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Merken   Drucken   19.05.2009, 13:30 Schriftgröße: AAA

Internet: Twitter-Volkstribunal für Banker  

Die US-Banken wollen wieder auf ihre Kunden hören. Einzelne Häuser haben deswegen mit dem Twittern begonnen - und lassen sich jetzt öffentlich beschimpfen. von Sebastian Bräuer
Goldman Sachs, oft genug Pionier, wenn es um neue strategische Nuancen geht, versucht es immerhin zaghaft. Die einstmals größte Investmentbank versorgt die Welt unter dem Twitter-Namen "GS_News" mehrfach täglich mit Nachrichten. 140 Zeichen, mehr sind nicht möglich. Egal, ob die Ratingagentur Fitch die Anleihen neu bewertet oder ob die hauseigenen Ökonomen einen Anstieg des Ölpreises prognostizieren - wer möchte, kann es über Twitter sofort erfahren. Goldman bietet also Pressemitteilungen in Superkurzform an. Weil Twitter eigentlich vom Dialog mit den Nutzern lebt, ist das zwar erst ein vorsichtiger Vorstoß. Für die traditionell zurückhaltende Bank kann das aber als Aufbruch in die kommunikative Zukunft durchgehen.
Weiter ist Wells Fargo. Die Großbank hat ihren Sitz in San Francisco, in der Nähe des Silicon Valley, dem Hauptquell von Internet-Innovationen. Unter "Ask_WellsFargo" beantworten Mitarbeiter Kundenanfragen, beraten bei finanziellen Entscheidungen und setzen sich mit Kritik auseinander. Fast 1500 Twitter-Nutzer haben das Wells-Fargo-Angebot bereits abonniert, dazu kommt eine unbekannte Zahl von Interessenten ohne Abo.
Viele Twitterer nutzen das Angebot, um ihrem Ärger Luft zu machen. Der Tonfall ist oft scharf, wie im Internet üblich. Passende Antworten sind schwierig zu formulieren, da man sich dabei auf 140 Zeichen beschränken muss. Sean Rea, Softwareentwickler aus San Francisco, kann die Website von Wells Fargo nicht öffnen und schreibt: "Macht einen Backup eurer Seite. Oder feuert eure Techniker. Das ist ganz schön dumm." Wells Fargo antwortet: "Wir sind zu 100 Prozent zurück. Telefonberatung ist ebenfalls verfügbar. Vielen Dank für Ihre Geduld! Wir entschuldigen uns für die Unpässlichkeit."
Sean Rea giftet zurück, es gehe immer noch nicht. Wells Fargo antwortet, dass das System funktioniere, und entschuldigt sich nochmals. So geht das hin und her, bis Rea irgendwann Ruhe gibt.
Außerdem wird die Offenheit einiger Internetnutzer zum Problem: Immer wieder müssen die Bankmitarbeiter bitten, keine persönlichen Daten zu twittern, weil alle mitlesen können. In Guatemala wurde vergangene Woche gar ein Twitterer verhaftet. Er hatte den Aufruf verbreitet, die Einlagen von einer Bank abzuziehen, die seiner Ansicht nach von Korrupten geführt werde. Jetzt formiert sich ein weltweiter Protest gegen die drastische Maßnahme - über Twitter.
  • Aus der FTD vom 19.05.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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