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Merken   Drucken   20.01.2012, 00:40 Schriftgröße: AAA

Eigenkapitalvorgaben: Wie die Commerzbank den Befreiungsschlag schaffen will

Das Institut will die Zweifel an seiner Finanzkraft widerlegen und die EU-Vorschriften für das Eigenkapital noch übertreffen. Doch der Plan birgt Risiken. Eine Analyse.
© Bild: 2011 Reuters/ALEX DOMANSKI
Das Institut will die Zweifel an seiner Finanzkraft widerlegen und die EU-Vorschriften für das Eigenkapital noch übertreffen. Doch der Plan birgt Risiken. Eine Analyse. von Barbara Schäder  Frankfurt
Die Commerzbank  will ihre Kapitallücke aus eigener Kraft schließen und die EU-Vorgaben sogar übertreffen. Die ehrgeizigen Pläne werfen eine Reihe von Fragen auf. Ein Überblick.
Die EU will wegen der Schuldenkrise die Widerstandskraft der Banken stärken. Sie sollen deshalb ihr Kernkapital, dazu zählen in erster Linie die von den Eigentümern gezeichneten Aktien und Gewinnrücklagen, auf neun Prozent der risikogewichteten Bilanzsumme aufstocken. Dabei müssen nach den EU-Vorgaben potenzielle Verluste mit Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder berücksichtigt werden.
Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) rechnete im Dezember nach, wie stark Abschreibungen auf europäische Staatsanleihen einzelne Institute belasten und damit den Kapitalbedarf erhöhen. Sie legte dabei den Marktwert der Papiere Ende September zu Grunde.
Für die Commerzbank ergab sich in dem Stresstest ein Kapitalbedarf von 5,3 Mrd. Euro. Sie setzt sich zusammen aus potenziellen Abschreibungen auf Staatsanleihen im Volumen von 4,7 Mrd. Euro und weiteren Kapitalabzügen in Höhe von 0,4 Mrd. Euro. Letztere entstehen dadurch, dass mit der Einführung der neuen internationalen Eigenkapitalvorschriften nach Basel III bestimmte Kapitalinstrumente nicht mehr auf die Kernkapitalquote angerechnet werden. Basel III tritt zwar erst 2013 in Kraft, die EBA stützt ihre Berechnungen aber auf eine Übergangslösung, die Basel 2,5 genannt wird.
Im vierten Quartal hat die Commerzbank den Kapitalbedarf schon um 3 Mrd. Euro auf 2,3 Mrd. Euro reduziert. Das gelang nach Angaben des Instituts im Wesentlichen durch zwei Schritte:
Erstens legte die Bank im vierten Quartal Gewinne in Höhe von 1,2 Mrd. Euro zurück. Dieser nach einem Verlust von fast 700 Mio. Euro im dritten Quartal erstaunlich hohe Überschuss kam zu einem großen Teil dadurch zustande, dass die Commerzbank im Dezember eigene Schuldtitel zurückkaufte. Da die Anleihen am Markt unterhalb des Nennwerts notierten, reduzierten sich durch ihren Rückkauf die Verbindlichkeiten des Instituts. Diese Entlastung steuerte zum Quartalsgewinn 735 Mio. Euro bei.
Erträge der Commerzbank vor Risikovorsorge im Privatkundengeschäft   Erträge der Commerzbank vor Risikovorsorge im Privatkundengeschäft
Parallel dazu schrumpfte die Commerzbank ihre Bilanz: Die Summe der risikogewichteten Vermögenswerte wurde im vierten Quartal um 17 Mrd. Euro reduziert. Je weniger Risiken, desto weniger Kernkapital ist zu deren Absicherung erforderlich. Der Kapitalbedarf sank deshalb um 1,6 Mrd. Euro.
Überdies wurden laut Commerzbank "durch effizientes Management der Kapitalstruktur regulatorische Kapitalabzugspositionen deutlich verringert". Dadurch sei das Kernkapital um 200 Mio. Euro gestiegen.
Die Commerzbank setzt dazu vor allem auf einen weiteren Bilanzabbau: Die Summe der risikogewichteten Vermögenswerte soll noch einmal um 17 Mrd. Euro schrumpfen. Dadurch ginge der Bedarf an Kernkapital um 1,5 Mrd. Euro zurück.
Für die erste Jahreshälfte rechnet die Bank zudem mit einem Nettogewinn von 1,2 Mrd. Euro, den sie einbehalten will, um das Kernkapital zu stärken. Analysten der Citigroup werteten das Gewinnziel mit Blick auf die geplante Bilanzverkleinerung als ehrgeizig: Wenn die Commerzbank Risiken abbauen wolle, werde sie einen Teil ihrer Geschäftsaktivitäten zurückfahren müssen, gaben die Experten zu bedenken. Damit verringerten sich auch die Ertragschancen.
Das Geldhaus selbst räumte ein, die Prognose stehe unter dem Vorbehalt, dass sich die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht weiter verschlechtern und sich die Staatsschuldenkrise nicht weiter verschärft.
Commerzbank-Chef Blessing hofft auf einen Gesamteffekt von 6,3 Mrd. ...   Commerzbank-Chef Blessing hofft auf einen Gesamteffekt von 6,3 Mrd. Euro
Weitere 250 Mio. Euro soll die Ausgabe neuer Aktien an Mitarbeiter bringen. Sie ist Bestandteil der Boni. Die Bank finanziert also mit einem Teil des Geldes, das normalerweise an die Mitarbeiter fließen würde, neue Anteilsscheine und stärkt damit ihr eigenes Grundkapital. Der Bund als Großaktionär der Commerzbank zieht bei dieser kleinen Kapitalerhöhung mit, um seine Sperrminorität von 25 Prozent zu erhalten. Dazu wandelt er seine stille Einlage in Aktien. Neue Staatshilfen sind also nicht erforderlich.
Den Effekt von Bilanzabbau und Kapitalaufbau beziffert Bankchef Martin Blessing auf insgesamt 6,3 Mrd. Euro. Das Institut hätte damit einen Sicherheitspuffer, falls zum Beispiel wegen des geplanten Schuldenerlasses für Griechenland noch höhere Abschreibungen auf die Bank zukommen sollten.
Der Staats- und Immobilienfinanzierer ist für den größten Teil der Kapitallücke der Commerzbank verantwortlich. Die Eurohypo hielt Ende September Staatsanleihen südeuropäischer Länder im Wert von 13 Mrd. Euro.
Die Eurohypo in Eschborn   Die Eurohypo in Eschborn
Die Commerzbank will Teile der Tochtergesellschaft abwickeln und den rentablen Rest integrieren. Dazu braucht sie allerdings die Zustimmung der EU-Kommission. Die Wettbewerbshüter hatten die Staatshilfen für die Commerzbank in der Finanzkrise nur unter der Auflage genehmigt, dass die Eurohypo bis 2014 verkauft wird. Brüsssel könnte inzwischen aber bereit sein, die Vorgabe abzumildern. Denn ein Verkauf der Eurohypo gilt im aktuellen Marktumfeld als nahezu unmöglich.
Alternativ hätte die Commerzbank den Verlustbringer in eine staatlich gestützte Bad Bank auslagern können. Bankchef Blessing will eine neuerliche Inanspruchnahme von Staatshilfen aber vermeiden. Sein Haus musste während der Finanzkrise mit mehr als 18 Mrd. Euro vom Bund aufgefangen werden, er ist mit einem Viertel der Anteile größter Aktionär.
Offiziell hat sich die Bank zur Zukunft der Eurohypo noch nicht geäußert. "Wasserstandsmeldungen zwischendurch geben wir nicht", sagte Vorstandschef Blessing am Donnerstag.
  • FTD.de, 20.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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