Es wird voll im Gerichtssaal 601. Auf den hellen Holzbänken sitzen gut 80 Anzugträger dicht gequetscht nebeneinander und tippen nervös in ihre Blackberrys. Wer keinen Sitzplatz findet, drängt sich in die Seitengänge. Eigentlich sollte die Anhörung von
Lehman Brothers vor dem Konkurgericht Manhattan längst begonnen haben. Es ist die größte Pleite in der Geschichte der USA, die seit Dienstag vor dem wichtigsten Konkursgericht des Landes verhandelt wird. Doch es tut sich erst mal nichts. Eine Ordnerin bittet die Stehenden, sich nicht auf die Klimaanlage zu setzen. Ein Ordner bringt noch ein paar Stühle vorbei. Ein Anwalt fragt gelangweilt die Kollegin, die neben ihm sitzt: "Soll ich jetzt den Sportteil oder den Finanzteil lesen?" "Ist ja beides irgendwie aufregend", sagt sie verunsichert. Er entscheidet sich für den Sport.
Die Anzugträger sind vorwiegend Anwälte, die die Interessen der Gläubiger vertreten. Doch auch Manager von Hedge Fonds haben sich darunter gemischt. "Wir sind hier um unsere Möglichkeiten auszuloten", sagt einer, der weder seinen Namen noch seine Firma nennen will. Die Anhörung ist verspätet, so munkelt man, weil
Lehman immer noch mit der drittgrößten britischen Bank
Barclays über den Verkauf von der Brokereinheit verhandele. Später wird das Geschäft perfekt gemacht.
Doch dann - endlich - betritt Richter James Peck den Raum. Der 62-Jährige wurde per Los bestimmt, die Reste von Lehman Brothers an die Gläubiger zu verteilen, die insgesamt Forderungen von 613 Mrd. $ haben - dreimal so viel wie bei Worldcom und Enron, den beiden bisher größten Pleitefällen, zusammen. Erst am Sonntag hat es die viertgrößte Investmentbank des Landes erwischt. Über 25000 Mitarbeiter mussten zusehen, wie über Nacht das 158 Jahre alte Institut einfach zusammenbricht wie ein Kartenhaus.
Lehmans Anwalt Shai Weisman von der Kanzlei Weil, Gotshal & Manges nimmt sich bei seinem Vortrag viel Zeit, um die Ereignisse der vergangenen Tage noch einmal zusammen zu fassen. "Die Fed hat am 12. September staatliche Hilfe ausgeschlossen. Das Unternehmen hat weiter nach strategischen Alternativen gesucht - allerdings war keine realisierbare Lösung greifbar", sagt er mit tragender Stimme. Doch seine Worte kommen nicht wie gewünscht beim Publikum an: Der Lautsprecher rauscht so stark, dass man ihn im Saal kaum verstehen kann.
Lehman ist auf den bevorstehenden Verhandlungen längst noch nicht vorbereitet. Noch gibt es keinen Treuhänder, auch der Ausschuss der Gläubigervertreter, der deren Interessen im Prozess vertreten soll, ist noch nicht gewählt.
Aber noch am selben Abend soll es ein Treffen geben, bei dem ein Ausschuss ernannt werden kann, schlägt Anwalt Weisman vor.
Auch die vorgesehenen Fristen kann die ehemals viertgrößte US-Investmentbank nicht einhalten. Die Abläufe seien so komplex und verschieden, dass der vorgesehene Zeitplan von 15 Tagen nicht eingehalten werden könne. Statt dessen fordert Lehman 45 zusätzliche Tage. Richter Peck stimmt zu. Er betont auch, dass er den Gläubigerschutz weltweit zusichern will. Die Dimension des Falles ist ihm offenbar bewußt. Sein bisher größter Fall war die 3 Mrd.-$-Pleite des Druckereikonzerns Quebecor war, der das "Time"-Magazin, die US-Ausgabe der Frauenzeitschrift "Cosmopolitan" und die Harry-Potter-Bücher druckt.
Der Fall Lehman wird ihn und das Gericht noch Jahre beschäftigen.