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  FTD-Serie: Die Ursprünge der Finanzkrise

Sie begann bei einem kalifornischen Hypothekenanbieter und hat inzwischen Märkte in aller Welt erfasst: Die Subprime-Krise um schlecht besicherte US-Immobilienkredite betrifft längst auch andere Branchen. Unter den Opfern sind zunehmend deutsche Unternehmen.

Merken   Drucken   02.08.2007, 14:58 Schriftgröße: AAA

Die Opfer der Subprime-Krise

Die Kreditsorgen wachsen, die Investoren werden immer nervöser. Auch Deutschland ist von den Verwerfungen auf dem US-Häusermarkt und den Turbulenzen auf den Kreditmärkten betroffen. Die FTD gibt einen Überblick über die prominentesten Verlierer der Krise. von Tobias Bayer (Frankfurt)
Besonders Banken stehen unter Beobachtung. Sie leiden darunter, dass sie die Kredite für Übernahmen (Leveraged Loans) nicht länger problemlos bei Investoren platzieren können. Bis jetzt sind die Effekte begrenzt. Doch gerade das dritte Quartal verspricht spannend zu werden. Die Ratingagentur Standard & Poor's prophezeit Verluste. "Unsere Stress-Tests zeigen, dass ein ernsthafter Abschwung des Leveraged-Finance-Geschäfts einige Monate lang zu materiellen Verlusten führen würde", schreibt S&P in einer Analyse. Eine "harte Landung" könne nicht ausgeschlossen werden. "Damit kämen auch die Ratings von Banken unter Druck", so S&P. Doch schon jetzt sind macht sich die schlechte Stimmung auf den Finanzmärkten bemerkbar. Für Banken, Hedge-Fonds und Hypothekenversicherer sind harte Zeiten angebrochen. Auslöser ist die Krise auf dem amerikanischen Markt für Subprime-Kredite. Darunter versteht man Hypothekendarlehen an Schuldner mit zweitklassiger Bonität. Diese konnten ihren Verpflichtungen aufgrund höherer Zinsen und sinkender Hauspreise zuletzt zunehmend nicht mehr nachkommen. Die Ausfälle haben dramatische Folgen für viele Banken und Fonds.
Die niederländische Bank ist derzeit heiß begehrt. Umworben wird sie von der britischen Großbank Barclays und einem Bieterkonsortium um die Royal Bank of Scotland. Doch die Niederländer mussten wegen der US-Immobilienkrise Verluste hinnehmen. Die Vermögensverwaltung Absolute Capital, an der ABN Amro rund 50 Prozent hält, musste zwei Fonds mangels Liquidität zunächst bis Oktober auf Eis legen. Dabei handelt es sich um den Absolute Capital Yield Strategies Fund und den Absolute Capital Strategies Fund NZD mit einem Wert von zusammen 177 Mio. $. Die Fonds sind den Angaben nach mit weniger als fünf Prozent des Vermögens bei den US-Subprimes engagiert.
Der US-Baufinanzierer American Home Mortgage Investment räumte ein, vor der Pleite zu stehen und keine Kredite mehr zu bekommen. Insgesamt fehlten dem Haus rund 800 Mio. $, hieß es. Das Institut, dessen Aktie nach der Mitteilung um rund 90 Prozent einbrach, gehört zu den großen Hypotheken-Anbietern in den USA und hat vor allem Kunden mit höherer Kreditwürdigkeit.
Neben den Fonds der US-Investmentbank Bear Stearns ist der australische Fonds Basis Capital der prominenteste Hedge-Fonds, der heftige Verluste erleiden musste. Er verwaltet ein Vermögen von rund 1 Mrd. $. Gegründet wurde Basis Capital von Steven Howell und Stuart Fowler, die mehr als 20 Jahre Investmenterfahrung haben. Allein im Juni erlitten sie Verluste in Höhe von 14 Prozent. Um die Pleite abzuwehren, haben Howell und Fowler die Beteiligungsgesellschaft Blackstone zur Hilfe gerufen. Der Private-Equity-Investor soll Basis Capital bei den Verhandlungen mit den Gläubigerbanken unterstützen.
Bear Stearns hat es unter den Wall-Street-Häusern am Schlimmsten erwischt. Drei Fonds der Investmentbank sind bereits wegen der Subprime-Krise in Schieflage geraten. Darunter zwei Hedge-Fonds, die in hypothekenbesicherte Kreditderivate investiert hatten. Die Probleme spiegeln sich schon in den Ergebnissen wider. Im zweiten Quartal verbuchte die Investmentbank ein Gewinnminus gegenüber dem Vorjahreszeitraum von zehn Prozent auf 486 Mio. $. Dabei ist die Abschreibung für die Kursmaklersparte der Investmentbank in Höhe von 227 Mio. $ nicht enthalten.
Beim weltgrößten Finanzkonzern Citigroup häufen sich die Probleme, Kredite, die die Bank Finanzinvestoren für die Übernahme von Unternehmen gewährt hat, an Anleger weiterzureichen. Das musste Gary Crittenden, der neue Citigroup-Finanzchef, anlässlich der Präsentation der Ergebnisse für das zweite Quartal bekannt geben.
Bei vier Transaktionen im zweiten Quartal ist es seinen Angaben zufolge Citigroup nicht gelungen, Abnehmer für die sogenannten Leveraged Loans zu finden. Die Bank musste die Kredite deshalb zunächst auf den eigenen Bilanzen stehen lassen. Um die Kredite attraktiver zu machen, muss Citigroup die Konditionen für Interessenten günstiger gestalten. Die unverkauften Kredite werden laut Crittenden "wahrscheinlich zu anderen Bedingungen" verkauft, eventuell würden einige Tranchen auch in der Citi-Bilanz verbleiben. Das dürfte sich auf den Citi-Ertrag auswirken, räumte der Finanzchef ein. Eine der prominentesten Transaktionen der Citigroup, das ins Stocken geraten ist, ist das Kreditarrangement für die Chrysler-Übernahme durch die Beteiligungsgesellschaft Cerberus.
Selbst die erfolgsverwöhnte Investmentbank Goldman Sachs kann sich den Turbulenzen auf den Kreditmärkten nicht entziehen. Zwar steigerte das Wall-Street-Haus den Gewinn im zweiten Quartal um ein Prozent auf 2,33 Mrd. $, gegenüber dem Rekordvorquartal war es jedoch ein Rückgang von 27 Prozent. Besonders betroffen ist der Bereich festverszinslicher Wertpapiere, der einen Rückgang um 24 Prozent auf 3,37 Mrd. $ hinnehmen musste. "Wir haben noch nicht das Ende der Leidensphase erreicht", sagte Goldman-Sachs-Finanzchef David Viniar bei der Präsentation der Quartalszahlen.
Die Krise auf dem US-Hypothekenmarkt hat auch HSBC in Mitleidenschaft gezogen. In den sechs Monaten bis Ende Juni kletterten die Aufwendungen für notleidende Kredite nach Angaben des Instituts um 63 Prozent auf 6,346 Mrd. $. Vorausgegangen war bereits ein deutlicher Anstieg im zweiten Halbjahr 2006. Trotzdem verbuchte die britische Großbank einen Zuwachs des Halbjahresgewinns 2007. Die Bank arbeite sich durch die Subprime-Probleme, sagte Finanzchef Michael Geoghegan anlässlich der Präsentation der Ergebnisse. HSBC wolle sich bei risikoträchtigen Anlagen auch künftig zurückhalten.
Im Februar hatte die Bank wegen der Krise bei Subprime-Hypotheken eine Gewinnwarnung abgegeben. Dies hatte am Markt erstmals Bedenken über mögliche negativen Folgewirkungen der Kreditkrise für die Großbanken geweckt. Insgesamt sind die finanziellen Kennzahlen 2007 von HSBC aber bislang solide.
Es ist eine der größten Stützungsaktionen der deutschen Bankengeschichte. Die staatliche Förderbank KfW räumte der IKB eine Liquiditätslinie von 8,1 Mrd. Euro ein. Private Banken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen unterstützen die Rettungsaktion, die insgesamt ein Volumen von 3,5 Mrd. Euro hat. "Wir machen das aus Verantwortung für den deutschen Finanzmarkt", sagte ein Sprecher des Bundesverbands Deutscher Banken. Die Vorgänge sind dramatisch: Die Mittestandsbank IKB galt als solides Institut. Doch diese Woche sah sie sich angesichts drohender Verluste gezwungen, eine Gewinnwarnung herauszugeben. Sie teilte am Montag mit, ihre bisherige Ergebnisprognose von 280 Mio. Euro nicht halten zu können.
Verantwortlich für die existenzbedrohende Krise der Düsseldorfer Bank sind die Investmentvehikel Rhineland Capital und Rhinebridge. Rhineland Funding ist für das Verbriefungsgeschäft zuständig. Dabei verkaufen mittelständische Unternehmen Forderungen aus Lieferungen, Leasingvereinbarungen oder Lizenzeinnahmen an die IKB. Finanziert wird der Forderungskauf durch die Emission so genannter Asset Backed Commercial Papers (ABCP). Das sind mit Forderungen besicherte Wertpapiere, die von Ratingagenturen bewertet werden. Ein Teil des Kapitals in Höhe von 12,7 Mrd. Euro soll Rhineland Capital auch in den US-Immobilienmarkt investiert haben.
Auch an JP Morgan Chase geht die Hypothekenkrise nicht spurlos vorbei. im zweiten Quartal wurde der Gewinnanstieg deutlich gebremst. Zwar sprudelten die Gewinne aus dem Investmentbanking durch den weltweiten Boom bei Fusionen und Übernahmen überraschend stark. Doch musste die drittgrößte US-Bank ihre Rückstellungen für faule Kredite im Vergleich zum Vorjahresquartal auf 2,1 Mrd. $ verdoppeln.
Dennoch präsentierte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon ein solides Zahlenwerk. Trotz der überraschenden Aufstockung der Risikovorsorge steigerte JP Morgan den Nettogewinn im zweiten Quartal um 20 Prozent auf 4,2 Mrd. $. Dies entsprach 1,20 $ je Aktie und übertraf die Analystenschätzungen damit um 12 Cent. Grund war, dass die Bank ihre Erträge um ein Viertel auf 19,8 Mrd. $ steigern konnte. Damit erzielte JP Morgan sogar mehr Umsatz als im ersten Quartal, das als das saisonal stärkste gilt.
Das Management des größten australischen Bankhauses warnte vor Verlusten von bis zu 25 Prozent bei zwei Fonds. Diese hätten laut Aussage des Managements keine direkte Verbindung zum krisengeschüttelten US-Markt für zweitklassig besicherte Darlehen. Die Verluste könnten sich auf bis zu 254 Mio. $ summieren, teilte Macquarie mit.
Die Pleite von New Century Financial Anfang April löste Schockwellen im Markt aus. Der Hypothekenanbieter war spezialisiert auf Hauskäufer mit niedrigem Einkommen. Der kleine kalifornische Anbieter profitierte von dem Subprime-Boom - und konkurrierte mit etablierten Finanzkonzernen wie HSBC und Citigroup. Für Mai wies das bankrotte Unternehmen einen Verlust von 453,5 Mio. $ aus.
Die Schweizer Großbank hat bereits personelle Konsequenzen gezogen: UBS-Vorstandschef Peter Wuffli musste Anfang Juli gehen, ihm folgte Marcel Rohner an die Spitze. Ein Grund für die Demission Wufflis war die Schieflage des Hedge-Fonds Dillon Read Capital (DRCM). DRCM hatte Subprime-Kreditportfolien gekauft und Verluste in dreistelliger Millionenhöhe angehäuft. Wuffli sah sich gezwungen, den erst vor einem Jahr aus dem Eigenhandel ausgelagerten DRCM wieder in den Konzern zu integrieren. Die seit November eingesammelten Fondsgelder von 1,5 Mrd. Franken (910 Mio. Euro) gehen an die Anleger zurück.
Kurz vor seinem Abgang hatte Wuffli noch in einem Zeitungsinterview vor den wachsenden Kreditrisiken gewarnt: "Das Geschäft mit riskanten Großkrediten ist für die Banken gefährlich, weil Klagen und eine Rufschädigung drohen, wenn die Ausleihungen nicht bedient werden können."
Die fünftgrößte US-Bank Wells Fargo hat angekündigt sich wegen der Turbulenzen am Markt für zweitklassige Hypothekenkredite aus dem Großkundengeschäft in dieser Sparte zurückziehen. Wells Fargo ist der zweitgrößte Hypothekengeber der USA. Wells Fargos Großkunden-Bereich wickelte im Auftrag anderer Vermittler Subprime-Hypotheken ab. Dieses Geschäft macht nur 1,6 Prozent der im vergangenen Jahr vom Konzern vergebenen Hypothekenkredite für Hausbauer entfallen.
  • FTD.de, 02.08.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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