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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   17.09.2008, 14:53 Schriftgröße: AAA

Folgen des Zusammenbruchs: Was die Lehman-Pleite kostet

Europäische Banken und Versicherungen machten rege Geschäfte mit Lehman. Nun sind Derivate und Papiere des insolventen US-Investmenthauses wertlos. FTD.de gibt einen Überblick über die drohenden Verluste. von Kathrin Werner und Gregor Haake (Hamburg)
Ein Verlust von 111 Mrd. $ steht den Anlegern bevor, die Lehman-Bonds im Portfolio haben, vermuten Analysten der Bank of America. Die europäischene Finanzwelt hält sich bislang weitgehend bedeckt, was ihr Engagement in Lehman-Papieren betrifft. Institute wie Fortis, KfW, Allianz oder Société Générale nennen zwar bereits ungefähre Zahlen, die meisten ihrer Rivalen beschränken sich jedoch darauf, ihre Anleger zu beschwichtigen.
Verlässliche Schätzungen, wie stark deutsche Banken und Versicherer insgesamt in Papieren von Lehman oder AIG investiert sind, gibt es noch nicht. Die Finanzaufsicht betonte zu Wochenbeginn, dass die Auswirkungen auf die Bankenbranche in Deutschland überschaubar und verkraftbar seien.
Nach Einschätzung der Ratingagentur Standard & Poor's versetzt der Kollaps von Lehman Brothers den ohnehin gebeutelten europäischen Banken jedoch einen neuen empfindlichen Schlag. Auch wenn das direkte Engagement in Papieren oder Derivaten der zusammengebrochenen US-Investmentbank gering sei, drohten über den Preisverfall an den Märkten bedeutende Abschreibungen. Besonders Häuser mit einem starken Kapitalmarktgeschäft wie etwa die Deutsche Bank müssten sich auf neue hohe Belastungen einstellen.
Laut Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gibt es aber "keinen Anlass, an er Stabilität des deutschen Finanzsystems zu zweifeln".
Der französischen Bank Société Générale drohen herbe Verluste   Der französischen Bank Société Générale drohen herbe Verluste
Die französische Großbank Société Générale ist mit 480 Mio. Euro bei Lehman engagiert. Von dem Risiko für die Société Générale  entfallen 3 Mio. Euro auf direkte Kredite, 76 Mio. auf Investitionen in Lehman-Papiere sowie rund 400 Mio. Euro auf Geschäfte unter anderem auf dem Derivatemarkt, bei denen Lehman Partner war. Die Höhe der Verluste werde am Ende von den Bedingungen der Lehman-Liquidierung abhängen, teilte die Société Générale am Mittwoch in Paris mit. Wegen der Subprime-Krise hat die Pariser Bank bereits 4,6 Mrd. Euro abgeschrieben.
Auch andere französische Großbanken sind bei Lehman investiert. 170 Mio. Euro Kredit hat BNP Paribas  der insolvent gemeldeten US-Bank gewährt. Die Aktien der franko-belgischen Bank Dexia , die ungesicherte Bonds in Höhe von 500 Mio. Euro von Lehman Brothers hält, verlor knapp fünf Prozent.
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Der französische Versicherungskonzern Axa  ist nach eigenen Angaben mit 0,05 Prozent an der insolventen US-Investmentbank Lehman Brothers beteiligt. Einschließlich Darlehen sei Axa mit 300 Mio. Euro bei Lehman engagiert. Das Engagement beim Versicherer American International Group (AIG) summiere sich auf 150 Mio. Euro, darunter eine Beteiligung von 0,02 Prozent. Darüber hinaus gehende Anteile würden von Axa nur verwaltet, teilte der Konzern mit.
Fortis machte verschiedene Geschäfte mit Lehman   Fortis machte verschiedene Geschäfte mit Lehman
Die belgischen Großbank Fortis  ist mit 137 Mio Euro in Rentenwerten (davon 5 Mio. Euro in gesicherten Rentenwerten) bei Lehman investiert. Bei der Kreditlinie, die Lehman Brothers zur Verfügung gestellt wurde, seien jedoch keine Außenstände zu verzeichnen, teilte die Bank mit.
Besicherte Inanspruchnahmen bei Reverse Repo Transaktionen (Bargeld wird gegen Sicherheiten zur Verfügung gestellt) betrügen 270 Mio. Euro, wobei die Bonität der Sicherheiten nicht in Beziehung zu Lehman Brothers steht. Credit Default Swap (CDS): Fortis kaufte und verkaufte Sicherheiten an Lehman Brothers, die sich in einem Verlust von 7 Mio. Euro niederschlagen.
Fortis kaufte außerdem für 117 Mio. Euro von Lehman Brothers Versicherungen für den Fall eines Kreditausfalls bei bestimmten Firmen, die allerdings nicht mit Lehman in Beziehung stünden. Dieses Geschäft sei durch einen Credit Support Anhang geschützt.
Dem Versicherungskonzern Allianz  drohen durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers Ausfälle von maximal 400 Mio. Euro. Mit dieser Summe sei der Konzern in etwa bei der US-Bank engagiert, sagte Vorstandschef Michael Diekmann. Die übrigen Ausfallrisiken durch die Krise an den internationalen Finanzmärkten seien momentan noch nicht verlässlich einzuschätzen.
Die Düsseldorfer Hypothekenbank steht trotz Lehman-Krise zum Verkauf   Die Düsseldorfer Hypothekenbank steht trotz Lehman-Krise zum Verkauf
Die Pleite von Lehman  versetzt auch der von der Finanzkrise gebeutelten Düsseldorfer Hypothekenbank einen weiteren Schlag. Das Institut stellt sich auf rote Zahlen im laufenden Jahr ein. Über Schuldverschreibungen und weitere Forderungen ist die Bank mit insgesamt 60,7 Mio. Euro bei Lehman und verbundenen Unternehmen engagiert, teilte das Institut mit. Daraus resultierende Abschreibungen ließen sich zwar noch nicht beziffern. Die Bank werde aber voraussichtlich abweichend von der bisherigen Planung 2008 einen Bilanzverlust ausweisen.
Das Institut hatte im Zuge der Finanzkrise mit steigenden Refinanzierungskosten und einem schleppenden Neugeschäft zu kämpfen. Die Turbulenzen hatten die Eigentümer, die Unternehmerfamilie Schuppli, dazu gezwungen, ihre Anteile auf den Einlagensicherungsfonds der Privatbanken zu übertragen. Nun wird nach neuen Eigentümern gesucht.
"Unsere Situation verändert sich durch die Belastungen, die wir durch Lehman haben, nicht wirklich", sagte DüsselHyp-Chef Dirk Hoffmann. Er gehe nicht davon aus, dass sich an den Plänen für den Verkauf des Instituts etwas ändere.
Der Rückversicherer Münchener Rück  ist mit 350 Mio. Euro bei der kollabierten US-Investmentbank Lehman Brothers engagiert. Darin seien Finanzinstrumente zur Währungsabsicherung enthalten. Wie hoch die Münchener Rück das tatsächliche Ausfallrisiko einschätzt, welche Art von Lehman-Wertpapieren das Unternehmen hält und in welchem Umfang die eigenen Bilanzen betroffen sein werden, wollte eine Sprecherin nicht sagen. Trotz der drohenden Abschreibungen will der Rückversicherer den geplanten Rückkauf von Aktien durchziehen. "Das Aktienrückkaufprogramm der Münchener Rück bleibt unberührt von den jüngsten Kapitalmarktentwicklungen", hieß es. Insgesamt würden sich die Folgen der Finanzkrise für den Konzern in Grenzen halten. Die Investments seien breit über große Institutionen gestreut und die Risiken von einzelnen Engagements begrenzt.
Die WestLB ist nach eigener Aussage nur geringfügig betroffen   Die WestLB ist nach eigener Aussage nur geringfügig betroffen
Die WestLB ist von der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers und den Problemen beim US-Versicherer AIG nach eigenen Angaben nur gering betroffen. Das Geldinstitut habe keine unbesicherten Engagements in Anleihen und strukturierten Papieren, die von Lehman Brothers ausgegeben worden seien, betonte die Düsseldorfer Bank. Das Nettoengagement bei derivativen Produkten liege im niedrigen einstelligen Millionen-Euro-Bereich. Kreditlinien mit Lehmann Brothers bestünden nicht.
Ähnlich sei die Situation auch bei der AIG, betonte die WestLB. Auch hier habe die Bank keine Kreditlinien bereitgestellt. Das Nettoengagement im Derivatebereich liege im niedrigen einstelligen Millionen-Euro-Bereich. Bei Anleihen und strukturierten Papieren, die von der AIG ausgegeben worden seien, habe die Bank lediglich ein geringes unbesichertes Engagement.
Die Landesbank Baden-Württemberg sieht sich durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers nach eigenen Angaben bislang kaum betroffen. Ein LBBW-Sprecher sagte, als international tätige Bank stehe die größte deutsche Landesbank auch mit Lehman in Geschäftsbeziehungen.
Über das Ausmaß eventueller Verluste aus diesem Engagement lasse sich heute wegen der Komplexität der Märkte insbesondere bei Derivaten keine exakte Aussage treffen. "Mögliche Verluste wären in jedem Fall beherrschbar." Inwieweit die LBBW von den Problemen beim US-Versicherer AIG betroffen ist, wollte der Sprecher nicht kommentieren. "Zu Details ihrer Engagements bei einzelnen Adressen äußert sich die LBBW grundsätzlich nicht", sagte er.
Unicredit stehen geringe Verluste bevor   Unicredit stehen geringe Verluste bevor
Italiens größte Bank und der größte Versicherer, Unicredit  und Assicurazioni Generali , teilten mit, kaum von der Lehman-Krise betroffen zu sein. Generali drohe ein Verlust von maximal 110 Millionen Euro.
Unione di Banche Italiane , Italiens viertgrößte Bank, besitzt Lehman-Bonds im Wert von 11,3 Mio. Euro und verliert rund 7 Mio. Euro mit Derivaten. Zudem hat UBI ein Bargelddepot von 7,6 Mio. Euro bei Lehman.
Intesa Sanpaolo , der schärfste Rivale des Marktführers Unicredit, rechnet mit einem Verlust von rund 217 Mio. Euro. Italiens Nummer drei, die Banca Monte dei Paschi di Siena, beziffert ihr Ausfallrisiko auf 50 Mio. Euro.
  • FTD.de, 17.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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