, dass mehr Regeln dazu führen, dass alles besser wird. Es kommt darauf an zu hinterfragen, ob jemand für Geschäfte, die er macht, auch morgen Verantwortung tragen würde. Wir sollten uns nicht nur daran halten, was legal ist, sondern was legitim ist im Sinne von Treu und Glauben.
Die vielen Skandale vermitteln aber den Eindruck, dass Banken dieses Bewusstsein abgeht.
Was jetzt an Skandalen das Licht der Welt erblickt, ist meist nicht das Werk von heute, sondern von gestern oder vorgestern. Es wäre falsch zu sagen, das ist immer noch so. Seit der Finanzkrise hat in der Branche ein Umdenken stattgefunden. Viele akzeptieren - andere müssen akzeptieren -, dass es keinen freien Markt gibt, der alles regelt. Wir sind daher intensiv damit beschäftigt, die Dinge so zu verändern, dass hinterher ein System existiert, das von der Gesellschaft akzeptiert wird und das eine dienende Funktion für die Volkswirtschaft hat.