FTD.de » Unternehmen » Finanzdienstleister » Bloß keinen Schrott in die Bücher

Merken   Drucken   06.02.2012, 13:29 Schriftgröße: AAA

EZB-Transparentinitiative: Bloß keinen Schrott in die Bücher

Wenn Geldhäuser forderungsbesicherte Anleihen als Pfand für frisches Geld bei der EZB hinterlegen, müssen sie künftig Kreditdaten offenbaren - es könnte ja Giftzeug dabei sein. So viel Transparenz nervt die Branche. von Stefan Schaaf  Frankfurt
Das soll der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht noch einmal passieren: Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 blieb das Eurosystem, der Zusammenschluss aus EZB und nationalen Notenbanken, auf hochkomplexen Verbriefungen von 8,5 Mrd. Euro sitzen. Die Papiere waren von der deutschen Lehman-Brothers-Tochter als Sicherheit eingereicht worden, um sich beim Eurosystem Geld zu leihen. Doch mit Lehman brach auch der Markt für die Schrottpapiere zusammen. Erst vor ein paar Wochen brachte die Bundesbank die letzten der Papiere an den Markt.
Die EZB will sich eingereichte Sicherheiten künftig noch genau anschauen - und gegebenenfalls auch ablehnen. Deshalb entsteht auf ihr Geheiß hin eine Sammelstelle von Kreditdaten aus der Euro-Zone. Sie will mit mehr Transparenz den Markt für Wertpapiere, die mit Kreditforderungen besichert sind, beleben. Davon würde auch die Notenbank selbst profitieren, sollte sie wieder einmal auf solchen Papieren sitzen bleiben.
Schließlich werden diese Asset-Backed Securities (ABS) als Sicherheit für Refinanzierungsgeschäfte mit dem Eurosystem immer wichtiger. Da viele Banken sich wegen der Schuldenkrise nur schwer oder gar nicht mehr am Markt refinanzieren können, greifen sie auf die EZB zurück. Die verlangt für die Bereitstellung von Liquidität allerdings Sicherheiten. Inzwischen sind ABS für 500 Mrd. Euro bei ihr hinterlegt - Tendenz steigend. Doch für viele der Anleihen gibt es keinen Markt. Nach Berechnungen der DZ Bank wurden im Dezember in Europa für 38,4 Mrd. Euro Verbriefungen aufgelegt; nur 3,8 Prozent davon wurden am Markt platziert.
Wüssten die Marktteilnehmer um die Qualität der Papiere, so das Kalkül der EZB, würden sie die Anleihen auch stärker handeln. "Erhöhte Transparenz wird helfen, das Vertrauen in den Verbriefungsmarkt zu erhöhen, was im Interesse aller beteiligten Parteien ist", sagte ein EZB-Sprecher der FTD. Die Transparenz soll durch eine umfangreiche, öffentlich zugängliche Datensammlung erreicht werden.
Das in Frankfurt beheimatete und vom US-Unternehmen Sapient aufgebaute European Datawarehouse (ED) soll im Sommer starten, als Erstes werden Daten verbriefter Wohnimmobilienkredite (RMBS) gesammelt. Später sollen verbriefte Firmenkredite und Konsumentendarlehen wie Autokredite folgen. Auch für bereits zur Geldleihe eingereichte ABS-Papiere kommen die Geschäftsbanken nicht herum, die Daten zu liefern.
Bei RMBS-Anleihen muss die Bank laut einer EZB-Präsentation für jeden einzelnen Kredit 69 Felder verpflichtend ausfüllen, hinzu kommen 113 optionale Felder. Zu den Pflichtdaten gehören Zinssatz, Abschlusszeitpunkt und Entwicklung der Tilgungen. "Das wird die Marktteilnehmer in Zukunft fordern", sagte Hartmut Bechtold, Chef der deutschen Verbriefungsplattform TSI, kürzlich auf einer Konferenz, die sein Haus organisiert hatte. Er sieht jedoch die Macht des Faktischen: "Die Investoren wollen die Daten, also kommen die Daten", sagte Bechtold.
Doch die EZB-Pläne empören Geschäftsbanken. Sie fürchten den Verrat ihrer Geschäftsmodelle und schließen sogar einen Zusammenbruch des ohnehin schwachen Verbriefungsmarkts nicht aus. "Ein Mitbewerber kann unsere Datensätze kaufen und erfährt, wie wir unsere Risiken bepreisen", kritisierte Stefan Rolf, der bei Volkswagen Financial Services das ABS-Geschäft leitet. In Auto-ABS sind Zehntausende von Autokrediten oder Leasingverträgen gebündelt. Auch aus der Zuhörerschaft wurde auf einer TSI-Konferenz in Richtung EZB geschimpft. "Sie bringen die Geschäftspolitik von Firmen in die Öffentlichkeit. Sie machen den Markt tot", wetterte ein Banker. Ein großes Institut wird das Thema möglicherweise auf Vorstandsebene diskutieren.
Auf die Datenbank soll jedermann kostenpflichtig Zugriff haben. Der Zugang soll laut EZB etwa so viel kosten wie ein Terminal des Daten- und Nachrichtenanbieters Bloomberg, mithin rund 15.000 Euro im Jahr.
Allerdings ist noch unklar, wem das European Datawarehouse gehören wird. Laut einem Sprecher der Europäischen Zentralbank soll es ein eigenständiges Unternehmen sein - "organisiert vom Markt und durch den Markt". Derzeit werde an einer Anteilsplatzierung gearbeitet mit dem Ziel "einer breiten, diversifizierten und repräsentativen Aktionärsbasis". Dies schließe Emittenten, Investoren, Datenanbieter, Ratingagenturen und andere interessierte Parteien ein.
  • Aus der FTD vom 06.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

  16.05. Wissenstest Sind Sie Flughafenkenner?

Die verschobene Eröffnung des Berliner Großflughafens BER schlägt Wellen. Die internationalen Flughäfen sind nicht nur dynamische Orte, sondern auch Großunternehmen. Kennen Sie sich gut mit Airports aus?

Zunächst eine Frage zum weltgrößten Flughafen. Derjenige mit dem größten Passagieraufkommen ist …

Wissenstest: Sind Sie Flughafenkenner?

Alle Tests

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Ackermann-Nachfolger: Anshu Jain - Wider die Deutschtümelei

    Eine Bilanz vor dem Amtsantritt? Verbietet sich. Eigentlich. Nicht so bei Anshu Jain. Denn Josef Ackermanns Nachfolger hat schon vor dem Start bei der Deutschen Bank viel verändert. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Deutsche Bank Ackermanns Meilensteine

Bilderserie

  09:15 Wirtschaft Auslaufmodell Blackberry?
Wirtschaft: Auslaufmodell Blackberry? (00:01:22)

Hersteller Research in Motion schwer unter Druck - Offenbar Suche nach Verbündeten angelaufen mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6284,2  [3.4 +0,05%
  Dow Jones 12419,86  [-160.83 -1,28%
  Nasdaq Composite 2837,36  [-33.63 -1,17%
  Euro Stoxx 50 2121,38  [5.2 +0,25%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote