Was wäre gewesen, wenn? Vermutlich hätte die Düsseldorfer IKB-Bank dann keine Unsummen am amerikanischen Hypothekenmarkt verzockt. Der Staat und die deutsche Kreditwirtschaft hätten keine milliardenschweren Rettungspakete zu schnüren brauchen. Und der Chef der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio, hätte den berühmten Satz, von dem man bis heute nicht weiß, ob er ihn tatsächlich so gesagt hat, erst gar nicht sagen müssen: dass in Deutschland nämlich "die größte Bankenkrise seit 1931" drohe.
Was wäre gewesen, wenn - ja wenn der Vorstand der IKB Deutsche Industriebank auf eine Studie reagiert hätte, die bereits im Jahr 2005 vor einem bevorstehenden Abschwung am US-Immobilienmarkt sprach? Eine Studie wohlgemerkt, die nicht irgendwo in der großen, weiten Finanzwelt angefertigt wurde - sondern direkt im eigenen Haus. Die Untersuchung liegt der FTD vor.
"The clock is ticking", die Uhr läuft, ist die Subprime-Analyse überschrieben, die die IKB-Research-Abteilung im Oktober 2005 vorlegte - mehr als 20 Monate bevor die Bank ihr Debakel am US-Hypothekenmarkt im Sommer 2007 eingestand. Auf fast 50 Seiten analysiert der IKB-Experte die Lage - und kommt zu dem Schluss: "Eine Korrektur am Hausmarkt ist unvermeidlich, und ihre Folgen werden wahrscheinlich Schockwellen durch die Wirtschaft rollen lassen." Dabei war "The clock is ticking" nicht einmal die erste interne Untersuchung, die ein vorsichtigeres Investment nahelegte: Schon im Juni 2005 schrieb ein IKB-Analyst, es sei unwahrscheinlich, dass die Preise für Eigenheime in den USA weiter stiegen.
Was wäre gewesen, wenn? Vermutlich wäre die IKB-Aktie vom 30. Juli 2007 bis zum 30. Juli 2008 dann nicht um 87 Prozent eingebrochen (wiewohl sie vorher wohl auch nicht so hoch gestiegen wäre). Tausenden von Profi- und Kleinanlegern wären horrende Einschnitte in ihrem Portfolio erspart geblieben.
So argumentiert auch der Aktionärsanwalt Klaus Rotter, der am Mittwoch im Namen von 60 Anlegern am Landgericht Düsseldorf eine Schadensersatzklage gegen die IKB eingereicht hat. Das Management, so Rotter, habe den Aktionären nicht früh genug klargemacht, dass die IKB ihrer Tochtergesellschaft Rhineland Funding eine Liquiditätslinie von zuletzt 8 Mrd. Euro eingeräumt habe - Rhineland Funding investierte unter anderem in jene Papiere, vor denen "The clock is ticking" warnte. Rotter zufolge hat der IKB-Vorstand die Studie bereits im Oktober 2005 gekannt. Die IKB wollte sich dazu am Mittwoch nicht äußern.
Was wäre, wenn - ja wenn die Klage Erfolg hat? Dann muss wieder mal der Bund einspringen. Er hat die Risiken der IKB übernommen.