EZB-Präsident Trichet und die meisten anderen Ratsmitglieder geben in Pressekonferenzen, Interviews und Reden viel Einblick in ihre Denkweise. Dennoch geben die Währungshüter nicht alle Geheimnisse preis. So wird jeweils nicht genau bekannt, wie das relativ große Gremium zu seiner Entscheidung gekommen ist und was auf der Zinssitzung im Einzelnen diskutiert wurde.
Der EZB-Rat kann förmlich über die Zinsen abstimmen, hat es nach Darstellung der Währungshüter bisher aber nie getan. Stattdessen treffe der Rat eine einmütige Entscheidung. Diesen Konsens muss Präsident Trichet nach der Diskussion ausmachen. Unmittelbar danach halten der Präsident und sein Vertreter eine einstündige Pressekonferenz ab, auf der Trichet eine ausführliche Erklärung zum Zinsbeschluss verliest und sich Fragen stellt.
Nationalen Druck vermeiden
In den viel kleineren Beschlussgremien der amerikanischen und der englischen Notenbank wird über die Zinsen abgestimmt. So kann eine Zinsänderung auch mal mit knapper Mehrheit und gegen den Willen des Präsidenten gefällt werden. Die namentlichen Abstimmungsergebnisse und das Protokoll der Sitzung werden veröffentlicht, letzteres mit zwei bis drei Wochen Verspätung. Eine Pressekonferenz hält die US-Notenbank nie ab, die Bank von England quartalsweise.
Die EZB hat einen anderen, transparentern Weg eingeschlagen, weil sie als junge Zentralbank eines Währungsraums für zwölf Nationen erst über viele Jahre Vertrauen aufbauen muss. Abstimmungen im Rat vermeiden die Währungshüter, weil sie verhindern wollen, dass die oft unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen in den einzelnen Ländern ein zu großes Gewicht erhalten.
Gäbe es Abstimmungen mit namentlicher Veröffentlichung des Stimmverhaltens, würden die nationalen Notenbankchefs in ihren Heimatländern unter großen politischen Druck geraten, befürchten die Währungshüter. Regierungen würden versuchen, die Notenbankchefs zu einer Entscheidung im Interesse ihres Landes, und nicht für die gesamte Euro-Zone zu treffen.