Die Deutsche Bank wird nach FTD-Informationen nicht ihren Co-Vorstandschef Anshu Jain zur Anhörung im Bundestagsfinanzausschuss in Sachen Libor schicken. Stattdessen werde in Berlin Stephan Leithner Rede und Antwort stehen, heißt es in Finanzkreisen. Leithner ist neu im Vorstand der Deutschen Bank und zuständig für Recht (Legal Risk), Personal und Europa.
Er sei dafür zuständig aufzuklären, welche Rolle die Bank bei den vermeintlichen Zinsmanipulationen gespielt hat, heißt es in Frankfurt. Allerdings hatte Jain in seiner Zeit als Spartenchef des Investmentbankings die personelle Verantwortung dafür, dass einige seiner Händler mutmaßlich Teil des Betrugskartells waren.
Indem sie Leithner und nicht Jain nach Berlin entsendet, nimmt die Deutsche Bank ihren seit Juni amtierenden Vorstandschef gezielt aus der Schusslinie. Der gebürtige Inder und Pass-Brite Jain, der kein Deutsch spricht, führt das Institut zusammen mit dem Deutschen Jürgen Fitschen.
Dass die Gefahr, die von dem Libor-Skandal ausgeht, durchaus real ist, zeigt der Fall Barclays: Die Briten hatten als Erste eine Mitschuld eingeräumt und 450 Mio. Dollar Strafe gezahlt - das Topmanagement einschließlich Vorstandschef Robert Diamond musste gehen. Im Falle der Deutschen Bank untersucht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), ob das Institut genügend getan hat, um etwaige Zinsmanipulationen zu verhindern.
Seit Monaten ermitteln Behörden gegen Großbanken in Sachen Libor. Zahlreiche Geldhäuser sollen zwischen 2005 und 2009 Referenzzinssätze wie Libor und Euribor manipuliert haben, um ihre tatsächlichen Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Die Zinssätze beruhen auf den von außen bislang kaum nachprüfbaren Angaben der Banken zu den Zinsen, die sie am Geldmarkt zahlen müssen. Allein auf dem Libor beruhen Finanztransaktionen im Volumen von 500.000 Mrd. Dollar.
Das öffentliche Fachgespräch im Finanzausschuss ist für den 28. November 2012 terminiert. Eine Einladung zu einem Fachgespräch ist nicht bindend, Jain könnte also jederzeit absagen oder einen Vertreter schicken. Auch der Ex-Risikochef der Deutschen Bank, Hugo Bänziger, steht auf der Liste der Experten, die der Finanzausschuss geladen hat, daneben Vertreter der BaFin, der Bundesbank sowie des WestLB-Überbleibsels Portigon.
Neuvorstand Leithner kümmert sich aber nicht nur um den Libor-Skandal - ihm liegt offenkundig auch daran, die Deutsche Bank fraulicher zu machen. Am Mittwoch umriss er auf einer Konferenz in Frankfurt seine Vorstellungen vom Banker der Zukunft: "Ich will ein bisschen provokant sein. Das Erste ist: Er wird weiblicher sein, internationaler sein, älter, teamorientierter, mobiler und Spaß an der Technik haben müssen." Leithner kündigte an, dass die Deutsche Bank bis 2018 auf 25 Prozent Frauen unter ihren hochrangigen Führungskräften kommen wolle. Ende 2011 seien es 17 Prozent gewesen. Frauen seien in vielen Fällen eher die Garanten von Teamorientierung, partnerschaftlichem Verhalten und nachhaltiger Ausrichtung, sagte er.