Angriff auf die US-Ratingagenturen: Nachdem sich Ende Februar bereits deutsche Industriekonzerne wie Daimler , Siemens oder RWE gegen die Preispolitik von Standard & Poor's (S&P) aufgelehnt hatten, zieht nach FTD-Informationen nun die komplette hiesige Bankenbranche nach.
"Die intransparenten Gebührenerhöhungen von S&P sind aus Sicht unserer Mitglieder nicht mehr akzeptabel", heißt es in einem Brandbrief der drei deutschen Verbände für die privaten, die genossenschaftlichen sowie die öffentlich-rechtlichen Banken an die Ratingagentur. Insidern zufolge gilt der Protest nicht allein dem Marktführer: "Der Adressat ist zwar S&P. Aber das Schreiben soll auch ein Signal an Moody's und Fitch sein, die eine ähnliche Preispolitik betreiben", sagt ein Kenner des Vorgangs.
Der konzertierte Aufstand ist für die Ratingbranche doppelt gefährlich. So droht die geforderte Gebührentransparenz die Preismacht der Agenturen zu brechen, was deren Margen schmälern würde. Zum zweiten sind die Proteste eine Steilvorlage für mögliche kartellrechtliche Untersuchungen. In dem Schreiben vom Februar war von einem "monopolistischen Markt" die Rede gewesen. Ein solcher Hinweis fehlt zwar im aktuellen Brief der Banken. Ein Finanzmanager jedoch sagt: "Wenn eine Agentur die Preise erhöht, dann dauert es nicht lange, bis die nächste nachzieht. Das ist wie bei den Tankstellen."
S&P, Moody's und Fitch kontrollieren rund 95 Prozent des Ratingmarkts. Für sich genommen ist diese marktbeherrschende Stellung rechtlich unproblematisch. Dies ändert sich aber, sobald die Position missbraucht wird, etwa um ungerechtfertigt hohe Preise durchzusetzen.
Die Ratingfirmen behaupten, in ihrer Gebührengestaltung transparent zu sein. Tatsächlich aber ist selbst für die betroffenen Unternehmen nicht immer nachvollziehbar, wie die Preise zustande kommen. "Angeblich existiert bei S&P nur eine Gebührentabelle. Man hat aber den Eindruck, dass es für jeden Kunden eine eigene Tabelle gibt", sagt ein Insider. Die Verbände fordern daher "die Veröffentlichung einer transparenten Gebührenordnung, an der sich Emittenten bei den individuellen Preisverhandlungen mit S&P orientieren können."
S&P selbst teilte mit, bei jenen Banken, denen deutliche Gebührenerhöhungen drohen, diese womöglich gestaffelt über Jahre zu strecken.
Ein durchschnittliches DAX-Unternehmen kommt nach FTD-Informationen auf jährliche Ratingkosten in mittlerer sechsstelliger Höhe. Bei größeren Banken, die in der Regel häufiger Anleihen und andere Schuldpapiere emittieren als Industriekonzerne, sind die Rechnungen entsprechend höher. "Da ist man dann schnell im einstelligen Millionenbereich", sagt ein Kenner. Bislang haben die meisten Emittenten die Preispolitik der Agenturen geschluckt.
Erst die jüngsten Gebührenerhöhungen haben zu einem kompletten Sinneswandel geführt. "Die Rechnungen fallen häufig erheblich höher aus als in den vergangenen Jahren", schreiben die Bankenverbände. In dem Brief der Industriekonzerne ist sogar von einer "Verdopplung" der Preise die Rede.
Besonders brisant ist, dass mit der Deutschen Bank auch einer der größten S&P-Kunden überhaupt hinter dem Brief steht. Unklar blieb zunächst, ob Deutschlands größtes Geldhaus sich dem Protest lediglich angeschlossen hat oder ob es die treibende Kraft hinter der Aktion ist.