Schon nach der Lehman-Pleite musste das französisch-belgische Geldhaus mit 6 Mrd. Euro gestützt werden. Das Zittern um Griechenland bringt die Bank abermals schwer in die Bredouille. Ein Überblick über ihre Probleme und die Lösungsmöglichkeiten.
von Claus HeckingBrüssel
und Reinhard HönighausFrankfurt
Die französisch-belgische Bankengruppe Dexia kämpft ums Überleben. Der Aktienkurs brach am Montag in der Spitze um 37,7 Prozent auf ein Rekordtief von 81 Cent ein. Dem Geldinstitut, das schon im Zuge der Lehman-Pleite vor dem Abgrund stand, wird sein Engagement in Griechenland zum Verhängnis.
Frankreich und Belgien sicherten der Bank Unterstützung zu: Die beiden Staaten sind nach eigenen Angaben bereit, für die Kreditaufnahme des auch in Luxemburg aktiven Instituts zu bürgen. Die Regierung werde "ihre Verantwortung für das Weiterbestehen der Bank wahrnehmen", sagte der amtierende belgische Ministerpräsident Yves Leterme. Anteilseigner und Sparer würden in der Krise "nicht einen Eurocent verlieren".
Auch Luxemburg ist nach Angaben von Finanzminister Luc Frieden zu Garantien bereit.
FTD.de beantwortet entscheidende Fragen zur Bedeutung des Kommunalfinanzierers und seiner Zukunft.
Bis zur Lehman-Pleite war Dexia der weltweit größte Kommunalfinanzierer. Die Gemeindefinanzierung ist auch heute noch das wichtigste Standbein der Bank. Daneben arbeitet Dexia für acht Millionen Privatkunden, hauptsächlich in Belgien und Luxemburg, weshalb Luxemburg Garantien in Aussicht stellt und eine vorübergehende Staatsbeteiligung nicht ausschließt.
Im Herbst 2008 hatten Belgien, Frankreich und Luxemburg Dexia mit einer Kapitalspritze von 6 Mrd. Euro gestützt. Hinzu kamen eine 100 Mrd. Euro schwere Garantie der drei Länder für einen Teil der Schulden der Bank, um Dexia den Zugang zu frischen Krediten zu erleichtern. Belgien und Frankreich bürgten überdies mit 16,6 Mrd. Dollar für risikobehaftete Vermögenswerte des Anleiheversicherers Financial Security Asset Management, einer mittlerweile verkauften Dexia-Tochter.
Um Nachteile für Wettbewerber durch die staatlichen Beihilfen zu vermeiden, verordnete die EU-Kommission dem Unternehmen eine Schrumpfkur: Bis Ende 2014 muss das Institut seine Bilanzsumme von 652 Mrd. Euro Ende 2008 um 35 Prozent verkleinern. Ende Juni lag sie nach Angaben der Bank bei 518 Mrd. Euro.
Für ein Institut dieser Größe ist Dexia vergleichsweise stark in hoch verschuldeten Staaten wie Griechenland engagiert: Ende Juni hatte das Institut noch 3,8 Mrd. Euro an Athener Staatsanleihen in seiner Bilanz. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank, deren Bilanzsumme rund vier Mal so groß ist, bezifferte ihr Griechenland-Risiko einschließlich der von der Postbank gehaltenen Anleihen zuletzt auf rund 1,2 Mrd. Euro.
Die Bank versorgte Städte und Regionen mit Liquidität. Für sie brachte sie Anleihen an den Markt, als die Schulden eines westlichen Staats noch mehr galten. Langfristige Verbindlichkeiten deckte das Unternehmen, indem es sich kurzfristig am Markt mit Geld versorgte - bis die Krise das Geschäftsprinzip killte.
In letzter Minute retteten die Regierungen in Paris, Brüssel und Luxemburg im Oktober 2008 die Bank durch Verstaatlichung, sonst wäre womöglich Gemeinden das Geld ausgegangen. Im Anschluss verordneten Regierungen und EU-Kommission die radikale Schrumpfkur bis 2014.
Auch das hohe Engagement in Griechenland belastet Dexia
Der nach der Verstaatlichung eingesetzte Chef Pierre Mariani steckt nach wie vor in den Sanierungsarbeiten. Bis heute ist die Bank von kurzfristiger Refinanzierung abhängig. Als der Kommunalfinanzierer Anfang August seine Halbjahresbilanz vorlegte, verbuchte er für das letzte Quartal einen Nettoverlust von mehr als 4 Mrd. Euro. Das ist selbst für die gebeutelte Dexia-Bank ein Rekord. Grund sind Rückstellungen für toxische US-Finanzprodukte.
Dexia und die größere BNP Paribas haben neben den griechischen Instituten die größten Bestände an griechischen Staatsanleihen unter den europäischen Banken. Dexias Außenstände in den anderen Problemländern Portugal und Spanien sind mit 1,45 Mrd. und 1,8 Mrd. Euro ebenfalls beträchtlich.
Im Gespräch ist die Gründung einer Bad Bank für Dexia. In dieses Auffangbecken für toxische Papiere sollten problematische Vermögenswerte wie griechische Staatsanleihen oder US-Suprime-Hypothekenkredite sowie unprofitable Unternehmensteile wie die italienische Crediop, die spanische Sabadell und die französische Dexia Credit Local eingegliedert werden, hieß es in belgischen Medien. Die Bad Bank soll durch Garantien der französischen und der belgischen Regierung abgesichert werden.
Paris strebt Zusammenschluss mit französischer Postbank an
In französischen Medien wird unter Berufung auf Regierungskreise spekuliert, Dexia könnte gemeinsam mit der französischen Postbank und der Caisse des Dépôts ein neues Kreditinstitut zur Finanzierung der öffentlichen Kommunen schaffen. Allerdings stoße das auf Ablehnung der Postbank.
Belgiens Ex-Premier Jean-Luc Dehaene leitet seit 2008 den Verwaltungsrat
Schon vor einem Jahr hatte die Pariser Regierung den Gedanken eines engen Pakts mit der französischen Postbank lanciert - damit könnte man dem Kommunalfinanzierungsgeschäft auf Dauer Liquidität verschaffen, so die Idee. Es kam allerdings nur zu einem Abkommen zwischen beiden Häusern, nach dem die Postbank für 3,2 Mrd. Euro Dexia-Anleihen kaufte.
"Ich will kein Monster schaffen, das die Bedürfnisse beider Seiten nicht befriedigt", begründete Augustin de Romanet, Chef der staatlichen französischen Investitionkasse CDC und heute einer der größten Dexia-Anteilseigner, damals seine Ablehnung einer Fusion. Im zweiten Anlauf könnte die Regierung in Paris den Zusammenschluss nun erzwingen.
Profitable Unternehmensbereiche wie die türkische Denizbank, die Dexia-Bank Belgium und Dexia Asset Management sollen belgischen Medien zufolge verkauft werden. Allerdings ist der Zeitpunkt denkbar ungünstig. Nach dem Kurseinbruch im Sommer werden Finanzdienstleister an den Börsen so niedrig bewertet wie seit der Lehman-Krise im Herbst 2008 nicht mehr.
Die Ratingagenturen haben sich noch nicht über die möglichen Folgen einer neuen, milliardenschweren Bankenrettung für die Kreditwürdigkeit Frankreichs und Belgiens geäußert. Standard & Poor's hatte das "AAA"-Toprating Frankreichs nach der Herabstufung der USA und dem Aktienkrach im August noch ausdrücklich bestätigt. Belgien hat derzeit das zweitbeste Rating "AA+".
Für Belgien ist die Rettung besonders problematisch. Zum einen hat das Land fast 16 Monate nach den Parlamentswahlen noch immer keine reguläre Regierung. Einen Haushaltsplan für die kommenden Jahre gibt es noch nicht. Zum anderen ist Belgien einer der höchst verschuldeten Staaten der Euro-Zone. Schon ohne die Dexia-Rettung liegt der Schuldenstand bei fast 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.
Kosten für Absicherung gegen belgische Staatspleite steigen
Allein 2012 muss die Regierung mehr als 8 Mrd. Euro einsparen, um das Haushaltsdefizit wieder unter die Drei-Prozent-Marke zu drücken. Die Ratingagenturen S&P und Fitch haben in den vergangenen Monaten gedroht, die Bewertung für Belgien herabzustufen.
Die Finanzmärkte haben Belgien und Frankreich im Laufe des Jahres immer mal wieder ins Visier genommen - auch wenn die Risikoaufschläge Brüsseler Staatsanleihen und erst recht Bonds der Pariser Regierung noch lange nicht so hoch sind wie die auf griechische, portugiesische, irische, spanische oder italienische. Die Ausfallprämie für Kreditversicherungen auf Belgien-Bonds mit fünfjähriger Laufzeit erreichte am Dienstagmittag ein Rekordhoch von 2,86 Prozentpunkten, 0,14 Prozentpunkte mehr als am Montag.
Fünfjährige Kreditausfallversicherungen auf französische Anleihen verteuerten sich nach Angaben des Datenanbieters Markit um neun auf 198 Basispunkte. Das bedeutet, dass es inzwischen 198.000 Euro kostet, Schulden der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone in Höhe von zehn Mio. Euro abzusichern.
Von allen mit der Topnote "AAA" bewerteten Euro-Ländern hat Frankreich derzeit das mit Abstand höchste Haushaltsdefizit. Im vergangenen Jahr waren es 7,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat versprochen, bis 2013 das EU-Defizitziel von maximal drei Prozent des BIP wieder einzuhalten. Um das zu erreichen, setzt er vor allem auf höhere Steuereinnahmen durch Wirtschaftswachstum. Neue Milliardenhilfen für die Banken könnten dieses Ziel allerdings durchkreuzen.
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