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Merken   Drucken   12.04.2011, 16:26 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: Diese zehn Sieger helfen Deutschlands Patienten

Die FTD hat gesucht - und zehn vorbildliche Ideen prämiert. Denkverbote gab es nicht. Da wurden Patientinnen zu Helferinnen ausgebildet - und eine Arzneipolizei wachte streng über Medikamente. Hier die Projekte und ihre Initiatoren.
Wer schmiedet wegweisende Kooperationen? Wer bringt mehr Transparenz in den undurchsichtigen Markt? Wer steigert die Qualität der Patientenversorgung? Zum sechsten Mal hat die Financial Times Deutschland ihre Leser Anfang des Jahres dazu aufgerufen, Ideen aus der Gesundheitswirtschaft einzusenden. Aus mehr als 100 Kandidaten wählte die Jury die fortschrittlichsten Projekte aus. Dies sind die zehn Sieger 2011.
Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt der Volksmund. Die Krankenkasse KKH-Allianz hat diese Weisheit wörtlich genommen. Frauen mit Koronarer Herzkrankheit (KHK), die unter ängstlichen oder depressiven Symptomen leiden, werden dabei zu Gesprächspartnerinnen für Patientinnen mit denselben Problemen.
Den Zusammenhang zwischen psychischen und Herzerkrankungen zeigen auch Zahlen der Krankenkasse: Patienten mit einer Kombination aus Herzkrankheit und Depression verursachen um 31 Prozent höhere Kosten als Fälle ohne Depression.
Als erste Kasse hat die KKH-Allianz darum Patientinnen als Helferinnen ausgebildet. Weil diese oft schon in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind und nur schwer den Kontakt zu Selbsthilfegruppen finden, erleichtert das Telefon den Zugang zu den elf von Psychologen ausgewählten Frauen, die bei der KKH-Allianz seit November 2010 ehrenamtlich arbeiten.
Die FTD-Jury lobte: "Dieser Peer-to-Peer Ansatz verspricht eine gute Akzeptanz. Solche Ansätze sollten häufiger verfolgt werden."
Die AOK Niedersachsen legt die Behandlung von Schizophrenie-Patienten in die Hände einer privaten Managementgesellschaft. Erstmals organisiert damit eine Pharmatochter die Versorgung von tausenden Patienten - und verantwortet das Budget.
Schizophrenie-Therapie ist komplex und macht eine enge Zusammenarbeit von Krankenhäusern, Rehakliniken, niedergelassenen Fachärzten und Fachpflegern nötig. Zu 80 Prozent verläuft die Krankheit chronisch - vor allem, wenn die Behandlung zu spät einsetzt, etwa weil die Vernetzung der Sektoren nicht stimmt.
Dies wollen die AOK sowie die I3G, eine Tochterfirma des Pharmakonzerns Johnson & Johnson, ändern. Ein Vertrag zur integrierten Versorgung ist seit Oktober 2010 in Kraft. In Leitstellen übernehmen Nervenärzte das Fallmanagement und koordinieren Behandlungspfade in ambulanten Strukturen. "Ein bemerkenswerter Kern des Projekts besteht in der Budgetverantwortung der Managementgesellschaft, die einen Anreiz für effiziente ambulante Strukturen schafft", urteilte die FTD-Jury.
Die Techniker Krankenkasse (TK) baut eine Versorgungssteuerung auf, um Arzneimittelkosten und Klinikbehandlungen zu reduzieren. Selektivverträge sollen Haus- und Fachärzte sowie Kliniken vernetzen, eine gemeinsame Vertragssoftware soll die Versorgung transparent und nachvollziehbar machen.
Die TK greift so zwei zentrale Probleme auf: Viele Ärzte verordnen teure Medikamente, obwohl es günstige Alternativen gibt. Und viele Patienten werden für viel Geld in Kliniken behandelt, obwohl es auch günstiger bei niedergelassenen Fachärzten ginge.
Die TK knüpft in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Selektivverträge mit Ärzten und Kliniken zu einem Versorgungsnetz, um Patienten verlässliche Behandlungspfade zu bieten und eigene Ausgaben zu reduzieren.
Zentrales Instrument: eine gemeinsame Software für alle Partner, die bei der Steuerung von Verschreibungen und Überweisungen hilft - was bisher kaum konsequent umgesetzt wird. Laut Jury ein "innovativer, ganzheitlicher Ansatz zur Versorgung in ländlichen Gebieten, der die Hausärzte an zentraler Stelle einbezieht".
Die Tempis-Kliniken in Bayern nutzen ihre telemedizinische Ausstattung, um die Versorgung von Schlaganfallpatienten zu verbessern. Sie sollen von Experten nicht mehr nur im akuten Notfall per Videokonferenz behandelt werden.
Auch Sterbenden kann auf diesem Weg geholfen werden. Rund 250.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall. Deren akute Behandlung wird bereits recht häufig telemedizinisch unterstützt, auch im Netzwerk der Tempis-Kliniken, einem Projekt in der Region Südost-Bayern.
Die Bildschirme dafür werden aber nur ein- bis zweimal täglich gebraucht. Der Verein PalliaHOMEmed und die Tempis-Kliniken wollen die Geräte nun auch während der übrigen Zeit nutzen: für die Palliativbehandlung.
So sollen auch in Kliniken ohne Palliativstation Sterbende optimal versorgt werden - was bei Schlaganfallpatienten besonders anspruchsvoll ist. "Telemedizin bedeutet für ländliche Regionen einen großen Fortschritt - zumal in diesem Projekt demonstriert wird, wie man ohnehin vorhandene Ressourcen intelligent einsetzen kann", lobte die FTD-Jury.
Das Verbundklinikum Landkreis Ansbach und das Softwareunternehmen iSoft verbinden eine gemeinsame digitale Patientenakte für Krankenhäuser und zuweisende Ärzte mit einem telemedizinischen Angebot für Patienten. Ungeachtet der stockenden Einführung einer elektronischen Patientenakte durch Politik und Selbstverwaltung wird hier eine eigene Lösung erarbeitet.
In das System, das bis Ende 2012 stehen soll, fließen die medizinischen Daten aus allen Häusern des Verbunds sowie der niedergelassenen Mediziner ein - außerdem auch jene Daten, die Patienten selbst mit mobilen Geräten ermitteln. Die digitale Akte soll Basis sein für die qualitative und wirtschaftliche Verbesserung von Behandlungsprozessen, etwa durch ein Terminplanungstool, um unnötige Wartezeiten und Doppeluntersuchungen zu vermeiden, die Auslastung von Betten, OP-Sälen und Geräten zu verbessern.
Für die FTD-Jury ein einzigartiger Ansatz, weil er "eine IT-Plattform mit einer elektronischen Patientenakte verbindet, Sektorengrenzen überwindet und darüber hinaus eine Homecare-Struktur aufbaut".
Wenn mehrere Medikamente zusammenkommen, ist Vorsicht geboten. Bekommt ein Patient mehrere Mittel, kann es verheerende Wechselwirkungen geben. Sie sind für fünf Prozent der Klinikaufenthalte verantwortlich, schwerwiegende Folgen haben sie bei etwa zwei bis sieben Prozent der Patienten - und verursachen damit auch erhebliche Kosten.
Eine Verordnungssoftware, die sämtliche Medikamente, die ein Patient erhält, schon vor der Ausgabe auf mögliche unerwünschte Wirkungen abklopft und mit der Komplexität des klinischen Alltags zurechtkommt, ist bisher aber nur in den wenigsten Kliniken im Einsatz. Das Unternehmen RpDoc sieht diesen Anspruch mit seiner Lösung erfüllt.
Die Software läuft in unterschiedlichsten IT-Umgebungen, unterstützt den kompletten Medikationsprozess, informiert rechtzeitig über kritische Ereignisse und überwacht einzelne Verordnungen oder Risiken einer ganzen Abteilung. "Innerhalb von Kliniken arbeitet die Software unabhängig von Unterschieden in den Fachbereichen und ist insofern eine Neuigkeit", so die FTD-Jury.
Die Klagen der Apotheker sind sprichwörtlich: Durch die Rabattverträge ist ihr Verwaltungsaufwand enorm gestiegen. Angesichts der neuen Schwierigkeiten etwa bei der Warenwirtschaft in einer Apotheke hat sich die DocMorris Apotheke Real Linden in Hannover selbst geholfen: Das System Apowatch läuft derzeit in einer Testphase. Es überwacht den Arzneiverbrauch und organisiert die Kommunikation zwischen Arzt, Patient und Apotheker.
Ärzte wissen, welche Mittel einem Patienten bereits verschrieben wurden, können also Doppelverordnungen vermeiden, und bekommen Bescheid, wenn sie ein alternatives Mittel wegen geänderter Rabattverträge verschreiben sollen. Apowatch informiert auch Patient, Arzt und Apotheker per E-Mail, SMS, Fax, Voicemail oder Postkarte, bevor Medikamente aufgebraucht sind.
Die FTD-Jury urteilte: "Da die mangelnde Therapietreue vieler Patienten ein zentrales medizinisches und auch ein wirtschaftliches Problem ist, das die Versorgungsqualität beeinträchtigt, handelt es sich bei dieser Eigenentwicklung einer Apotheke um einen innovativen Ansatz."
Was logisch und einfach erscheint, hat noch niemand so konsequent angepackt wie die AOK Nordwest. Vor sieben Jahren begann die Krankenkasse ihren Versicherten Gesundheitssport anzubieten.
Die Zielgruppe der Zusammenarbeit von Kasse, Sportvereinen und Fitnessstudios waren vor allem Arbeiter, Erwerbslose und Menschen mit Bewegungsmangel oder Beschwerden wie Kreislaufstörungen, Muskel-, Wirbelsäulen-, Gelenk-, Stoffwechsel- oder Rückenleiden. Gewissermaßen holte die AOK ihre Klientel dort ab, wo sie nicht mehr so oft hin sollte: beim Arzt.
Mehr als 1300 Niedergelassene haben ihren Patienten auf Bitten der AOK einen der Kurse empfohlen. Mehr als 18.165 Menschen kamen zu den, seitdem 1708 evaluierten Kursen. Danach ging die Mehrzahl weniger oft zum Arzt und nahm weniger Medikamente. "Innovativ und interessant ist die Verschränkung des ersten mit dem zweiten Gesundheitsmarkt: Es handelt sich um eine ungewöhnliche Allianz von Kostenträgern, Leistungserbringern sowie Anbietern des zweiten Gesundheitsmarkts", lobte die FTD-Jury.
Was in anderen Ländern längst zum etablierten Repertoire gehört, steht in Deutschland noch nicht einmal im Leistungskatalog der Krankenkassen: Trotz nachgewiesener Effekte von Psychoedukation bei Depression sind entsprechende Gruppenangebote in Deutschland selten zu finden.
Informationen über die körperliche oder psychische Erkrankung sind für Betroffene und deren Angehörige allerdings von großer Bedeutung, weil sie die professionellen Angebote der Versorgung ergänzen und die Therapietreue der Patienten unterstützen. Das Deutsche Bündnis gegen Depression und die Techniker Krankenkasse beheben diese Versorgungslücke und bauen zusätzlich zur Regelversorgung ein Netz zur Psychoedukation bei Depression auf, der Wissensvermittlung über die Krankheit in Gruppen bei gleichzeitiger Selbsthilfe.
Die FTD-Jury urteilte: "Nach allen bekannten Evaluationen funktioniert die Psychoedukation in Gruppen. Durch die Kooperation mit einer Krankenkasse und den Anspruch an eine bundesweite Verbreitung verdient dieses Projekt eine große Beachtung."
Betriebliches Gesundheitsmanagement vor allem für mittelständische Firmen - dies ist immer noch eine Ausnahme in Deutschland. In unmittelbarer Nähe der Metropolregion Rhein-Main sieht sich der Landkreis Marburg-Biedenkopf im Wettbewerb um die besten Fachkräfte herausgefordert: Wer hier arbeitet, soll in möglichst jedem Betrieb ein gutes Gesundheitsmanagement erhalten.
Ein Netzwerk von Gesundheitsanbietern, das der Landkreis aufbaut, soll jeder Firma ein umfassendes Angebot zur Verfügung stellen: vom Arbeitsschutz über Gesundheitsförderung bis zur Prävention mit gezielten Interventionen gegen Stress, Rückenschmerzen oder Burnout.
Gesundheitspartner, Mitarbeiter in den Firmen, die zu Gesundheitsexperten ausgebildet werden, sollen den Bedarf erkennen und Angebote aus dem Netzwerk vermitteln. "Betriebliches Gesundheitsmanagement kann zu einem Standortvorteil werden. Dies kommt einer wichtigen Strukturmaßnahme gleich - ein Vorbild auch für andere", lobte die FTD-Jury. Michael Carlin
Kandidaten Die Resonanz war groß. Weit mehr als 100 Vorschläge trafen ein, die letzten noch in der Nacht und Minuten vor Einsendeschluss, nachdem die FTD ihre Leser im Frühjahr gebeten hatte, neue Geschäftsmodelle einzusenden, die das Potenzial haben, das Gesundheitssystem zu verbessern.
Ausschreibung Zur Teilnahme aufgerufen waren Unternehmen, Krankenkassen, Krankenversicherungen, Privatpersonen und Institutionen der gesamten Branche. Akzeptiert wurden dabei vielversprechende, aber noch nicht realisierte Ideen sowie Pilotprojekte und bewährte Geschäftsmodelle.
Preisträger Auf der FTD-Konferenz Gesundheitswirtschaft, die am Montag in Berlin begonnen hat, werden die zehn Gewinner präsentiert.
Jury Wie in den vergangenen Jahren bestand die Jury aus sechs Branchenexperten: Heinz Lohmann (Berater in der Gesundheitswirtschaft), Sophia Schlette (Bertelsmann Stiftung), Matthias Schrappe (Sachverständigenrat), Ulrich Wandschneider (Mediclin), Jürgen Wasem (Universität Duisburg-Essen) und Nikolaus Förster (Chefredaktion G+J Wirtschaftsmedien). In ihren jeweils einstimmigen Entscheidungen orientierte sich die Jury an folgenden Kriterien:
Innovationsgrad Gibt es vergleichbare Projekte im In- oder Ausland?
Relevanz Wie groß ist der Veränderungsbedarf?
Qualität, Effizienz, Transparenz Lassen sich Qualität und Transparenz steigern und Kosten senken?
Durchsetzbarkeit Lässt sich die Idee finanziell und politisch durchsetzen?
Reichweite Entfaltet das Projekt strukturelle Wirkung auf das Gesundheitssystem?
  • FTD.de, 12.04.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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