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Merken   Drucken   20.08.2008, 21:05 Schriftgröße: AAA

Folgen der Kreditkrise: Wie die IKB abgewickelt wird

Die KfW hat entschieden: Nach einer Milliardenrettung wird die IKB Deutsche Industriebank verkauft. Doch welcher der beiden Bieter - die Beteiligungsgesellschaft RHJ oder Lone Star - den Zuschlag bekommt, ist noch nicht bekannt. FTD-Online erklärt die Zusammenhänge.
von Tobias Bayer und Elisabeth Atzler (Frankfurt)

Der Präsidialausschuss des KfW-Verwaltungsrates unterstütze den Vorschlag des KfW-Vorstandes einstimmig, sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums am Mittwochabend nach mehrstündigen Beratungen des Gremiums, ohne genauere Angaben zu machen. Der Käufer der IKB soll am Donnerstag vom KfW-Vorstand bekannt gegeben werden.

Die eher unbekannte Deutsche Industriebank hatte die Öffentlichkeit am 30. Juli 2007 mit einer Aufsehen erregenden Gewinnwarnung geschockt. Es war der Anfang eines beispiellosen Niedergangs. Der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, sah die schlimmste Krise seit 1931 heraufziehen. Die Europäische Zentralbank pumpte Milliarden in den Geldmarkt - und die Deutschen lernten das Wort "Subprime", also US-Ramschhypotheken kennen. Denn damit hatte sich die IKB schwer verspekuliert.

Über Monate hinweg wurden immer neue Löcher bei der IKB bekannt. Die staatliche Förderbank KfW, die gesamte deutsche Kreditwirtschaft und später der Bund sprangen mit Milliarden ein, um das Institut zu retten. Der IKB-Aktienkurs hat seit Krisenausbruch fast 90 Prozent verloren; auch die Eigner andere IKB-Papiere müssen große Einbußen hinnehmen.

FTD-Online beantwortet die wichtigsten Fragen zum jetzt bevorstehenden Verkauf.

Die Düsseldorfer IKB fokussiert sich auf den deutschen Mittelstand. Sie ist Finanzierungspartner für mehr als 20.000 mittelständische Firmen aus Industrie, Handel, Dienstleistungssektor und Immobiliengewerbe.

Kerngeschäft ist die Vergabe langfristiger Investitionskredite. Über die Plattform IKB Direkt wird der Kreditprozess vereinfacht - und die Kosten gesenkt. Die IKB leitet in hohem Umfang Förderkredite der KfW weiter. Zudem im Angebot sind Schuldscheindarlehen, Mezzanine-Kapital, ABS-Finanzierungen und Private Equity. Außerdem ist die Bank im Mobilienleasing und der Immobilienfinanzierung aktiv.

Die wichtigsten Aktionäre der IKB sind die staatliche Förderbank KfW, die Stiftung Industrieforschung, Sal. Oppenheim und die französische Bank Natixis .

Ende 2001 stieg die staatliche KfW mit einem größeren Paket bei der IKB ein. Die Förderbank kaufte die Anteile von den Versicherern Allianz  und Münchener Rück  und kam damit auf gut 34 Prozent der IKB-Aktien. Später stockte die KfW noch einmal auf knapp 38 Prozent auf. Während der Krise stieg der Anteil noch einmal auf fast 46. Inzwischen sind es sogar 91 Prozent.

Die Begründung der KfW für den Einstieg: Sie wolle helfen, die Finanzierung des Mittelstands zu sichern. Man befürchtete damals, dass ein ausländischer Investor oder eine Bank die IKB-Aktien erwerben könnte. Die Staatsbank selbst fördert in erste Linie mittelständische Unternehmen. Als "Ohr am Markt" für das Mittelstandsgeschäft hatte die frühere KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier die IKB vor einem Jahr bezeichnet.

Der Bundesrechnungshof allerdings bezweifelte bereits kurz nach dem Einstieg, ob die KfW-Beteiligung "die Grenzen ihres gesetzlichen Förderauftrags angemessen beachtet hat". Er befand die Erklärung der KfW für nicht schlüssig.

Begleitete den Verkauf: Günther Bräunig, Vorstandschef der IKB   Begleitete den Verkauf: Günther Bräunig, Vorstandschef der IKB

Die Stammklientel der IKB - der deutsche Mittelstand - ist hart umgekämpft. Um eine höhere Rendite zu erzielen, engagierte sich die Bank auch auf im Ausland - und investierte in internationale Kreditportfolien, darunter auch Subprime-Hypothekenpapiere.

Das geschah vorwiegend über außerbilanzielle Zweckgesellschaften. Berühmt und berüchtigt wurde das Vehikel Rhineland Funding, das von der IKB beraten und von der französischen Großbank Société Générale  verwaltet wurde. Das Pikante dabei: Die Liquiditätslinien stellte die IKB. Laut dem IKB-Geschäftsbericht aus dem Jahr 2006/2007 (per 30. März) belief sich das Investmentportfolio damals auf 12,7 Mrd. Euro. Angepeilt war eine Erhöhung bis 2009 auf 20 Mrd. Euro.

Rhineland Funding war für das Verbriefungsgeschäft zuständig. Dabei verkaufen mittelständische Unternehmen Forderungen aus Lieferungen, Leasingvereinbarungen oder Lizenzeinnahmen an die IKB. Finanziert wird der Forderungskauf durch die Emission so genannter Asset Backed Commercial Papers (ABCP). Das sind mit Forderungen besicherte Wertpapiere, die von Ratingagenturen bewertet werden. Rhineland Funding investierte einen Teil seines Kapitals auch in amerikanische Subprime-Immobilienkredite.

Als sich die Ausfälle der Hypothekenschuldner häuften, verloren die Papiere von Rhineland Funding rasch an Wert. Gleichzeitig trocknete der Markt für ABCP aus, die Refinanzierung stockte. Gläubiger wie die Deutsche Bank  gaben keine Kredite mehr, was die IKB in Schieflage brachte. In der Folge wurden mit Ausnahme des Personalverantwortlichen das gesamte Top-Management geschasst. IKB-Vorstandschef Stephan Ortseifen und seine drei Vorstandskollegen Volker Doberanzke, Frank Braunsfeld und Markus Guthoff mussten gehen. An die Spitze rückte Günther Bräunig - er kam aus dem Vorstand der KfW.

Musste zurücktreten: KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier   Musste zurücktreten: KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier

Die IKB musste mit insgesamt fast 9 Mrd. Euro gestützt werden - teils sind die Gelder noch nicht direkt geflossen, sondern stehen für weitere drohende Verluste des Unternehmens bereit. Den Großteil der Rettung trug die staatliche Förderbank KfW als Hauptaktionär. Allerdings beteiligten sich auch der Bund und die gesamte deutsche Kreditwirtschaft, das heißt Privatbanken, der genossenschaftliche Sektor und die Sparkassen. Die KfW, die bislang fast 46 Prozent der IKB-Anteile hielt, schulterte auch die dringend benötigte Kapitalerhöhung des Kreditinstituts. Die Emission spülte 1,25 Mrd. Euro in die Kasse. Da sich die anderen Investoren nahezu enthielten, schnellte der KfW-Anteil auf 91 Prozent hoch.

Auch beim Verkauf der IKB muss die KfW große Konzessionen machen: Sie steht für Risiken aus Klagen gegen die Tochter gerade und würde auch die ausfallgefährdeten Wertpapiere in der Bilanz der Mittelstandsbank übernehmen. Dabei geht es laut Prospekt zur Kapitalerhöhung um eine Summe von 2,2 Mrd. Euro. Zum Abschluss des Geschäftsjahrs 2007/08, das bis Ende März lief, standen noch 4,4 Mrd. Euro teils riskanter Wertpapiere in der IKB-Bilanz. Einen Teil davon sichern die Banken um die KfW ab. Papiere über 450 Mio. Euro veräußerte die IKB bis Anfang Juli.

Wegen der hohen Unterstützung geriet auch die KfW in Bedrängnis: Sie schrieb 2007 Verluste. Angesichts heftiger Angriffe aus der Politik trat KfW-Vorstandssprecherin Ingrid Matthäus-Maier zurück. Ihr Nachfolger wird ab dem 1. September Ulrich Schröder, der der bis dahin noch die NRW-Bank führt. Er bekommt den Posten des Vorstandsvorsitzenden. In der Zwischenzeit führt KfW-Vorstand Wolfang Kroh die Geschäfte.

Die 1995 von Tim Collins gegründete US-Beteiligungsgesellschaft Ripplewood in New York zählt zu den Aufsteigern der Private-Equity-Branche. Bis heute von Collins geführt, brachte Ripplewood 2005 die europäischen und asiatischen Beteiligungen in die Holding RHJ International  in Brüssel ein. Diese Gesellschaft wurde an der Mehrländerbörse Euronext gelistet und erwies sich damit als Trendsetter für andere amerikanische Private-Equity-Firmen wie Fortress  oder Blackstone , die später ebenfalls an die Börse gingen.

Heute verwaltet Ripplewood ein Vermögen von rund 4 Mrd. $. In Deutschland übernahm die Gesellschaft 2004 den Autohersteller Honsel für 625 Mio. Euro. Ende 2006 gelang Ripplewood in den USA mit dem Kauf des renommierten Verlags Reader's Digest für 1,8 Mrd. $ eine spektakuläre Transaktion.

Der zusammen mit Firmengründer Collins fungierende Chef der Brüsseler Ripplewood-Tochter RHJ ist in Deutschland ein alter Bekannter: Leonhard Fischer. Der 45-Jährige blickt auf eine wechselvolle Karriere im Finanzsektor zurück. Bevor er im Mai 2007 zu Ripplewood stieß, war er seit 2003 Mitglied des Konzernvorstands der Credit Suisse  und Vorstandschef von deren damaliger Versicherungstochter Winterthur.

Bereits 1998 war Fischer in den Vorstand der Dresdner Bank geholt worden. Nach der Übernahme der Dresdner durch die Allianz schied Fischer 2001 nach Differenzen über die Strategie aus dem Versicherungskonzern aus und wechselte 2003 zur Credit-Suisse-Gruppe.

In Deutschland ist die in Dallas ansässige Beteiligungsgesellschaft Lone Star spätestens seit 2002 bekannt. Damals boten die Texaner für die Bankgesellschaft Berlin - und scheiterten letztlich, weil der Senat das Institut erst fünf Jahre später verkaufte. 2004 später machte Lone Star Schlagzeilen mit dem vergeblichen Versuch, der WestLB deren 31-Prozent-Paket am Touristikkonzern TUI  abzukaufen.

2005 erwarb Lone Star dann schließlich die Nord/LB-Tochter Mitteleuropäische Handelsbank (MHB) und ergatterte damit als erster US-Finanzinvestor in Deutschland eine Banklizenz. Die ist notwendig, um nicht leistungsgestörte Kredite weiterführen zu können. Das Hauptgeschäft von Lone Star ist allerdings Aufkauf und Verwertung notleidender Kredite.

Lone Star hat in Fonds mehr als 13 Mrd. $ gesammelt, die über die Jahre in mehr als 660.000 Einzelanlagen investiert wurden. Die Kaufpreise der mehr als 700 Einzeltransaktionen summieren sich inzwischen auf 35 Mrd. $.

Weltweit investierte die 1995 gegründete Gruppe zudem in Immobilien und Unternehmen des Finanzsektors. So erwarb Lone Star in Deutschland 1300 Immobilien der Post sowie die AHBR. Die Hypothekenbank hatte sich mit Zinsgeschäften verspekuliert und stand zum Zeitpunkt der Übernahme Ende 2005 vor dem Aus. Inzwischen gilt die heutige Corealcredit Bank als saniert.

Deutschland-Chef von Lone Star ist seit 2004 der 68 Jahre alte Karsten von Köller, der fast 20 Jahre Spitzenpositionen bei deutschen Hypothekenbanken innehatte. So war er der erste Chef der Eurohypo und leitete zuvor die Commerzbank -Tochter Rheinhyp.

  • FTD.de, 20.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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