Wenn die Deutsche Bank ihre Filialleiter von Bürokratie entlastet, JP Morgan die Zahl der Anleihehandelsplattformen reduziert und sich die Commerzbank aus der Schiffsfinanzierung zurückzieht, so scheinen die Maßnahmen auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben. Doch die Banken verfolgen damit das gleiche Ziel: Sie wollen die Abläufe einfacher machen, übersichtlicher und effizienter - sei es im Vertrieb von Produkten, im Handel von Wertpapieren oder gar in der Steuerung der Gesamtbank. Und über allem steht der Wunsch nach niedrigeren Kosten.
Weniger Komplexität, danach streben derzeit viele Banken. In der Vergangenheit sind sie zu unübersichtlichen Gebilden mutiert, in denen viel Geld in ineffizienten Strukturen versickert. "Komplexität ist bei Banken der größte Wertvernichter", sagt Niclas Storz, Bankenexperte bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Nach ihren Berechnungen stiegen die Aufwendungen bei deutschen Banken seit 2002 um durchschnittlich drei Prozent pro Jahr, während andere Industrien in der gleichen Zeit ihre absoluten Kosten in vergleichbarer Höhe senken konnten.
Wie in jedem Großkonzern existieren bei Banken Abhängigkeiten zwischen Abteilungen oder Sparten, die sich aus den einzelnen Arbeitsschritten ergeben. Wenn etwa ein Kunde einen Kredit abschließt, so sind damit mehrere Personen beschäftigt: der Marketingexperte, der das Produkt entwickelt, der Filialmitarbeiter, der berät und den Vertrag abschließt, und der Kreditprüfer, der die Bonität des Kunden bewertet. Und dazu gesellt sich noch der IT-Fachmann, der im Hintergrund die automatische Abwicklung sicherstellen soll.
Solch aufwendige Strukturen lassen sich kaum vermeiden. Gefährlich wird es, wenn die Prozesse unübersichtlich und unkontrollierbar werden, es zu Doppelarbeiten kommt und Firmen ihre Ressourcen nicht gut ausnutzen. Sei es, weil eine Bank für ihre Sparten mehrere IT-Systeme nutzt oder ein neues Produkt ein aufwendigeres Risikokontrollsystem erfordert, das sonst nicht nötig wäre. Dann verschlingt Komplexität unnötig Geld, und die Gefahr ist immer dann groß, wenn Institute möglichst viele Bereiche abdecken wollen. "Wenn Banken viel kleinteiliges Geschäft machen, geht der positive Effekt durch Skaleneffekte verloren", sagt Jan Hagen, Leiter der Praxisgruppe Banken an der European School of Management and Technology in Berlin.
Als die Gewinne der Banken noch sprudelten, fiel das Chaos im eigenen Haus nicht so ins Gewicht. Heute kann sich die Branche Nachlässigkeiten nicht mehr leisten. Die Erträge steigen künftig allenfalls schwach. Der Weg zu höheren Gewinnen führt folglich über Einsparungen und eine bessere Effizienz, etwa durch einfachere Abläufe. Storz beziffert den Bedarf an Kostensenkungen in der Finanzbranche auf 20 bis 30 Prozent. "Das führt dazu, dass die Banken sehr radikal umdenken und neue Wege der Industrialisierung einschlagen müssen."
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Doch nicht nur der Kostendruck bringt die Banken dazu, ihr Geschäft zu vereinfachen. Auch die Aufsichtsbehörden drängen sie in diese Richtung. In den USA mussten jüngst die größten Institute den Aufsichtsbehörden ihre Testamente vorlegen für den Fall, dass sie abgewickelt werden müssen. Damit erzwingen die Regulierer einfachere Strukturen, die sie selbst noch kontrollieren und im Notfall entflechten können. Immerhin beweisen die Banken selbst, wie gefährlich Größe sein kann. Die Fehlspekulationen eines Händlers von JP Morgan Chase, die auf fehlende Kontrolle zurückzuführen sind, kosten das Institut bislang 5,8 Mrd. Dollar (4,8 Mrd. Euro ), im schlimmsten Fall könnten es 9 Mrd. Dollar werden. "Solche Banken sind schlicht zu groß und zu komplex, als dass das Management noch kontrollieren könnte, was alles geschieht", urteilt der US-Ökonom Simon Johnson. Too big to manage.
Die Rückkehr zu einfachen Strukturen fällt noch leicht, solange es nur um die Aufgabe einzelner Produkte geht. Mitunter zwingt der Komplexitätsabbau die Banken aber zu harten strategischen Einschnitten, wie der Rückzug der Commerzbank aus der Schiffsfinanzierung belegt. "Das Thema berührt die Kernfrage, wie sich Banken künftig aufstellen wollen", betont Hagen. Sie müssten abwägen zwischen größtmöglicher Standardisierung und individueller Kundenorientierung. Eine Wahl zwischen Generalist und Spezialist. "Nur ein Generalist, der groß ist, kann sich Komplexität künftig noch leisten", so Hagen. Die kleineren würden zerrieben im Wettbewerb mit den Spezialisten.