Als die Commerzbank vor wenigen Tagen ihre neue Strategie für das schwächelnde Privatkundengeschäft vorlegte, ging es auch um die Zukunft ihrer Filialen. Denn schließlich leistet sich die Commerzbank mit 1200 Zweigstellen das größte Netz in Deutschland - und schließlich sind es eben diese Niederlassungen, die kaum noch etwas abwerfen. Die Commerzbank reagiert auf die Probleme nun mit einer Ausdünnung des Produktangebots, auf Filialschließungen jedoch verzichtet sie.
Deutschlands zweitgrößte Bank ist nicht die einzige, die ihr Privatkundengeschäft umkrempelt. Alle Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken stehen vor der gleichen Frage: Wie lassen sich die Zweigstellen noch wirtschaftlich unterhalten in einer Zeit, in der das niedrige Zinsniveau und die geringe Investitionsbereitschaft der Anleger immer weniger Geld in die Kassen spülen? Und in der das Onlinebanking den Gang zum Schalter nahezu überflüssig macht? So nutzt nur noch rund ein Viertel aller Kunden für Bankgeschäfte ausschließlich die Filiale.
Die Anforderungen ändern sich schnell, und so verwundert es nicht, dass die Zukunft der Zweigstellen auch eines der dominierenden Themen ist auf der diesjährigen Euro Finance Week in Frankfurt. Aus den Vorträgen klingt heraus, dass das Filialsterben vorerst weitergehen wird. "Wir werden weniger Zweigstellen haben und damit auch weniger Mitarbeiter", prognostiziert etwa Wolfgang Kirsch, Chef des genossenschaftlichen Zentralinstituts DZ Bank.
Die Einschätzung deckt sich mit einer Prognose des Beratungshauses Investors Marketing. Demnach sinkt die Zahl der Filialen bis 2020 um weitere 15 Prozent auf 32.500 - im Jahr 2000 waren es bundesweit noch 57.000. Die Entwicklung betreffe in erster Linie die Sparkassen und Volksbanken, glaubt Oliver Mihm, Chef von Investors Marketing. Aufgrund ihrer starken Präsenz vor Ort sei das Potenzial für Schließungen am größten. "Die Geschäftsbanken haben ihren Restrukturierungsbedarf dagegen im Wesentlichen hinter sich", sagt Mihm.
Sie sind heute schon in der Fläche nur noch schwach vertreten. Weitere Filialschließungen sind kaum mehr möglich, wenn der Kontakt zum Kunden nicht verloren gehen soll. Gleichwohl soll die Nähe zu ihm weniger kosten. Die Banken bündeln deshalb Dienstleistungen und dünnen das Angebot vor Ort aus, wie etwa die Commerzbank beweist.
Sie unterscheidet künftig zwischen vier Filialtypen. An der Spitze stehen Vorzeigeläden mit mehr als 20 Mitarbeitern, die das komplette Beratungsangebot abdecken. Ganz unten rangieren reine Servicefilialen, in denen bis auf Kontopflege und Bargeldversorgung nicht mehr viel passiert. "Wir passen das Angebot der Nachfrage an", räumt Spartenvorstand Martin Zielke ein. Das erklärte Ziel: weniger Kosten. Die Wettbewerber reagieren mit ähnlichen Konzepten. So hält auch die Deutsche Bank nicht in allen ihrer bundesweit 750 Filialen für alle Beratungsangebote das nötige Personal bereit. Stattdessen setzt sie mobile Vertriebsteams ein, die bei Bedarf in die Filialen ausschwärmen. Die HypoVereinsbank (HVB) wiederum nutzt seit Kurzem auch neue Medien: Per Videotelefonie schalten sich Berater, etwa für die Immobilienfinanzierung, zu einem Kundengespräch dazu und unterstützen den Mitarbeiter vor Ort. Den Service können Kunden seit Kurzem auch außerhalb der Öffnungszeiten nutzen, für Beratungsgespräche vom heimischen Rechner aus.
Das Beispiel HVB zeigt, wie Banken dank neuer Kommunikationsformen bereits heute ganz auf Filialen verzichten könnten. Doch davor schrecken sie zurück - zurecht, wie Unternehmensberater Mihm meint. "Drei Viertel der Kunden bevorzugen für die Beratung weiterhin die Filiale", sagt er. Darin liege heutzutage die eigentliche Bedeutung der Zweigstellen. So müssen selbst die Direktbanken mittlerweile einräumen, dass Menschen in finanziellen Angelegenheiten weiterhin den persönlichen Kontakt bevorzugen. So verkauft die ING-Diba nach eigenem Bekunden nur 20 Prozent ihrer Baufinanzierungen selbst, der Rest wird über Berater vermittelt.
Doch Anlageberatung ist nicht gleich Anlageberatung. "Die Filialbank muss sich auf die Beratung komplexer Produkte konzentrieren", sagt Christoph Bubmann, Chief Client Officer der Deutschen Bank . Einfache Produkte, etwa Konsumentenkredite oder Sparkonten, wanderten dagegen immer mehr ins Internet ab. "Da entscheidet letztlich nur der Preis", sagt Bubmann. Für ihn liegt die Zukunft in einem Nebeneinander von Filiale und Internet im Rahmen einer Multikanalpolitik. "Das Geschäftsmodell Filiale hat mitnichten ausgedient."
Das glaubt zwar auch Martin Krebs, doch der ING-Diba-Vorstand stellt sich die Zukunft der Zweigstellen ganz anders vor, nämlich unabhängig von einem Produktanbieter. "In 20 Jahren wird es keine Bankfilialen in ihrer heutigen Form mehr geben." Der Kundenkontakt im Produktvertrieb bleibe zwar erhalten, die Rolle des Bankberaters würden jedoch freie Vermittler oder Berater einnehmen.
Eine gewagte Prognose, die sich aber bewahrheiten kann, wenn man Google glaubt. "Zwischen 30 und 35 Prozent der bankbezogenen Suchanfragen beinhalten heute schon zusätzlich den Begriff ,Vergleich‘", sagt Jens Quadbeck, verantwortlich für die Finanzbranche beim Suchmaschinenbetreiber in Deutschland. Viele Kunden wünschten sich offensichtlich einen Überblick über den Gesamtmarkt. Quadbeck sieht die Zukunft des Filialgeschäfts daher ähnlich wie ING-Diba: in der vollständigen Trennung von Produkthersteller und -vertrieb.