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FTD-Serie: Vor fünf Jahren – so begann die Krise

Im Spätsommer 2007 war "Subprime" für Insider bereits ein geflügeltes Wort. Das Desaster der Finanzkrise, zu dem die Ungleichgewichte im US-Immobilienmarkt führten, ahnten aber nur die wenigsten. Die FTD blickt fünf Jahre zurück.
Merken   Drucken   16.08.2012, 17:56 Schriftgröße: AAA

FTD-Serie "Die Banken vor 5 Jahren": Aufstieg und Fall der Sachsen LB

Wie gern würden sie in Sachsen endlich die Vergangenheit ad acta legen. Einfach vergessen, was ihnen ihr früherer Größenwahn eingebrockt hat. Doch so einfach geht das nicht.
von Frankfurt

Spätestens alle drei Monate werden die Politiker in Dresden daran erinnert, dass die Führung im Freistaat einst glaubte, die Welt mit einer eigenen Landesbank aufmischen zu müssen. Die Vergangenheit kehrt immer dann zurück, wenn der Finanzminister zum Quartalsende für die Ausfälle der verbrieften Kredite zahlen muss, die ebenjene Sachsen LB vor der Krise in Massen gekauft und im aufsichtsrechtlich laxen Irland verwaltet hatte.

Zuletzt, Ende des zweiten Quartals, waren es 54 Mio. Euro, die anderswo im klammen Landesetat fehlen. 365 Mio. Euro hat Sachsen für das "Sealink"-Giftpapierpaket der Landesbank insgesamt schon berappen müssen. Satte 17,3 Mrd. Euro war das in einer Dubliner Zweckgesellschaft gebündelte Portfolio früher groß, bis heute ist es auf 9,76 Mrd. Euro zusammengeschrumpft. Und noch immer umfasst es toxische Papiere wie verbriefte Kredite von US-Häuslebauern mieser Bonität - Subprime.

Die Zentrale der Sachsen LB in Leipzig (2007)   Die Zentrale der Sachsen LB in Leipzig (2007)

Dass die Sachsen LB ein Subprime-Problem hat, ist spätestens seit dem 17. August 2007 bekannt. An diesem Tag vor genau fünf Jahren gibt die Bank bekannt, dass sie wegen der aufziehenden Finanzkrise keine Käufer mehr findet für ihre kurz laufenden Anleihen. Die aber braucht sie, um ihre Dubliner Zweckgesellschaft mit Geld zu versorgen. Es folgen hektisches Krisenmanagement, Telefonate quer durch die Republik und schließlich die Zusicherung aller Sparkassen, die Refinanzierung sicherzustellen. Zusammen mit den Landesbanken bilden sie einen Haftungsverbund. Monate später und auf Drängen der Finanzaufsicht wird die Sachsen LB an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) notverkauft. Zusammen mit der kurz zuvor kollabierten IKB gehört die Sachsen LB zu den ersten Opfern der Finanzkrise in Deutschland - und bei Weitem nicht zu den letzten.

"Der Untergang löste in Sachsen einen Strudel aus, der das Land im ärgsten Fall Milliarden kosten könnte", bilanzierte die oppositionelle Linke nach dem Untersuchungsausschuss, der die Fehler der Landesregierung durchleuchten sollte.

Doch wie konnte es so weit kommen? Warum müssen die Sachsen noch bis 2050 - erst dann werden die letzten Papiere fällig, Dresden haftet mit bis zu 2,75 Mrd. Euro - unter Sealink leiden? Und auch die anderen Landesbanken, die über diesen Betrag hinaus für Verluste geradestehen? Und warum brauchte ein Land wie der Freistaat im Osten überhaupt eine eigene Bank? Wer Antworten darauf sucht, muss zurückblicken bis in die Zeit der Wiedervereinigung.

Damals will Sachsen für die neuen Bundesländer eine gemeinsame Sparkassenzentralbank errichten. Angebote der westdeutschen Landesbanken, den Osten mitzuversorgen, werden ausgeschlagen. Noch mehr Bevormundung muss nicht sein.

1991 dann scheren Thüringen und Sachsen-Anhalt aus der Ostphalanx aus und öffnen der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und der Nord/LB die Türen. Sachsens damaliger Ministerpräsident, der zur Selbstherrlichkeit neigende Kurt Biedenkopf, vor allem aber sein Finanzminister und späterer Nachfolger Georg Milbradt (beide CDU) gründen daraufhin ihre eigene Landesbank. In ihrem Regionalstolz sind die Sachsen den Bayern durchaus ebenbürtig.

"Die Landesbank Sachsen Girozentrale mit Hauptsitz in Leipzig war zu dem Zeitpunkt die zwölfte Landesbank in Deutschland", schreiben die Bankexperten der Technischen Universität Darmstadt in einem Aufsatz zur Geschichte der Sachsen LB.

Wichtiger ist eine andere Erkenntnis der Wissenschaftler: Nach der Wiedervereinigung habe es viel zu wenig Unternehmen gegeben, die die Sachsen LB mit Krediten hätte versorgen können - ihr fehlte schlicht die industrielle Kundschaft. Zum Erhalt seiner finanzpolitischen Eigenständigkeit jedenfalls hätte das Land die Bank nicht gebraucht. Das begrenzte Potenzial sei bei Gründung der Bank nicht berücksichtigt worden.

Gleichwohl läuft es die ersten Jahre geschmeidig, zumindest vordergründig. Bis die EU-Kommission 2001 ankündigt, bis 2005 die sogenannte Gewährträgerhaftung abzuschaffen. Sie erlaubt es staatlichen Banken dank der Haftung ihrer öffentlichen Eigner, billig Geld am Kapitalmarkt aufzunehmen - ein klarer Nachteil für privatrechtlich geführte Banken, dem Brüssel einen Riegel vorschiebt. Mit fatalen Folgen: Bis zum Stichtag am 18. Juli 2005 saugen sich die Landesbanken letztmals mit günstigem Kapital voll, und weil sie im Kreditgeschäft nicht genug verdienen, legen sie das Geld anderweitig an - etwa in Subprime-Krediten, die fälschlicherweise über gute Ratings verfügen.

Auch die Sachsen LB betreibt "Kreditersatzgeschäft". Warum auch nicht - ein richtiges Geschäftsmodell mit ausreichend Darlehenskunden hat sie ja ohnehin nicht. Über außerbilanzielle Zweckgesellschaften in Dublin kauft sie Giftpapiere, die hohe Renditen abwerfen. Das Geld dafür holt sie über kurzfristige Anleihen herein, die sie kaum verzinsen muss. Sie verdient prächtig, spart Eigenkapital und umgeht die deutsche Bankenaufsicht.

"Das war die goldene Kuh, der größte Ertragsbringer und der Grund, warum die Sachsen LB existierte", sagt einer, der damals nahe dran war.

Die selbstbewussten Sachsen treiben es besonders frivol. Zeitweise unterhält das Institut drei Zweckgesellschaften, die 26 Mrd. Euro verwalten - das ist 20-mal so viel wie das gesamte Eigenkapital der Bank. Anfang 2009 schreibt der Landesrechnungshof in einem Gutachten: "Weder die ab 2005 abnehmende Rentabilität des Kreditersatzgeschäfts noch die Erkenntnis, dass die Geschäfte nur noch aufgrund der staatlichen Garantien rentabel waren, hat die Verantwortlichen an der immer größeren Ausweitung dieser Geschäfte gehindert."

Der frühere Sachsen-LB-Chef Herbert Süß   Der frühere Sachsen-LB-Chef Herbert Süß

Im Gegenteil: Noch im Frühjahr 2007, Subprime ist bereits weltweit ein Thema, legen Bankchef Herbert Süß und seine Kollegen nach und gründen eine weitere Zweckgesellschaft. In den Bilanzen berichten Manager und die Wirtschaftsprüfer völlig unzureichend über die Risiken.

Dann durchkreuzt die Finanzkrise die Strategie der Sachsen LB, per Ad-hoc-Meldung muss sie ihre Kapitalmarktkapitulation bekannt geben. Insider freilich sind nicht überrascht. Sie haben seit Monaten geahnt, dass die Leipziger in Schwierigkeiten kommen könnten, denn in den USA fangen die Hauspreise plötzlich an zu fallen. "Jeder wusste, die Sachsen LB hat unheimlich eingekauft", sagt ein früherer Landesbankchef heute.

Es ist kein Wunder, dass die Branche Bescheid weiß, schließlich hatten mehrere Landesbanken damit geliebäugelt, die Sachsen LB zu übernehmen, um sich den ostdeutschen Markt zu sichern. Dass sie nicht zum Zuge kamen, darüber sind sie heute froh.

LBBW-Chef Siegfried Jaschinski dagegen lässt sich in der Stunde der Not in die Pflicht nehmen und übernimmt die Sachsen LB zum Jahreswechsel 2008. Eine Übernahme, die ihn später das Amt kosten wird, nachdem auch die LBBW vom Steuerzahler gerettet werden muss.

Und heute? Kommt Sachsen nach Bekunden der Landesregierung auch ohne eigene Bank aus. Seit der Übernahme durch die LBBW operiert die Sachsen Bank als unselbstständige Anstalt unter der LBBW. Nach wie vor residiert sie im alten Stammsitz in Leipzig. Von einstmals 600 Mitarbeitern sind nur noch etwa 250 übrig.

Die Aufarbeitung der Krise dagegen beschäftigt noch immer die Justiz. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Vorstände wegen Untreue, teils wurde Anklage erhoben. Der Freistaat selbst hat gegen acht Ex-Manager Schadensersatzklage erhoben. Die Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers, die die Bilanzen der Bank womöglich nicht sauber testiert haben, schlossen mit dem Freistaat einen Vergleich und zahlten 40 Mio. Euro. Die US-Investmentbanken, die der Sachsen LB damals Giftpapiere verkauft haben, werden inzwischen von Sealink in den USA auf Schadensersatz verklagt.

Gegen Milbradt und seinen Finanzminister Horst Metz (ebenfalls CDU) wurden dagegen keine Ansprüche geltend gemacht. Milbradt hatte zwar seit 2001 offiziell keine Verbindung mehr zur Bank, ihm wurden aber bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt im Mai 2008 enge Kontakte zur Institutsspitze nachgesagt. Immerhin: Metz und Milbradt mussten von ihren Ämtern zurücktreten.

Ihre heutigen Nachfolger sind unbelastet von der Fastpleite. Bloß immer zum Quartalsende, da werden sie erinnert an das was war. Einfach vergessen geht frühestens ab 2050.

  • Aus der FTD vom 17.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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