Zwar bemisst sich die Bedeutung einer Ratingagentur nicht daran, ob sie imstande ist, an den Märkten Unruhen auszulösen. Vielmehr hatte die Politik den Bonitätsfirmen während der Griechenkrise im Frühsommer ja gerade vorgeworfen, dass sie mit ihren drastischen Herabstufungen das Unheil verstärkt hätten. Andererseits kann es nicht im Interesse der Branche liegen, nur zu diagnostizieren, was die Märkte längst festgestellt haben. In der Neuauflage der europäischen Verschuldungskrise aber, so scheint es, passiert genau das.
Während die Märkte mit ihren immer höheren Renditeforderungen zunächst die Iren und bald vielleicht auch Portugal unter den EU-Rettungsschirm drängen, wurde Dublin von Moody's und S&P noch Anfang letzter Woche mit "Aa2" beziehungsweise "AA-" bewertet - also als sicherer Schuldner mit nur leichtem Ausfallrisiko. Spanien steht bei S&P noch immer bei "AA-", und selbst Portugal genießt mit einem "A-" weiterhin sicheren Investmentgrade-Status.
"Die Agenturen hängen derzeit weit hinter den Einschätzungen der Investoren hinterher. Die Ratings für Madrid, Lissabon oder Dublin haben mit der Realität an den Märkten nicht viel zu tun", sagt Stefan Angele, Portfoliomanager beim Schweizer Vermögensverwalter Swiss Global. Und Reiner Back, Anleihechef bei Meag, dem Asset Manager von Munich Re, sagt: "Im Moment scheint es so zu sein, dass die Märkte die Ratingagenturen treiben - und nicht umgekehrt."
Letztlich ist schwer zu beurteilen, ob die Ratingagenturen die Krise verschlafen haben, ob sie die Lage schlicht anders beurteilen als der Markt - womit sie am Ende ja auch richtig liegen könnten - oder ob sie dieses Mal bewusst vorsichtiger sind, um sich nicht wieder den Zorn der Politik zuzuziehen. Und: Noch ist Krise nicht vorbei: "Moody's beispielsweise dürfte Irlands Kreditwürdigkeit bald um mehrere Stufen herabstufen. Auch Portugal könnte demnächst wieder abgestuft werden", sagt Rüdiger Kerth, Anleihefondsmanager bei Union Investment. Je nachdem, wie stark die Schritte ausfallen, könnten die Märkte doch wieder in Panik geraten. Dann wäre den Agenturen auch der Zorn der Politik wieder sicher.