Kredite für Menschen, die eigentlich nicht kreditwürdig sind - dieses Geschäftsmodell ist in den USA unter dem Begriff Subprime bekannt und hat die Welt unlängst in eine Finanzkrise gestürzt. Kredite für Menschen, die eigentlich nicht kreditwürdig sind - das ist auch das Geschäftsmodell der Grameen Bank aus Bangladesch. Deren Gründer Muhammad Yunus hat für seine Idee vor zwei Jahren den Friedensnobelpreis bekommen. Nun expandiert sein Institut in die Vereinigten Staaten.
Also: Eine Bank aus einem der ärmsten Winkel der Erde eilt dem noch immer reichsten Land der Welt zu Hilfe. Warum auch nicht? Yunus' Mikrokredite haben schließlich schon Volkswirtschaften angekurbelt, die sich in weitaus katastrophalerem Zustand befunden haben, als es die am Rande einer Rezession taumelnde US-Wirtschaft derzeit tut.
In seiner Heimat begann Yunus Mitte der 70er-Jahre, kleine Darlehen zu moderaten Zinsen an die Ärmsten der Armen zu vergeben, vor allem an Frauen, die sich mit dem Geld eine eigene Existenz aufbauen wollten. Der Erfolg gab dem studierten Volkswirt bald recht und tut dies bis heute: 98 Prozent aller Kredite werden zurückgezahlt - eine Quote, von der US-Hypothekenfinanzierer selbst zu besseren Zeiten nur träumen konnten. Mittlerweile wurde der Gedanke der Mikrofinanzierung in mehr als 40 Ländern adaptiert. Allein die Grameen Bank betreut inzwischen fast 7,5 Millionen Kunden und hat aktuell rund 6,6 Mrd. $ verliehen.
Beflügelt von diesem Erfolg bringt Yunus die Idee nun nach Amerika und damit erstmals in ein entwickeltes Land. Die Voraussetzungen scheinen bestens: In den USA leben Schätzungen zufolge rund 28 Millionen Menschen ohne Bankverbindung. Private Kreditgeber haben im vergangenen Jahr 48 Mrd. $ an diese Menschen verliehen - oft zu Wucherzinsen. Die Grameen Bank setzt hingegen auf faire Konditionen und glaubt, von der Finanzkrise zu profitieren: "Jetzt ist der ideale Zeitpunkt", sagt Yunus. "Die Subprime-Krise hat gezeigt, dass das Finanzsystem nicht perfekt ist."
Die ersten Kunden entsprechen dem üblichen Profil der Grameen Bank: 35 Frauen aus dem New Yorker Stadtteil Queens, neben US-Bürgerinnen auch Haitianerinnen und Kolumbianerinnen. Darlehen im Gesamtwert von 50.000 $ erhalten die Frauen. Mit dem Geld wollen sie sich eine Existenz als Friseurin, Kosmetikerin oder Schneiderin schaffen.
Vielleicht klopft demnächst ja auch der ein oder andere arbeitslos gewordene Banker bei Yunus an, um mithilfe eines Mikrokredits einen beruflichen Neustart zu wagen. Jérôme Kerviel zum Beispiel, der die Société Générale unlängst um 4,8 Mrd. Euro erleichtert hat, dürfte bestens ins Kundenprofil passen: Sicherheiten hat auch er keine vorzuweisen.