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Merken   Drucken   31.07.2008, 22:12 Schriftgröße: AAA

Fusionsgerangel: Die Dramen der Landesbanken

Dossier Sie locken und sie verlieben sich, sie streiten und sie hassen sich. Manche heiraten, die meisten indes scheitern bereits bei der Brautschau. Die Strippen ziehen stets Politiker, Bank- und Sparkassenchefs. Die FTD zeigt die aktuelle Lage - und blickt zurück auf 30 Jahre großes Theater.
von Nina Luttmer (Frankfurt)

Die Aussage Helmut Geigers könnte von heute stammen: "In der Sparkassenorganisation wird darüber diskutiert, durch Fusionen im Landesbankenbereich größere Einheiten zu schaffen."

PDF-Download: Die Wurzeln der sieben Landesbanken und der Deka   PDF-Download: Die Wurzeln der sieben Landesbanken und der Deka

Doch der langjährige Sparkassenpräsident - Geiger war von 1972 bis 1993 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) - beschreibt mit diesen Worten den Zustand vor mehr als 20 Jahren.

Am 31. Dezember 1987 sagt Geiger in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt", dass die Internationalisierung der Finanzmärkte zu wachsendem Wettbewerb führe, der größere Banken notwendig mache. Geiger spricht sich dafür aus, dass es nur noch vier Landesbanken geben sollte. Zudem warnt er vor zunehmenden Risiken im Bankgewerbe, etwa durch neue Finanzprodukte.

21 Jahre später gibt es noch immer sieben eigenständige Landesbanken in Deutschland, daneben die Deka-Bank als zentralen Fondsanbieter der Sparkassen. Einige der Institute sind in jüngster Zeit in die Bredouille geraten - durch die von Geiger thematisierten neuen komplexen Finanzprodukte beziehungsweise den mangelhaften Umgang mit ihnen. Die Diskussion um die von vielen Beobachtern als notwendig angesehene Fusion von Landesbanken wird lautstärker geführt denn je.

Südfusion: Am 17. Mai 1988 besiegeln der Chef der Landesbank ...   Südfusion: Am 17. Mai 1988 besiegeln der Chef der Landesbank Stuttgart Gerhard Volz (l.) und Bakola-Chef Heinrich Rünzi die Fusion ihrer Häuser zur SüdwestLB. Die Sparkassenpräsidenten Bruno Rühl (r.) und Lothar Faißt stehen dahinter

Die verschiedensten Kombinationen sind im Gespräch: LBBW und BayernLB, Deka und Helaba, für die WestLB wird so ziemlich jede Landesbank als Partner in Betracht gezogen. Viele altgediente Landesbanker und Sparkässler bezweifeln aber selbst jetzt, trotz der Schwächung der Institute durch die Finanzkrise, dass es in den kommenden Monaten zu Fusionen kommen wird. Mehr als 30 Jahre fortlaufender Debatten von Landesbankern, Sparkassenvertretern und Politikern haben gezeigt: Die Beharrungskräfte sind stark.

Die FTD hat in den Archiven gegraben und stellt vor, welche Konstellationen in den vergangenen Jahrzehnten im Raum standen - und warum daraus doch nichts wurde.

Wer: Helaba und WestLB

Gescheitert an: Ludwig Poullain und Nordrhein-Westfalen

Die Helaba gerät Mitte der 70er-Jahre in eine gefährliche Schieflage und muss vom Land Hessen und den Sparkassen gerettet werden. Ende 1976 kommt die Idee auf, dass die WestLB die Helaba übernehmen soll. DSGV-Präsident Geiger will den damaligen WestLB-Chef Ludwig Poullain für den Vorschlag gewinnen. Doch dieser ist - wie er später in seinem Buch "Tätigkeitsbericht" erklärt - gar nicht begeistert von dem Vorschlag, sich die schwächelnde Helaba ans Bein zu binden.

Er gibt daher vor, dass ihm eine Fusion mit der Helaba allein nicht ausreiche. Poullain fordert von Geiger, dass auch die Deutsche Girozentrale (DGZ) in das neue Bündnis mit eingeschlossen wird, die jeweils zur Hälfte den Sparkassen und den Landesbanken gehört. Später erklärt Poullain sein Kalkül: "Mit diesen Bedingungen wollten wir die Hürden so hoch ziehen, dass sie möglichst nicht genommen werden konnten."

Tatsächlich, so berichtet Poullain, bricht Geiger "der kalte Schweiß" aus, als er ihm die DGZ-Forderung vorträgt. Schließlich ist die DGZ, deren Verwaltungsratschef Geiger ist, "das einzige schmale Zipfelchen einer eigenen Hausmacht" für den DSGV, interpretiert Poullain die Reaktion des Sparkassenpräsidenten.

Insofern kommt es Poullain äußerst gelegen, dass plötzlich auch noch die BayernLB Interesse anmeldet mitzukonsolidieren. Sie fordert 50 Prozent an der Helaba und der DGZ, ist aber bereit, der WestLB die Führung im Management zu überlassen. "Je höher die Bayern die Mauer ihrer Forderungen zogen, desto lieber war uns das", schreibt Poullain später.

Der Zusammenschluss wäre aber auch ohne Poullains abweisende Haltung an den Widerständen der Landespolitiker in Nordrhein-Westfalen gescheitert. Diese, so erklären sie öffentlich, wollen nicht die Risiken der angeschlagenen Hessischen Landesbank übernehmen.

Wer: Landesbank Stuttgart, Badische Kommunale Landesbank (Bakola), Landeskreditbank und Landesgirokasse

Gescheitert an: dem Widerstand der Landesgirokasse

Der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) will die zersplitterte Bankenstruktur in Baden-Württemberg beseitigen. Dafür sollen sich die Bakola (Eigentümer: badischer Sparkassenverband), die Landesbank Stuttgart (Eigner: württembergischer Sparkassenverband), die Förderbank Landeskreditbank (Eigner: Land Baden-Württemberg) und die Landesgirokasse (Eigner: Stadt Stuttgart und Land Baden-Württemberg) zu einer schlagkräftigen Bank mit einer Bilanzsumme von mehr als 100 Mrd. DM zusammenschließen. Im April 1986 einigen sich die Eigner der Institute auf die Fusion.

Doch dann erteilt der Verwaltungsrat der Landesgirokasse dem Viererbündnis im Juni 1986 noch eine Absage. "Die inneren Widersprüche des Vierermodells, die geforderte Schließung von 80 Zweigstellen und nicht ausreichende betriebswirtschaftliche Vorteile und Verstärkungswirkungen aus Sicht der Landesgirokasse waren die wesentlichen Gründe", erklärt der Verwaltungsrat. Die Landesgirokasse hätte 80 von 135 Zweigstellen außerhalb Stuttgarts schließen müssen, lautet eine Bedingung der Sparkassen, die die Konkurrenz einer starken Landesbank fürchten.

Hinzu kommt, dass die Bakola 1985 und auch in den darauffolgenden Jahren wegen missratener Immobiliengeschäfte Wertberichtigungen von mehreren Hundert Millionen D-Mark vornehmen muss. Für die anderen Institute wird ein Zusammenschluss mit der Bakola dadurch nicht attraktiver.

Wer: Helaba und WestLB

Gescheitert an: Risiken der WestLB

"Die Pettingphase ist vorbei, nun geht es darum, den Akt zu vollziehen", zitiert "Der Spiegel" am 16. Juni 1988 einen Insider, der die Fusionsverhandlungen zwischen Helaba und WestLB verfolgt hat. WestLB-Chef Friedel Neuber und sein hessischer Kollege Herbert Kazmierzak scheinen entschlossen, ihre Häuser zusammenzuschmieden und mit einer Konzernbilanzsumme von 227 Mrd. DM die zweitgrößte deutsche Bank hinter der Deutschen Bank zu schaffen.

Die Institute öffnen die Bücher zur gegenseitigen Einsicht. Dabei stoßen die Hessen auf Risiken in den Büchern der WestLB, vor allem aus den umfangreichen Auslandsengagements. Diese Bürde will sich Hessen nicht aufbinden, zumal das Land und die Sparkassen die Helaba erst zehn Jahre zuvor mit Milliardenhilfen gerettet und saniert haben. Zudem hätten der hessische Sparkassenverband und das Land Hessen in einem fusionierten Institut laut einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuhand nur 25 Prozent gehalten - große Risiken, aber wenig Einfluss hätte es für die Hessen geheißen.

Die hessische Landesregierung kommt in dieser Zeit auch zu dem ordnungspolitischen Entschluss, dass der Staat keine Anteile an Banken halten sollte. Daher verschenkt Hessen die in Landesbesitz befindliche Nassauische Sparkasse (Naspa) an mehrere Landkreise. Seinen 50-Prozent-Anteil an der Helaba verkauft das Land mit Wirksamkeit zum 1. Januar 1990 an den hessischen Sparkassenverband. Der hält damit 100 Prozent an der Bank.

Wer: alle Landesbanken

Gescheitert an: eigentlich allen

Im Auftrag des DSGV erarbeitet die Unternehmensberatung McKinsey 1989 ein Gutachten zu den Landesbanken. Darin schlägt sie vor, die noch elf Landesbanken zu einem Spitzeninstitut zusammenzulegen. Dafür sollen zehn Banken auf die DGZ-Bank in Frankfurt verschmolzen werden.

Vor allem aber die Bayern wollen nicht unter das DGZ-Dach schlüpfen - und stimmen gegen den Plan, der Einstimmigkeit erfordert hätte. Aber auch aus Nordrhein-Westfalen gibt es offenen Widerstand. Die Politiker wollen ihre Landesbanken als wichtige Instrumente ihrer Strukturpolitik nicht aus der Hand geben.

Tatsächlich ist aber im Grunde kein Landesbankenmanager und kein Bundesland wirklich begeistert von dem Vorschlag des DSGV. Bayern und NRW sind nur nach außen hin die Verhinderer dessen, was sowieso niemand wollte.

Wer: Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) und BayernLB

Gescheitert an: der rheinland-pfälzischen Landesregierung

Die Mainzer und die Münchner führen 1990 Fusionsgespräche. Doch insbesondere in Rheinland-Pfalz ist man zögerlich, sich dem Riesen BayernLB zu unterwerfen. Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) spielt zudem mit dem Gedanken, die LRP zu privatisieren. Die Landtagswahlen in Bayern 1990 und dann in Rheinland-Pfalz 1991 verschlimmern die Zurückhaltung der Politiker noch. In Rheinland-Pfalz kommt es 1991 zu einem Regierungswechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Gelb unter Ministerpräsident Rudolf Scharping. Die Fusionspläne werden aufgegeben.

Wer: Helaba und Nord/LB/BayernLB

Gescheitert an: der Komplexität

Zunächst wird überlegt, Helaba und Nord/LB enger aneinanderzubinden, dann wird der Plan auf die BayernLB erweitert. Dabei soll es zumindest anfangs nicht zu einer richtigen Fusion kommen: Stattdessen wird angestrebt, dass sich die jeweiligen Sparkassenverbände gegenseitig an ihren Instituten beteiligen. In einem ersten Schritt sollen so Kooperationen zwischen den Instituten verbessert werden. Die Eigentümerstruktur der Landesbanken würde dadurch aber noch komplexer.

Zwischen dem Vorstandschef der Helaba, Karl Kauermann, und dem hessischen Sparkassenpräsidenten, Adolf Schmitt-Weigand, kommt es noch dazu zu Streit. Während Schmitt-Weigand eher mit der Nord/LB paktieren will, tendiert Kauermann eher zur BayernLB. Am Ende verlieren beide ihre Posten.

Wer: Nord/LB und Bankgesellschaft Berlin

Gescheitert an: unterschiedlichen Preis- und Terminvorstellungen

Seit 1994 hält die Nord/LB zehn Prozent an der Bankgesellschaft Berlin. Im Mai 1997 kündigen die Institute Fusionsverhandlungen an. Die Nord/LB soll unter das Dach der Berliner Holding schlüpfen, der neue Konzern Bankgesellschaft Berlin-Hannover AG seinen Sitz in beiden Städten haben. Das zu den Verhandlungen herangezogene Wertgutachten taxiert die Bankgesellschaft im November 1997 auf 10,8 Mrd. DM, die Nord/LB auf 9,8 Mrd. DM. Im März 1998 gibt die Bankgesellschaft bekannt, dass sie den Nord/LB-Eignern 1,3 Mrd. DM in bar für die Nord/LB zahlen will und sie zudem 125 Millionen neue Aktien an der Bank erhalten sollen.

Im Oktober 1998 wendet sich das Blatt: Die Eigner der Nord/LB kritisieren, dass sich der Börsenkurs der Bankgesellschaft binnen eines Jahres fast halbiert habe. Entsprechend gesunken ist der Wert des Aktienpakets, das die Nord/LB-Eigentümer bekommen sollten. Kurz darauf empfiehlt der Nord/LB-Aufsichtsrat, die Fusion wegen der Situation auf den Aktienmärkten und der Kursentwicklung der Berliner Bankaktie zu verschieben. Berlin will den "Akt" jedoch auf jeden Fall zum 1. Januar 1999 vollziehen.

Am 23. Oktober 1999 teilen die beiden Banken mit, dass "das vorgelegte Konzept eines Zusammenschlusses beider Banken nicht verwirklicht wird". Zu gegebener Zeit solle über die Fusion der Konzerne erneut entschieden werden, heißt es weiter. Daraus aber wird nichts.

Wer: Helaba und BayernLB/WestLB/LBBW/Nord/LB

Gescheitert an: der hessischen Landesregierung

Die hessischen Sparkassen wollen ihren 100-Prozent-Anteil an der Helaba reduzieren. Daher stellen sie 49-Prozent der Anteile zum Verkauf. Die WestLB, die BayernLB und die LBBW sind an dem Anteil interessiert, anfangs auch die Nord/LB. Doch die hessische Regierung unter dem neuen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) fürchtet um den Standort Frankfurt und bekundet plötzlich Interesse, selbst wieder Helaba-Anteile zu übernehmen. Sogar die FDP spricht sich dafür aus.

Die Regierung macht Druck auf den Sparkassenverband, nur noch 25 Prozent der Anteile zum Verkauf zu stellen. Die WestLB steigt daraufhin aus dem Prozess aus. "Mit diesem Anteil ist die Realisierung von strategischen Kooperations- und Synergiepotenzialen nur sehr begrenzt möglich", erklärt die Bank. Koch setzt sich vehement dafür ein, dass die BayernLB und die Helaba, eventuell auch noch die LBBW, unter ein gemeinsames Holdingdach schlüpfen. Diese Südbank lehnt die bayerische Regierung jedoch ab. Sie peilt erst eine Beteiligung und dann die Übernahme der Helaba an.

Das Fusionsfieber klingt ab. Hessen gibt 2000 den Wiedereinstieg bei der Helaba mit zehn Prozent bekannt, Thüringen nimmt fünf Prozent.

Wer: LRP/Deka/Helaba

Gescheitert an: der hessischen Landesregierung

Die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) sucht dringend einen Partner. Sie fürchtet, dass sich mit dem Wegfall der Staatshaftung im Juli 2005 ihr Rating verschlechtert. Der rheinland-pfälzische Sparkassenverband leiert Gespräche mit dem Sparkassen-Fondsanbieter Deka an. Dann kommt die Idee auf, die Helaba in das Bündnis miteinzubeziehen.

Doch wieder ist die hessische Landesregierung unter Roland Koch (CDU) gegen eine Fusion. Sie fürchtet um ihren Einfluss auf das neue Institut. "Wir haben größtes Interesse, dass es zu einer innerhessischen Verbundlösung kommt", erklärt die hessische Staatskanzlei.

Damit ist klar: Die hessische Landesregierung würde auch eine Fusion von LRP und Deka, ohne die Helaba, blockieren. Denn dadurch wäre ein großer Konkurrent zur Helaba am Finanzplatz Frankfurt entstanden. Dennoch werden um die Helaba auch in den nächsten Jahren noch Fusionsideen kreisen.

  • Aus der FTD vom 01.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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